Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Arbeitszeit: Kürzer für alle passt nicht

Claus Weselsky, Chef der Lokführergewerkschaft GDL, pocht auf eine kürzere Wochenarbeitszeit für Schichtbedienstete.
Claus Weselsky, Chef der Lokführergewerkschaft GDL, pocht auf eine kürzere Wochenarbeitszeit für Schichtbedienstete.

Die Reduzierung der Wochenarbeitszeit steht bei den Gewerkschaften weit oben auf der Tagesordnung. Der Mangel an Arbeitskräften spricht aber gegen pauschale Verkürzungen.

Die IG Metall fordert sie in der laufenden Tarifrunde für die Stahlarbeiter. In den Verhandlungen der Lokführergewerkschaft GDL mit der Deutschen Bahn sorgt sie für jede Menge Konfliktstoff. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi will das Thema alsbald für den öffentlichen Dienst anpacken: Die Verkürzung der Arbeitszeit steht auf der politischen Agenda der Gewerkschaften derzeit weit oben.

Schaut man sich die Begründung dafür, dass Beschäftigte pro Woche weniger Stunden arbeiten sollen, näher an, wird dies auch als Mittel gegen den Fachkräftemangel gepriesen. Das klingt erst einmal nach Voodoo-Ökonomie und faulem Zauber: Weil Personal fehlt, soll die Arbeitszeit verkürzt werden. So schlicht aber ist die Argumentation natürlich nicht. Die Gewerkschaften wollen mittels geringerer Wochenarbeitszeit die jeweiligen Branchen attraktiver machen, damit sich mehr der knappen Arbeitskräfte für diese Berufe entscheiden.

Argumentation mit gewaltigem Haken

Gesamtwirtschaftlich betrachtet hat eine solche Argumentation allerdings einen gewaltigen Haken: Selbst wenn unterstellt wird, dass der Zulauf zu einer Branche dadurch verstärkt werden könnte, heißt das ja nur, dass andernorts noch mehr Personal fehlen würde. Um diesen Effekt zu vermeiden, müssten alle Branchen die Arbeitszeit reduzieren – wohlgemerkt in einer Situation, in der sich der jetzt schon vielerorts spürbare Mangel an Fach- und Arbeitskräften demografiebedingt noch weiter verschärfen wird.

Befürworter kürzerer Arbeitszeiten verweisen dann darauf, dass diese in der Vergangenheit häufig mit wachsender Effizienz einhergegangen seien. Das Argument mag für produzierende Tätigkeiten oder auch für Teile der Verwaltung zutreffen. Es stößt aber spätestens dort an Grenzen, wo es beispielsweise um Arbeit mit und am Menschen geht. Selbst wenn die Erzieherin in der Kita oder der Pfleger im Altenheim während ihrer kürzeren Dienste noch engagierter arbeiten würden, bliebe am Ende des Tages oder der Woche eben eine zeitliche Lücke, die – Stichwort fehlende Kräfte – nicht einfach durch Neueinstellungen geschlossen werden kann.

Differenzierte Debatte notwendig

Deshalb empfiehlt es sich dringend, in der Debatte um kürzere Arbeitszeiten zu differenzieren: In der Stahlindustrie, wo absehbar weniger Beschäftigte gebraucht werden, kann eine solche Maßnahme Jobs sichern. Für den öffentlichen Dienst und andere Bereiche stellt sich dieses Problem aber nicht; dort fällt es schwer, den gesamtgesellschaftlichen Nutzen einer pauschalen Arbeitszeitverkürzung zu erkennen.

Verständlicherweise trifft die Formel „weniger arbeiten, wenn möglich fürs gleich Geld“ bei sehr vielen Beschäftigten auf Zustimmung. Weil dieser Wunsch derzeit aber nicht für alle realisierbar ist, sollte verstärkt geschaut werden, wie sich vor Ort, im Unternehmen und auf der Dienststelle, betriebliche Belange und Notwendigkeiten mit den legitimen Bedürfnissen der Mitarbeiter unter einen Hut bringen lassen. So bieten inzwischen manche kleinen Betriebe, die sich im Wettbewerb um knappes Personal häufig besonders schwer tun, ihren Leuten eine Vier-Tage-Woche – bei gleicher Stundenzahl – an, und können dadurch auch neue Mitarbeiter gewinnen.

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