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Mittwoch, 08. August 2018 Drucken

Politik

Neue Lehrer braucht das Land

Von Annette Weber

Wie komme ich an Duftstoffe aus Pflanzen ran? Michael Hocker bei der Herstellung von „Lavendel-Parfüm“ an der Universität-Landau.

Wie komme ich an Duftstoffe aus Pflanzen ran? Michael Hocker bei der Herstellung von „Lavendel-Parfüm“ an der Universität-Landau. (Foto: büt)

Studentin Ngoc Anh Nguyen sucht einen Weg, um Farben aus Blättern zu extrahieren: ein Experiment für Grund- und Orientierungsstufenschüler.

Studentin Ngoc Anh Nguyen sucht einen Weg, um Farben aus Blättern zu extrahieren: ein Experiment für Grund- und Orientierungsstufenschüler. (Foto: büt)

Schule der Zukunft – Zukunft der Schule (7): Junge Pädagogen werden vor allem in den naturwissenschaftlich-mathematischen Fächern dringend gebraucht.

Michael Hocker ist leicht genervt. So richtig klappt sein Experiment heute nicht. Er hat versucht, die Duftstoffe des Lavendels zu extrahieren. Doch das Lavendelsträußchen, das vor ihm liegt, ist schon vertrocknet und etwas angestaubt. Das Extrakt riecht wohl auch deshalb ein wenig muffig. Der 27-Jährige und acht seiner Kommilitonen werkeln an diesem Morgen im Lernlabor der Universität Landau. Die zukünftigen Lehrer stehen vor ihrem Master-Abschluss. Sie sind alle Naturwissenschaftler.

Theorie und Praxis nah beisammen

 

In Landau sei die Verzahnung von Theorie und Praxis extrem hoch, sagt Björn Risch, Professor für Chemiedidaktik. Und die interdisziplinäre Verflechtung ebenso. Deswegen experimentieren im Labor auch nicht nur Studenten der Chemie, sondern auch der Physik und der Biologie. Sie arbeiten zusammen, helfen sich gegenseitig im jeweils fremden Fachbereich und bereiten sich so auf das vor, was in der Praxis auf sie zukommen wird: Das Unterrichten im Schulfach Naturwissenschaften (Nawi).

 

Den Unterschied zwischen einem „normalen“ Hochschulstudium und dem Studium desselben Faches auf Lehramt dürfe man nicht unterschätzen, erläutert Alexander Kauertz, Leiter der Physikdidaktik an der Universität Landau. Zum Beispiel könne man die Mathematisierung, wie sie in der universitären Physik gang und gäbe sei, Schülern nicht zumuten. Sonst würden – mit Ausnahme der Leistungskurs-Schüler in der Oberstufe – so gut wie alle aussteigen. In der Grundschule zum Beispiel könne die Lehrerin oder der Lehrer damit beginnen, mit den Schülern über ihre Beobachtungen und Vorstellungen von Natur zu sprechen. „Formeln sind da wirklich noch nicht wichtig.“ Später gehe es darum herauszufinden, warum aus zwei Stoffen ein dritter werde, wenn man sie zusammenbringe. „Dann erst, in einem weiteren Schritt, kann man beginnen, das Ganze in Reaktionsgleichungen darzustellen“, erklärt Kauertz.

Fachdidaktisch fit gemacht

 

Um solch ein Konzept zu verfolgen, müssten die Studierenden „die großen Zusammenhänge ihres Fachs verinnerlicht haben“, sagt Kauertz. Und sie müssten fachdidaktisch fit gemacht werden. „Wie stelle ich sinnvolle Aufgaben?“, „Wie kann ich Sachverhalte erklären?“, „Wie laufen Denk- und Lernprozesse bei den Schülern – jeweils bezogen auf das Fach – eigentlich ab?“ Das seien die Schlüsselfragen. Die Verknüpfung von Theorie und Praxis sei unglaublich wichtig, betont der Dozent.

