Neustadt
Neustadt kämpft gegen die Plastikflut
Neustadt soll Vorreiter beim Umweltschutz werden. Das wünschen sich unter anderem die Grünen, die hoffen, dass sich mehr Betriebe einem Mehrwegbecher-Pfandsystem anschließen, um Müll beim Coffee to go zu vermeiden. Einige Bäckereien haben indes ihr eigenes System entwickelt.
Ganz neu ist das Thema nicht: Einige Bäckereien und Cafés versuchen bereits jetzt, die Menge an Plastikmüll zu verringern. Auch der Stadtrat beschäftigte sich im Dezember auf Antrag von Grünen, CDU und FDP mit der Einführung eines Mehrwegbechersystems für den Coffee to go (wir berichteten am 12. Dezember). Neustadt solle dem Beispiel umliegender Städte wie Bad Dürkheim, Deidesheim, Landau, Speyer und Mannheim folgen. Der Bioladen Abraxas in der Friedrichstraße versucht, Plastikmüll „mehr und mehr zu vermeiden“, berichtet Mitinhaberin Hildegard Bollenbach auf Nachfrage. So gibt es zwar noch die typischen dünnen Plastiktütchen für Obst und Gemüse. Wer sie verwenden will, müsse im Abraxas aber eine Gebühr von fünf Cent zahlen. Als andere Möglichkeit bietet der Laden wiederverwertbare Obst- und Gemüsenetze sowie kleine Papiertüten an. An der Kasse gibt es Baumwolltaschen und Papiertüten statt der Plastikvariante. Antipasti sollen künftig in gläsernen Pfandgläsern statt in Plastikschälchen abgegeben werden, so Bollenbach.
Komplizierte Hygienevorschriften
An der Käsetheke könnten Kunden sich ihre Ware in mitgebrachte Dosen einpacken lassen, wie auch beispielsweise an der Fleischtheke des Edeka-Markts in Branchweiler. Eigene Gefäße mitzubringen, sei grundsätzlich erlaubt, wenn auch durch Hygienevorschriften etwas kompliziert, erklärt Bollenbach. So dürfe man die Dosen nicht einfach über die Theke geben: Sie werden auf ein Tablett gestellt und erst dann dem Verkäufer gereicht. Arno Fickus von der Kreisverwaltung in Bad Dürkheim begründet diese Praxis auf Nachfrage damit, dass der Verkäufer an der Theke nicht wissen könne, wie sauber die Dose des Kunden ist, der ja nicht den strengen Hygienevorschriften für Händler unterliegt. Es müsse verhindert werden, dass die Arbeitsfläche kontaminiert wird. Grundsätzlich sei das Mitbringen eigener Kunststoffdosen beim Einkauf in Geschäften des Landkreises nicht vorgesehen. Das Veterinäramt sei sich aber im Klaren, dass dieser Bereich im Umbruch sei, und erwarte Regeländerungen für die nächsten Jahre, sagt der Sprecher. Abraxas und Edeka machten wohl nichts falsch, solange darauf geachtet wird, dass das Behältnis des Kunden nicht die Arbeitsfläche berührt, meint Fickus. Ähnlich seien Mehrweg-Kaffeebecher zu bewerten. Das sei grundsätzlich „eine gute Idee, ein guter Weg“, meint der Sprecher. Doch auch hier müsse besonders auf Sauberkeit geachtet werden. Abraxas bietet zudem lose Trockenartikel wie Müsli und Nüsse zum Abfüllen an. Die Getränke seien „fast ausschließlich“ in Mehrwegflaschen abgefüllt, auch Molkereiprodukte würden im Pfandglas bevorzugt, und „für regionale Weine haben wir ein eigenes Pfandsystem“, verkündet der Bioladen in einem Infoblatt. Für den Coffee to go bringen Kunden ihren eigenen Becher mit.
