Politik
Alkoholkonsum: Trügerischer Trost
„Alkohol ist dein Sanitäter in der Not, Alkohol ist dein Fallschirm und dein Rettungsboot“ – das sang Herbert Grönemeyer. Menschen mit Alkohol- beziehungsweise Suchtproblemen gibt es schon immer. Doch Experten warnen: Durch die Pandemie könnte sich das Problem noch verstärken. Denn Stress und Ängste können den Konsum von Alkohol fördern und das Suchtverhalten intensivieren.
Umfragen deuten darauf hin, dass der Alkoholkonsum bei einem Teil der Bevölkerung in der Coronavirus-Pandemie steigt. So führte das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim in Kooperation mit dem Universitätsklinikum Nürnberg eine Umfrage mit über 3000 anonymen Teilnehmenden durch. Die Erhebung ist nicht repräsentativ, liefert aber dennoch Erkenntnisse über die Konsumgewohnheiten während des ersten harten Lockdowns im Frühjahr. Sie ergab, dass in allen Bevölkerungsgruppen das Konsumverhalten von Alkohol stieg: 37 Prozent der Befragten gaben an, während der Kontaktbeschränkungen mehr Alkohol als zuvor getrunken zu haben. Da ist die Angst um den Job. Einige leiden unter Vereinsamung, andere unter zu viel Enge zuhause. Gerade für Menschen mit Suchterkrankung oder problematischem Trinkverhalten birgt dies große Gefahren.
Schleichender Prozess
Noch spürt Dirk Schneider, Suchtberater im Caritaszentrum Germersheim, keinen nennenswerten Anstieg von Menschen, die wegen Suchtproblemen um Hilfe bitten. „Unsere Zahlen sind konstant – um die 300 Kunden pro Jahr.“ Aber im ersten Lockdown gab es keine Gespräche von Angesicht zu Angesicht. „Damit sind uns auch Menschen verloren gegangen“, sagt er. Und: Alkoholismus sei ein schleichender Prozess. Es dauere oft ein bis zwei Jahre, bis die Leute ihr eigenes Konsumverhalten als problematisch ansehen. „Betroffene gestehen sich ihre Sucht meist als Letzte ein“, sagt Schneider. Einige melden sich auf Druck von Angehörigen oder Arbeitgebern. „Dann ist nicht immer die Einsicht da, etwas ändern zu müssen“, meint der Suchtberater.
Nicht erfüllte Wünsche und Sehnsüchte
Trotzdem könne die Beratung die Tür öffnen, dass Menschen mit einem Alkoholproblem sich ihrer Sucht stellen. Für viele sei dies der erste Ort, an dem sie offen über alles sprechen können, so Schneider. Die Suchtberatungsstellen sind auch zuständig für die Vermittlung eines Reha-Platzes und für die Nachsorge nach einem Klinikaufenthalt. Aber auch nach einer Reha ist nicht alles wieder im Lot: „Es reicht nicht zu sagen, ich trinke jetzt keinen Alkohol mehr. Denn hinter der Alkoholproblematik stecken andere Probleme, nicht erfüllte Wünsche und Sehnsüchte“, sagt Schneider. Daran müsse der Betroffene arbeiten. „Er kann nicht in die gleichen Strukturen zurückkehren.“
Soziale Kontrolle fehlt
Dabei sind in Schneiders Augen neben Beratung, Reha und Psychotherapie die Selbsthilfegruppen ein ganz wichtiger Baustein. Diese Gruppen seien sehr hilfreich, weil man sich gegenseitig stützt und wachsam bleibt. Eine gewisse soziale Kontrolle also. Doch die Corona-Krise macht die Treffen gerade in harten Lockdown-Zeiten – wie derzeit wieder – unmöglich. Und nicht jeder möchte sich online austauschen.
Auch Anette Schilling, Referatsleitung Suchtkrankenhilfe beim Diakonischen Werk Pfalz, sieht die Entwicklung, dass bei manchen Menschen der Suchtmittelkonsum problematisch wurde, weil ihnen im Homeoffice oder in der Kurzarbeit die sozialen Kontakte weggebrochen sind. In manchen Beratungsstellen der Diakonie habe man nach dem ersten Lockdown im Sommer einen regelrechten Run erlebt. Ein großes Plus der Suchtberatungsstellen sieht Schilling darin, dass sie nicht nur Betroffenen offenstehen, sondern auch deren Angehörigen. Und in Rheinland-Pfalz seien die Suchtberatungsstellen der freien Wohlfahrtspflege meist ein Teil von Beratungszentren. Heißt, wer beispielsweise aufgrund der Suchterkrankung in der Schuldenfalle sitzt und nicht mehr weiter weiß, kann sofort zu fachkundigen Kollegen persönlich begleitet werden – und zwar von Tür zu Tür.
„Problem liegt im System“
Unbestritten ist, dass die Fachberatung vor Ort ein wichtiger Schritt ist in ein Leben ohne Suchtmittel. Sie kann Auswirkungen wie psychische Erkrankungen oder Wohnungslosigkeit mindern. Aber die Beratung steht finanziell auf wackeligen Beinen. „Das Problem liegt im System“, sagt Anette Schilling, die auch Sprecherin der Landesstelle für Suchtfragen in Rheinland-Pfalz ist. Suchtberatung falle nämlich unter die kommunale Daseinsvorsorge und werde durch Steuermitteln finanziert.
Klamme Kommunen
Suchtberatung ist in Rheinland-Pfalz gesetzlich nicht in einem Landesgesetz verlässlich geregelt. Die Verwaltungsvorschrift für die Förderung von Suchtberatungsstellen sieht im Moment für die Regelberatung einen Zuschuss von 25 Prozent der Personalkosten vor. Der Rest muss vor Ort zwischen den Trägern und den Landkreisen oder kreisfreien Städten immer wieder neu verhandelt werden. „Die Träger der Suchtberatungsstellen haben keine finanzielle Planungssicherheit. Gerade in klammen Kommunen steht die Suchtberatung immer wieder vor der Gefahr, dem Rotstift zum Opfer zu fallen“, sagt Schilling.
An die Beratungsstellen sind verschiedene Programme angegliedert, die wiederum unterschiedlich bezuschusst werden: Glücksspielsucht zu 90 Prozent, Prävention und niedrigschwellige Soziale Arbeit zu 70 Prozent. „Das Kerngeschäft ist aber die Regelberatung“, sagt Schilling. Dafür gibt es den geringsten Zuschuss.
Beratungsnetz in Gefahr
Karl-Ludwig Hundemer, Vorsitzender des Caritasverbandes für die Diözese Speyer, klagt: Die Träger müssten durchschnittlich zwischen 50 bis 60 Prozent der Gesamtkosten einer Suchtberatungsstelle stemmen. Er fordert: „Suchtberatung braucht eine stabile, verlässliche und kostendeckende Finanzierung. Suchtberatung muss kommunale Pflichtleistung werden, und es muss Förderrichtlinien für alle Kommunen und Landkreise geben.“ Sonst sei das bestehende Beratungsnetz in Gefahr.
Einen Hoffnungsschimmer könnte es geben. Im Haushaltsplan von Rheinland-Pfalz für die kommenden zwei Jahre, den der Landtag am Dienstag verabschiedet hat, ist eine Erhöhung der Förderung für die Regelberatung von 25 auf 32 Prozent vorgesehen. Ein Anfang. Damit es für Betroffene weiter Hilfe geben wird und es nicht so weit kommt, wie Grönemeyer im Lied weiter singt: „Alkohol ist das Schiff, mit dem du untergehst.“