Am Wegesrand RHEINPFALZ Plus Artikel Punkt am Baum: Die Zeichensprache der Förster lernen

Wer rotsieht, fällt: Mit zwei Balken werden Bäume ausgezeichnet, die aus dem Bestand genommen werden. Oft aus dem Grund, dass si
Wer rotsieht, fällt: Mit zwei Balken werden Bäume ausgezeichnet, die aus dem Bestand genommen werden. Oft aus dem Grund, dass sie Zukunftsbäumen Platz machen.

Weißer Punkt auf brauner Rinde. Eine Wegmarkierung ist es nicht, aber was ist es dann? In der heutigen Folge unserer Serie zum Waldwissen sammeln geht es um Striche, Balken und Dreiecke. Es geht um hopp oder top. Und um eine besondere Zeichensprache, die den Wald in die Zukunft führt.

Punkt, Punkt, Dreieck, Strich – fertig ist das Baumgesicht. Die Sprühdose zischt. Die Farbe spritzt. Graffiti im Wald!? Darf das sein? „Es muss sogar“, sagt Bildungsförster Volker Westermann vom Forstamt Pfälzer Rheinauen, der uns durch diese Serie führt. „Das Auszeichnen der Bäume ist eine Königsdisziplin der forstlichen Arbeit.“ Oha. Große Worte. Und eines ist gewiss, um Wandermarkierungen geht es heute nicht. Wir lernen die Zeichensprache der Förster. Tim Köstler kann sie schon. Er ist Anwärter im Forstamt Pfälzer Rheinauen, er bereitet sich auf das zweite Staatsexamen vor. Er ist also noch kein ganzer Förster, aber dafür ist sein Fachwissen ganz frisch – auch in der Königsdisziplin. Er lacht. „Das ist auf jeden Fall eine Arbeit, bei der es einem passieren kann, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht“, erzählt er.

Der Griff zur Sprühflasche

Mit dem Durchforsten der Reviere beginnen Förster im Winter, wenn die Bäume ihre Blätter abgeworfen haben. Der freie Blick nach oben in die Kronen ist beim Beurteilen der Bäume wichtig. „So sehen wir, was oben los ist. Ob sich der Baum gut entwickelt oder Äste abgestorben sind“, sagt Tim Köstler. Er unterstützt die Revierförster im Forstamt bei dieser Arbeit. Etwa alle zehn Jahre durchkämmt ein Förster einen Bestand, sprich: einen Bereich seines Reviers. Seinem Gutachten folgt der Griff zu Sprühflasche. Farbe ist jedoch nicht alles, was einer, der auszeichnet, dabei haben muss. Der Kompass hängt um den Hals. Der Stückzähler kommt an die Gürtelschlaufe, eine Schutzbrille sitzt auf der Nase. Als etwas sperrig erweist sich die Kluppe – ein Gerät, mit dem man den Durchmesser eines Baums messen kann. Kluppen nennen es die Förster.

Gekluppt wird ein Baum, der gefällt werden soll. Das sind zunächst Exemplare, die weg müssen, damit andere mehr Platz haben. Der Förster zieht dann die Dose mit der roten Farbe. Er zielt. Es zischt. Und schon prangen zwei rote Striche auf einer Kiefer. „Jetzt nur mal als Beispiel. Ah, da vorne, da sieht man es gut“, sagt der angehende Förster. Die Tage dieses Baums sind also gezählt. Bei jedem Baum, der rote Striche bekommt, drückt der Förster den Stückzähler. Zu Umfang und Anzahl wird die Baumhöhe draufgeschlagen und ausgerechnet, wie viel Holz aus dem Waldstück geholt wird. Mit den Daten können die Fällarbeiten kalkuliert werden, und sie geben einen Überblick, was bei der Holzernte an Gewinn herausspringt. „Förster müssen auch wirtschaftlich denken“, sagt Volker Westermann.

Finger weg von diesem Baum

Das tun sie außerdem, wenn sie die Flasche mit der weißen Farbe ziehen und Punkte malen. Pfff. Pfff. Pfff. Pfff. Immer vier an einen Stamm. In jeder Himmelsrichtung einen. Anders als das gelbe Kreuz oder blau-weiße Balken lotsen die weißen Punkte nicht durch den Wald, sie weisen jedoch in die Zukunft. „Punkte oder auch weiße Ringe markieren einen Zukunftsbaum“, erklärt Tim Köstler. Für Förster und Forstarbeiter heißt das: Finger weg vom Baum, stehen lassen.

Förster Volker Westermann zeigt auf einen Zukunftsbaum.
Förster Volker Westermann zeigt auf einen Zukunftsbaum.

Zukunftsbäume sind gesund und von besonderer Qualität, sie sollen dem Wald möglichst lange erhalten bleiben. 120 bis 150 Jahre alt werden diese Superexemplare, wenn nichts schiefgeht – und trotzdem denkt man bereits jetzt an ihr Holz. „Der Teil des Stamms, der mal wertvolles Möbel- oder Bauholz werden soll, wird zum Beispiel entastet, damit später die Astlöcher nicht stören“, erklärt Tim Köstler. Die Kreise um die Zukunftsbäume werden mit den Jahren immer größer gezogen. Im Jungbestand lässt man die Bäume eng beieinander stehen. Damit sie gerade nach oben wachsen. Und zur Astreinigung. Das heißt: Die unteren Äste sterben ab, weil ihnen Licht fehlt. „Wenn das klappt, spart man sich die Säge“, sagt Westermann. Es gibt Z-Bäume, wie sie in der Forstsprache heißen, da entscheidet erst die Förstergeneration, die nach dem jungen Tim Köstler im Amt ist, dass sie gefällt werden. „Solange hegen und pflegen wir Forstleute diese Exemplare“, sagt der.

