Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Kommentar: Der Mann von gestern

Friedrich Merz will hoch hinaus. Redet er sich derzeit um Kopf und Kragen?
Friedrich Merz will hoch hinaus. Redet er sich derzeit um Kopf und Kragen?

Als Bewerber um CDU-Vorsitz und Kanzleramt macht Friedrich Merz eine schlechte Figur. Das Problem ist nicht sein konservatives Programm. Er ist nicht auf der Höhe der Zeit.

Drei Wochen hat Friedrich Merz Zeit zu üben. Am 17. Oktober werden die Bewerber um den Vorsitz der CDU (und damit indirekt um die künftige Kanzlerschaft) erstmals miteinander debattieren. Nicht vor großer Kulisse, sondern online bei der Jungen Union.

Gegenüber Armin Laschet und Norbert Röttgen ist Merz ziemlich in die Defensive geraten. Es ist nicht sein konservatives Programm, das ihn straucheln lässt. Sein Problem ist, dass er angestaubt wirkt, nicht auf der Höhe der Zeit scheint. Als wäre er ein Mann von gestern. Wollte er Schützenkönig im Sauerland werden, Beifall wäre ihm gewiss. Als Kanzleraspirant, der ein großes Land durch die Stürme des 21. Jahrhunderts steuern soll, wirkt er seltsam deplatziert.

Deutlich gemacht haben das zwei Interview-Äußerungen. Auf die Frage, was er von einem schwulen Kanzler halten würde, antwortete Merz erst, damit habe er kein Problem. Um zu ergänzen, dass sexuelle Orientierung die Öffentlichkeit nichts angehe, „so lange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und so lange es nicht Kinder betrifft“. Und zur Kurzarbeit: „Wir müssen ein bisschen aufpassen, dass wir uns nicht alle daran gewöhnen, dass wir ohne Arbeit leben können.“

In den 90er Jahren steckengeblieben

Er fühle sich missverstanden, teilte Merz mit, um Schadensbegrenzung bemüht. Ist es aber nicht so, dass Merz die Zeit, in der er lebt, missversteht? Wer Homosexualität mit Kindesmissbrauch assoziiert, zitiert die Gespenster einer verklemmten Vergangenheit. Und wer die verkratzte manchesterkapitalistische Faulenzer-Platte neu auflegt, der hat keinen blassen Schimmer davon, wie viele Beschäftigte und Selbstständige in der Corona-Zeit nackte Existenzangst verspüren.

Friedrich Merz galt einmal als Hoffnungsträger der CDU, er war Chef der Bundestagsfraktion und wurde schon einmal als künftiger Kanzler gehandelt. Das ist lange her. Als Angela Merkel ihm die Karrieretür vor der Nase zuschlug, hat er sich in den Schmollwinkel begeben und ist in den neunziger Jahren steckengeblieben wie eine Fliege im Bernstein. Retro-Schick mag passend sein für das heimische Wohnzimmer. Im Kanzleramt ist aber eine zeitgemäße Ausstattung gefragt.

x