Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Grünstadter Ärzte-Sprecher zu Impfungen in Hausarzt-Praxen und schwierigen Abwägungen

Der Grünstadter Ärzte-Sprecher Jens Galan.
Der Grünstadter Ärzte-Sprecher Jens Galan.
Impfen ...
Impfen ...
... und Testen – Arbeit gibt es genug für Hausärzte.
... und Testen – Arbeit gibt es genug für Hausärzte.

Wenn es Lockerungen für Geimpfte gibt, sieht Jens Galan auch einen gewissen Druck auf die Ärzte zukommen, die Menschen noch schneller zu impfen. Dabei gibt es nach wie vor nicht genügend Impfstoff gegen Covid-19. Schon jetzt hat der Grünstadter Hausarzt bemerkenswerte Erfahrungen mit Menschen gemacht, die schnellstmöglich einen Impftermin wollen.

Herr Galan, die Hausärzte impfen seit vier Wochen gegen Covid-19. Wie sind Ihre Erfahrungen?
Ich habe in den ersten vier Wochen rund 150 Menschen mit dem Impfstoff von Biontech geimpft, 22 mit Astrazeneca. In dieser Woche stehen in meiner Praxis 26 Erstimpfungen mit Biontech und 55 mit Astrazeneca an. Andere Praxen erhalten sogar noch mehr Impfstoffe. Vergangene Woche haben wir Ärzte im Stadtgebiet Grünstadt 580 Menschen geimpft.

Und wie viele Menschen stehen auf Ihrer Warteliste?
Stand Dienstag 15 Uhr: rund 250 Leute. Ein Problem ist, dass viele der Älteren Astrazeneca nicht wollen. Mehr als drei Viertel lehnen es ab, mit diesem Impfstoff geimpft zu werden, weil man zuviel Schlechtes darüber gelesen hat. Da haben die Presse und die Politik ihren Anteil daran. Und den unter 60-Jährigen soll ich laut Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts kein Astrazeneca geben.

Sie haben eine 40-Jährige, die jeden Tag im Supermarkt an der Kasse sitzt und damit in die Prio 3 fällt auf ihrer Warteliste und einen 65-jährigen fitten Rentner. Wem geben Sie beim Impfen den Vorzug?
Das ist für mich eine schwierige ethische Frage. Ich versuche, mich an die Reihenfolge der Eingänge auf der Warteliste zu halten.

Im Vorgespräch sagten Sie, Sie sehen ein Problem auf die Ärzte zukommen, wenn sie nicht bald viel mehr Impfdosen bekommen. Welches?
Ich fange mit den Zweitimpfungen der Biontech-Geimpften am 17. Mai an, da brauche ich dann genauso viele Impfdosen wie ich sechs Wochen zuvor für die Erstimpfung hatte, um jeden Patienten impfen zu können. Da die Impfstoffe aber weiter mengenmäßig sehr begrenzt sind und wir diejenigen, die mit ihrer zweiten Impfung dran sind, bevorzugt impfen müssen, können wir bald kaum noch Erstimpfungen verabreichen – wenn wir nicht mehr Impfstoff bekommen.

Die Bundesregierung hat diese Woche zugesichert, dass im Mai 1,6 Millionen Dosen Biontech-Impfstoff pro Woche und in den ersten beiden Mai-Woche n eine Million Dosen Astrazeneca an die Praxen geliefert werden sollen, im Juni folgen weitere. Reicht das nicht?
Ich bin da skeptisch: Astrazeneca ist wegen der geringen Akzeptanz nicht das Problem, aber wenn es jetzt Vorzüge für Geimpfte geben soll, wird der Run auf die Impfstoffe auf mRNA-Basis noch größer und die Ärzte stehen noch mehr unter Druck, so nach dem Motto: „Hier, impft mich schneller!“ Schon jetzt geht es teils recht kurios zu: Es haben sich Leute eingemogelt, die noch gar nicht dran waren, mir wurden von jemandem 100 Euro geboten, um ihn beim Impfen vorzuziehen – daran sieht man doch, wie groß der Druck ist.

Druck auf die Ärzte ist das eine. Mein Eindruck ist, dass Menschen, die seit Wochen auf eine Einladung zum Impfen warten und ohne Druck und ohne Schmu zu einem Termin kommen wollen, resignieren.
Ja, viele Leute sind frustriert. Erschwerend kommt hinzu, dass die Erleichterung für die Geimpften im Raum steht. Ich finde das zu früh.