 

Im Fachbereich Physik gehen die Studentinnen und Studenten deshalb bereits im ersten Fachsemester an Schulen, schauen sich die Arbeit der älteren Kollegen an und dürfen auch erstmals selbst Unterricht erteilen. „Viele sind dann total erstaunt, was außer Fachwissen noch alles zum Lehrerberuf dazugehört“, erzählt Kauertz. „Das ist für die meisten ein Aha-Erlebnis.“

Niveau der Grundschul-Ausbildung gelobt

 

Alexander Kauertz selbst kam von der Universität Dortmund nach Landau und hat den Wechsel nicht bereut. An anderen Hochschulen sei das Lehramt häufig nur eine Art „Anhängsel“ an das Fachstudium, sagt der promovierte Physiker. In Landau, genauso wie am zweiten Standort in Koblenz, werde dagegen sehr viel Wert auf die Vermittlung von Didaktik, Pädagogik und Psychologie gelegt. Zudem könnten die Studentinnen und Studenten während ihrer Praktika auch Erfahrungen in den unterschiedlichen Schulformen sammeln. Erst nach dem Bachelor-Abschluss müssen sich die zukünftigen Lehrer für eine Schulform entscheiden. „Gerade in der Grundschul-Ausbildung hat Landau ein sehr hohes Niveau“, erzählt Kauertz. Aber auch in den anderen Bereichen ziehe die Hochschule in der Südpfalz inzwischen Studenten aus dem ganzen Bundesgebiet an.

 

Im Fachbereich Physik wie auch in den übrigen mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern könnten die Studentenzahlen in Landau allerdings gerne noch etwas ansteigen, meint Kauertz. Auch wenn sich die Anzahl der Studierenden in den vergangenen Jahren sehr positiv entwickelt habe, seien es immer noch zu wenige, wenn man bedenke, wie viele Lehrer gerade in den Mint-Fächern in Zukunft gebraucht würden. Jedes Semester beginnen dem Fachbereichsleiter zufolge im Durchschnitt 15 junge Frauen und Männer in Landau Physik auf Lehramt zu studieren. In Koblenz seien es noch mal genau so viele. „Es ist schon schwierig, junge Menschen überhaupt für Physik zu begeistern. Und dann brauchen wir noch Leute mit pädagogischem Interesse und Idealismus. Die bereit sind, Lehrer zu werden und damit auf merklich höhere Gehälter in der Wirtschaft zu verzichten.“ Die Universität Koblenz-Landau stehe im bundesweiten Vergleich zwar relativ gut da, „aber die Studenten rennen uns trotzdem nicht gerade die Bude ein.“

Chemie weniger beliebt bei Studenten

 

In Chemie schreiben sich Kauertz zufolge zehn bis zwölf Studentinnen und Studenten pro Semester an der Landauer Hochschule ein. Biologie sei im Vergleich dazu fast ein „Massenfach“ und auch in Mathematik gebe es relativ viele Studierende.

 

Echte Aktivposten der Ausbildung in Landau sind nach Ansicht des Chemie-Dozenten Risch die Lernlabore in Landau. Hier können Studenten nicht nur mit Kommilitonen aus anderen Fachbereichen zusammenarbeiten und für sie fremde Fächer entdecken. Hier treffen sich auch regelmäßig Schüler aus den umliegenden Schulen mit den Lehrern von morgen.

Neues Ausbildungskonzept

 

Von der Telekom-Stiftung, so berichtet der Fachbereichsleiter Chemie, sei Landau gemeinsam mit renommierten Hochschulen wie der Berliner Humboldt-Universität in ein Projekt aufgenommen worden. Dort sollten neue Konzepte zur Lehrerausbildung entwickelt werden. Die Landauer kamen dadurch nicht nur in den Genuss von Fördermitteln in Höhe von 1,8 Millionen Euro, sie sind auch mit Recht stolz darauf, als eine von nur vier Unis ausgewählt worden zu sein.

 

Die Motivation in den Naturwissenschaften ist offenbar hoch – bei Dozenten wie auch bei den Studierenden. Nach dem Grund gefragt, warum sie denn ausgerechnet Lehrerin werden wolle, erzählt Ngoc Anh Nguyen, wie sie als Migrantenkind selbst von einer Lehrerin gefördert wurde. Und dass sie nun selbst der Gesellschaft etwas zurückgeben möchte. Sie wolle zeigen, dass auch ohne gut situierte Eltern im Hintergrund Bildungserfolg möglich sei, betont die 25-jährige Mathe- und Chemiestudentin. Michael Hocker dagegen hatte, wie er sagt, in seiner eigenen Schulzeit in den naturwissenschaftlichen Fächern zum Teil ganz schreckliche Lehrer. Dies habe ihn am Ende motiviert, es selbst einmal besser machen zu wollen, erzählt der zukünftige Chemie- und Physiklehrer.

 

  Die Serie

Was läuft schief an Schulen und was vorbildlich? Welche richtungsweisenden Konzepte gibt es und wie werden sie verwirklicht? In unserer Reihe „Schule der Zukunft – Zukunft der Schule“ beleuchten wir das Thema Bildung von vielen Seiten. Die bisherigen Teile sind am 7., 22. und 30. Mai, 27. Juni, 9. Juli und 1. August erschienen.

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