Landau / Hassloch RHEINPFALZ Plus Artikel Kein Kükentöten mehr: Warum Tierparks nun bangen

Um sie geht es: frisch geschlüpfte Hühnerküken sollen künftig nicht umgehend wieder getötet werden.
Um sie geht es: frisch geschlüpfte Hühnerküken sollen künftig nicht umgehend wieder getötet werden.

Ab Januar dürfen in Deutschland keine überzähligen Eintagsküken mehr getötet werden. Das klingt wie ein Meilenstein beim Tierschutz, stellt jedoch viele Wildparks, Auffangstationen oder Vogelvereine vor die Frage, womit sie künftig ihre Tiere sattbekommen sollen. Einige bangen um ihre Existenz. Es gibt zwar Alternativen. Aber auch die sind problematisch.

„Wir haben gar keinen Plan, wo wir kommendes Jahr das Futter herbekommen sollen“, sagt Jessica Lehmann. Die Sprecherin der Aktion Pfalzstorch in Bornheim bei Landau ist ratlos. „Allein in der Storchenscheune verfüttern wir 40 Kilogramm Eintagsküken in der Woche. Und in der Hauptsaison im Sommer, wenn wir viele Jungstörche aufpäppeln, brauchen wir zehn Kilo Küken – pro Tag.“ Diese Mengen bereitzustellen, dürfte ab Januar schwierig werden. Schon gibt es Engpässe: „Es kann gar nicht mehr alles geliefert werden, was bestellt ist“, sagt Maik Heublein von der Greifvogelstation des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu) in Haßloch.

Bisher war die Nahrungskette der Bornheimer Störche wie der Haßlocher Greifvögel klar geregelt: Weil in der Legehennenzucht männliche Küken nicht gefragt sind, wurden sie in den Brütereien nach dem Schlüpfen aussortiert. Hähne legen keine Eier, und da sie zu wenig Fleisch ansetzen, galt auch ihre Aufzucht für Schlachtzwecke als unrentabel.

45 Millionen getötete Eintagsküken

Also werden laut Bundeslandwirtschaftsministerium bundesweit jährlich rund 45 Millionen Küken, gerade erst einen Tag alt, zumeist mit Kohlendioxid erstickt und tiefgefroren, um als Futter zu dienen. Immer wieder ist die Rede davon, dass Küken geschreddert würden, belastbare Angaben dazu aber fehlen. Der Löwenanteil der toten Eintagsküken jedenfalls landet am Stück bei Tierhaltern. Nach Schätzungen von Dominik Fischer, Veterinär und Kurator für Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische am Wuppertaler Zoo, werden jährlich mindestens 30 Millionen Küken auf diese Weise verwertet.

Keine „überzähligen“ Küken

Das wird nicht so bleiben. Zum 1. Januar greift eine Änderung des Tierschutzgesetzes, die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) vorangetrieben und der Bundestag im Mai dieses Jahres verabschiedet hatte. Demnach dürfen dann hierzulande keine Haushuhnküken mehr getötet werden. „Überzählige“ Tiere müssen entweder aufgezogen werden oder werden bereits im Embryonalstadium ausgesondert. Damit aber würde für viele heimische Zoos, Wildparks, Auffangstationen, Zuchteinrichtungen und auch private Halter ein steter Quell an günstigem Futter versiegen.

„Für zehn Kilo Eintagsküken zahlen wir bislang etwa 20 Euro“, sagt Pfalzstorch-Sprecherin Jessica Lehmann. Sie könne die Küken als Nahrungsbestandteil ihrer Zöglinge durch Nagetiere wie Mäuse ersetzen: „Aber zehn Kilo Mäuse kosten mindestens 150 Euro.“ Die Futterkosten würden explodieren: aus 4500 bis 5000 Euro fürs ganze Jahr würden leicht 3500 Euro – im Monat. Das sei eine enorme finanzielle Belastung der Bornheimer Pflegestation für Störche.

Zudem sei es physiologisch nicht so einfach, die Küken aus Meister Adebars Speiseplan zu streichen. Jungstörche bräuchten fleischliche Nahrung, die leicht verdaulich sei. Flusskrebse oder Schaben kämen daher als Ersatz nicht in Betracht, auch Mäuse seien keine gleichwertige Alternative, meint Lehmann, Fisch schon eher.