Klinik mit Pfandsystem zufrieden
Seit März 2018 bietet das Neustadter Marienhaus-Klinikum Hetzelstift in seinem Café ein Pfandsystem für Kaffeebecher an (wir berichteten). Krankenhaus-Sprecherin Claudia Reh begründet das mit einem „steigenden Umweltbewusstsein“ der Gesellschaft. Die Klinik sei „sehr zufrieden“ mit dem Projekt, bei dem mit dem Münchner Geschäftsausstatter Recup zusammengearbeitet werde. Auf Wunsch würden den Kunden Deckel zu den Bechern mitgegeben, die laut Reh aus recycelbarem Material sind. Inzwischen biete das Marienhaus-Café keine Einwegbecher mehr an. Pfandbecher der Firma Recup bekommt der Neustadter Kaffeefreund noch an weiteren Stellen: Die Bäckerei Liebenstein in der Schlachthofstraße bietet ihren Kunden seit April 2018 die Alternative zwischen Mehrweg- und Einwegbechern. „Ganz klar zum Zweck der Müllvermeidung“, sagt Susanne Liebenstein auf Nachfrage. Anders als das Hetzelstift habe die Bäckerei bisher keine überwiegend positive Resonanz erfahren: Zwar nutzen laut Liebenstein die Mitarbeiter das System, doch nur knapp zehn Prozent der Kunden wünschten ihren Coffee to go im Recup-Becher. „Wahrscheinlich ist Recup noch nicht präsent genug hier in Neustadt – es wäre wirklich wünschenswert, dass mehr Betriebe sich anschließen. Denn je mehr Ausgabe- und Abgabestellen es gibt, um so praktischer und einfacher ist es für den Kunden“, so Liebenstein. Nach Auskunft der Firma Recup führt auch das Café Winzig am Parkplatz Festwiese die Becher des Unternehmens. Egal wo ein Kunde den Kaffee gekauft hat, einen Recup-Becher kann er bei jedem Betrieb abgeben, der Teil des Systems ist. Das Macchina per Caffè nahe dem Marktplatz bietet neben der Einwegvariante Porzellanbecher zum Kauf an, die wieder befüllt werden. Auch Ehrat’s Backhaus am Bahnhof bietet eigene Becher zum Kauf, die vor Ort wieder befüllt werden, wie Simone Ehrat berichtet. „Aus hygienischen Gründen“ kommen die Kundenbecher laut Ehrat nicht mit der Kaffeemaschine in Berührung: Die Bäckerei verwende eine eigene Tasse, und die Kunden füllen das Heißgetränk dann in ihre Becher um. Die Mehrweg-Becher gibt es seit Mitte Dezember, sagt Ehrat, und würden „sehr gut angenommen“.
Nächstes Ziel: Weihnachtsmarkt
Die Stadtverwaltung unterstütze die Einführung von Mehrwegbechern: Sprecherin Miriam Schardt erinnert an die Beteiligung beim Arbeitskreis benachbarter Kommunen (Ludwigshafen, Frankenthal, Rhein-Pfalz-Kreis) zum Thema. Dabei werde Infomaterial erarbeitet, und es würden Informationsveranstaltungen für Betriebe organisiert. „Das Ziel ist es zu vermeiden, dass mehrere unterschiedliche und nicht miteinander kompatible Systeme in der Region etabliert werden“, was Kunden abschrecken könne. Der Kreisverband der Grünen regt zudem an, künftig auf dem Neustadter Weihnachtsmarkt nur noch Geschirr und Besteck aus nachwachsenden Rohstoffen zu verwenden. Er verweist auf Städte wie Stuttgart, Kiel und Lübeck, die ihre Weihnachtsmärkte bereits auf kompostierbare Materialien umgestellt oder das zumindest geplant hätten. Nach Meinung der Grünen legen Bürger immer mehr Wert auf Umweltschutz, so Sprecher Rainer Grun-Marquardt. „Zudem ist der Verzicht auf Plastikmaterialien gut für das Stadtbild.“ Die EU werde ab 2020 strengere Regeln für Wegwerfprodukte aus Plastik schaffen, Neustadt könnte ein Vorreiter sein. „Wenn die Stadt jetzt damit anfängt, können sich alle Beteiligten leichter auf die Veränderungen einstellen.“ Ein Stand habe bereits beim vergangenen Weihnachtsmarkt auf Plastikgeschirr verzichtet. Die Grünen fordern zudem, die Christbäume am Ende des Weihnachtsmarkts gegen eine Spende weiterzugeben. In Deidesheim ist das bereits üblich.