Warum? Es geht doch darum, den Menschen ihre Grundrechte wieder zu geben.
Die derzeitigen Einschränkungen bei den Grundrechten verlangen von den Menschen schon sehr viel ab. Trotzdem sollte man Lockerungen für Geimpfte erst machen, wenn man wirklich jedem ein Impfangebot gemacht hat. Alles andere empfinde ich als unfair. Gerade die Jüngeren hatten noch nicht einmal die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich finde es richtig, dass wir die Älteren und die Menschen in den Altenheimen zuerst geimpft haben, aber jetzt sollten die Älteren auch Solidarität mit den Jüngeren üben. Und dass man ab 1. Mai als Kontaktperson eines Infizierten nicht mehr in Quarantäne muss, wenn man geimpft ist, ist doch schon ein enormer Vorteil.

Viele Menschen registrieren sich doppelt: beim Hausarzt und im Impfzentrum. Gute Idee oder Chaos-Bringer?
Ich finde das in Ordnung, man sollte nur absagen, wenn man bei einem einen Termin hat. Auch dass die Kinderärzte sich beteiligen und nicht nur die Eltern der Risiko-Kinder impfen, finde ich super. Je mehr und je schneller die Leute geimpft werden, desto besser. Jede Impfung zählt!

Warum werden die Impftermine bei den Hausärzten so kurzfristig vergeben?
Ich erfahre immer dienstags, wie viel Impfstoff ich für die kommende Woche bestellen kann, aber erst am Freitag bekomme ich die Info, wie viel Impfstoff ich genau bekomme. Am Wochenende vergebe ich dann die Termine.

Mittlerweile gibt es viele Berichte von Menschen, die auch nach einer überwundenen Corona-Infektion an den Langzeitfolgen leiden. Trifft das auch auf Patienten zu, die bei Ihnen in Behandlung sind?
Ich habe fünf, sechs Patienten, die davon betroffen sind, sie waren in den ersten beiden Wellen infiziert und leiden immer noch darunter. Der Geschmacksverlust geht irgendwann weg, man kann dann wieder schmecken, aber es bleiben Atemnot und eine fehlende Belastbarkeit. Auch psychisch sind einige deutlich länger belastet, als nur einige Tage mit Infektzeichen. Einige sind jetzt in Reha, nachdem sie ein halbes Jahr lang damit zu tun hatten.

Im vergangenen Jahr hat man aus der Ärzteschaft öfter gehört, dass die Menschen sich scheuten zum Arzt zu gehen, weil sie Angst hätten sich dort mit Corona anzustecken. Sie würden damit in Kauf nehmen, dass schwere Erkrankungen, wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle nicht erkannt oder behandelt werden. Teilen Sie den Eindruck?
Nein, bei Symptomen für solche Erkrankungen kommen die Menschen trotzdem. Aber man merkt in diesen Zeiten, dass vieles, gerade banale Dinge, auch ohne ärztlichen Beistand gehen.

Fühlt man sich ungebraucht?
Nein, wir haben mit Corona genug zu tun. Seit Beginn der Pandemie im März 2020 bis zum Ende der „zweiten Welle“ Ende Februar 2021 hatten wir 2000 PCR-Tests vorgenommen, 188 waren positiv. Dann kam die jetzt hoffentlich wieder abflauende dritte Welle und das Thema Impfen: Das belastet unsere Praxen schon sehr zur Zeit. Wir alle freuen uns schon sehr darauf, unsere Patienten in gewohnter Ausführlichkeit und mit weniger Unruhe betreuen zu können.

Was gibt Ihnen Hoffnung?
Ich teste nach wie vor sehr viel – und die Neuinfektionen sind zum Glück wieder deutlich rückläufig. Dies zusammen mit der steigenden Anzahl an (Erst-)Geimpften – das finde ich schon vielversprechend für eine Entspannung im Sommer.

Zur Person

Jens Galan (49) ist seit elf Jahren Hausarzt mit eigener Praxis in Grünstadt und Vorsitzender der Ärztegemeinschaft im Leinigerland. In dem Verein sind rund 50 Ärzte aus der Region organisiert.
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