Die Natur nicht belasten

Fällen ist ein gutes Stichwort, das wieder zu einem neuen Symbol führt: dem „Ist-gleich-Zeichen“. Zwei weiße parallele Striche am Baum markieren Streifen im Wald, über die gefällte Bäume herausgezogen werden. „Sie markieren die Rückegassen“, sagt Volker Westermann. Die schweren Maschinen, die beim Holzmachen im Einsatz sind, verdichten den Waldboden und deshalb dürfen sie nur über ausgewiesene Pfade rollen – „die Natur darf nicht unnötig belastet werden.“ Etwa alle 40 Meter eine Gasse – das hilft auch den Förstern, beim Durchforsten die Orientierung zu behalten. „Manchmal steuert man immer wieder den gleichen Baum an“, sagt Tim Köstler und lacht. Dann sei es Zeit für eine Pause. „Das Auszeichnen ist absolute Konzentrationsarbeit“, bestätigt Westermann.

Zwei parallele Striche: So werden Rückegassen markiert.
Zwei parallele Striche: So werden Rückegassen markiert.

Rote Striche, weiße Punkte, ein „Ist-gleich-Zeichen“. Die Waldgeometrie folgt einer festgelegten Markierungsrichtlinie, an die Förster sich halten sollen. „Es ist eine einheitliche Forstsprache, die jeder versteht. Etwas Dialekt schreibt aber wohl jeder Förster“, sagt Westermann. Mit ihm und Tim Köstler gehen wir auf weitere Zeichensuche. Dabei stoßen wir unverhofft auf zwei an Stämmen befestigte Plaketten. Gehört das auch zur Förstersprache? „In gewissem Sinne schon“, sagt Westermann. „Hier bekommen Brennholz-Interessenten Auskunft, wo sie schon gefällte Bäume zu Brennholz aufarbeiten dürfen.“

Diese Schilder dienen der Orientierung der Brennholzkunden.
Diese Schilder dienen der Orientierung der Brennholzkunden.

Bitte aufpassen!

Ein paar Schritte weiter heißt es dann Obacht geben. Eine Art Ausrufezeichen am Stamm eines etwas verwittert aussehenden Baums warnt davor, dass er morsch sein könnte. „Das wollte ich unbedingt noch finden, das rote Dreieck ist ein wichtiger Hinweis, vor allem für unsere Waldarbeiter“, sagt der Bildungsförster.

Wir gehen noch ein Stück tiefer in den Wald. Hier darf Tim Köstler ein Zeichen oder besser gesagt zwei Buchstaben zu Demonstrationszwecken sprühen: das HB steht für Habitatbaum. Ein lebender oder toter, stehender Baum, der mindestens ein Mikrohabitat trägt, also einen Lebensraum, auf den eine Pflanze oder ein Tier spezialisiert ist. „Eine Höhle zum Beispiel“, erklärt Tim Köstler. Zu ähnlichen Zwecken werden Bäume mit einer weißen Welle ausgezeichnet. Diese Biotopbäume dürfen stehen, bis sie methusalemalt sind, sie dürfen absterben, umfallen, zerfallen. „Auch solche Areale sind wichtig, bieten sie doch jeder Menge Kleintieren Lebensraum“, sagt Westermann.

„Achtung, morscher Baum!“, signalisiert dieses Dreieck.
»Achtung, morscher Baum!«, signalisiert dieses Dreieck.

Dann sind alle Zeichen gelesen. Punkt, Punkt, Dreieck, Strich – wir sind am Ende mit unserer Försterlatein-Lektion. Und beim nächsten Waldspaziergang wissen wir es genau: Der weiße Punkt ist keine Wandermarkierung.

Die Serie

Es gibt Phänomene im Wald, die sind uns bestimmt schon aufgefallen, aber groß Gedanken gemacht haben wir uns darüber nicht. Damit der nächste Ausflug in den Schifferstadter oder Mutterstadter Forst, der nächste Spaziergang in den Wäldern der Verbandsgemeinde Rheinauen oder die nächste Wanderung im Pfälzerwald spannender wird, erklärt uns Förster Volker Westermann, was es mit den Erscheinungen „Am Wegesrand“ auf sich hat. Er ist für die Umweltbildung im Forstamt Pfälzer Rheinauen verantwortlich, das für den Kreis zuständig ist. Wer aufpasst, entdeckt, was sich versteckt.

Die Serienteile

Den ersten Serienteil finden Sie hier
Ein Habitatbaum bleibt stehen, weil er Leben schützt.
Ein Habitatbaum bleibt stehen, weil er Leben schützt.
Die Welle zeichnet einen speziellen Biotopbaum aus.
Die Welle zeichnet einen speziellen Biotopbaum aus.
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