Mäuse sind zu teuer

„Wir können uns den Umstieg auf Nager schlicht nicht leisten“, sagt Maik Heublein, der in der Haßlocher Nabu-Auffangstation für Greifvögel derzeit knapp 25 Tiere betreut, von Turmfalken über Bussarde bis zu Eulen. Dieses Jahr hatte er mehr als 300 gefiederte „Gäste“ aus bis zu 100 Kilometern Umkreis, um die sein Team sich kümmern musste. „Ich bestelle jeden Monat 200 Kilo Eintagsküken. Sie sind sozusagen das Grundnahrungsmittel für unsere Tiere. Nager gibt es obendrauf, denn Küken allein liefern nicht alle Nährstoffe, die Greifvögel benötigen“, erklärt der Falkner. Er würde ja liebend gern mehr Nagetiere servieren. Doch für eine spendenfinanzierte Einrichtung wie die des Nabu sei das zu teuer: „Unter Umständen müssen wir zumachen.“

Auch der Vogelpark in Bobenheim-Roxheim sieht sich durch die Neuregelung in seiner Existenz bedroht. „Wir verfüttern im Jahr rund 200.000 Eintagsküken, am Stück an Greifvögel und auch gemahlen an andere Vögel wie Sichler, Ibis oder Reiher“, sagt Rainer Berenz vom Verein für Vogelschutz, der den Park betreibt: „Wenn wir künftig das Zehnfache an Futterkosten haben, wissen wir nicht, wie wir das stemmen sollen.“

Küken sich „hochwertiges“ Futter

Zumal männliche Eintagsküken in der Geflügelzucht zwar als eine Art „Ausschuss“ anfielen. Dennoch seien sie ein „hochwertiges und artgerechtes Futter“, nicht allein für Vögel, sondern auch für Amphibien, Reptilien, Wildkatzen und viele andere Tiere, sie seien schließlich auch in der Natur Teil des Menüs. Experten wie der Wuppertaler Veterinär Fischer verweisen auf wichtige Nährstoffe, die der Dottersack enthalte, und auch Knochen sowie Fell der Küken seien für das Verdauungssystem anderer Tierarten unabdingbar.

„Man darf sich selbstverständlich fragen, ob es ethisch in Ordnung ist, jährlich viele Millionen Küken zu töten. Aber viele Tiere sind nun mal Fleischfresser, die müssen wir dann mit Wachteln, Mäusen, Ratten oder Meerschweinchen füttern. Ist deren Leben etwa weniger wert?“, fragt Berenz. Die Alternative sei natürlich, Eintagsküken zu importieren. Oder aber man müsse Bestände abbauen und Einrichtungen schließen: „Das macht dann alles zunichte, was man bisher an Artenschutz erreicht hat.“

Andere Tierarten müssen als Ersatz dienen

Etwas optimistischer blickt Uwe Wünstel vom Landauer Reptilium in die Zukunft. Eintagsküken machten bei ihm lediglich zehn Prozent des Futters aus, vor allem Schlangen, Warane und Erdmännchen bekommen die aufgetauten Tiere kredenzt. „Das können wir durch Nagetiere ersetzen“, sagt Wünstel.

Harald Schauß, Inhaber des Wildparks und Greifvogelzoos Potzberg (Kreis Kusel) ist überzeugt: „Die Lieferung von Eintagsküken wird weitergehen.“ Jedoch würden die Preise deutlich anziehen. Bei ihm dienten die Küken nur als Mahlzeit während der Flugshows, aber dafür würden sie dringend gebraucht: „Dann kommen die Tiere eben aus dem Ausland. Da hat man dann gar keine Kontrolle mehr darüber, was vorher mit ihnen passiert. Ob das besser ist?“

Junge Störche werden zu einem Gutteil mit Küken gefüttert – ein „hochwertiges“ Futter aus Sicht vieler Artenschützer.
Junge Störche werden zu einem Gutteil mit Küken gefüttert – ein »hochwertiges« Futter aus Sicht vieler Artenschützer.
Auch Erdmännchen werden häufig mit Eintagsküken gefüttert.
Auch Erdmännchen werden häufig mit Eintagsküken gefüttert.
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