KIRCHHEIMBOLANDEN
Rat und Hilfe: Eine Brücke über Untiefen des Lebens
Seit mehr als 31 Jahren laufen die Fäden bei Rita Eisenhuth zusammen. So lange schon leitet sie diese Einrichtung, die getragen wird vom Pfälzischen Verein für soziale Rechtspflege in Kaiserslautern. Der Name des Vereins deutet an, dass seine Aufgabenstellung mit der Justiz zu tun hat. Es geht hier darum, Menschen, die vom Gericht zu Sozialdienst verurteilt wurden, zu beschäftigen. Zudem erhält der Verein von den Gerichten Strafgelder, die aus Verurteilungen hervorgehen.
Um diesen Kern herum ist vieles andere gewachsen. Für viele Menschen ist die Brücke vor allem als Soziales Kaufhaus unentbehrlich geworden.
Soziale Läden geschlossen
Im Moment freilich lässt der Lockdown diesen Betrieb nicht zu, geschlossen sind die sozialen Läden mit ihrem Second-Hand-Angebot. „Wir mussten alle Teilnehmer erstmal heimschicken“, bedauert Eisenhuth, dass die Ein-Euro-Jobber, die hier tätig sind, momentan nichts zu tun haben können. Ganz geschlossen ist die Einrichtung nicht. Auf Anfragen des Sozialamtes werden beispielsweise Erstausstattungen zusammengestellt, etwa für Flüchtlinge. Auch Gebrauchtmöbel können in Notfällen ausgeliefert werden. An Bord seien auch vier, fünf Straffällige, die Sozialdienst ableisteten – wofür strenge Kontakt- und Abstandsregeln einzuhalten seien.
Angefangen hat die „Brücke“ nicht hier, sondern in der Amtsstraße. Seit gut 20 Jahren ist sie nun in der Marnheimer Straße, und der Teil, der die alte Tankstelle und die dahinter liegenden Gebäude umfasst, ist auch Eigentum des Vereins. Über zehn Jahre sei das per Mietkauf erworben worden von einem Vorbesitzer, dem die Brücke gut gefallen habe. Nach und nach habe der Verein dann diese Gebäude – das ehemalige Wohnhaus, eine alte Werkstatthalle, die Tankstelle – weitgehend in Eigenleistung renoviert. Die Gebäude auf der anderen Straßenseite seien angemietet.
Finanzierung ruht auf mehreren Säulen
Die Dimensionen dieser Einrichtung rufen natürlich Fragen nach der Finanzierung auf. Die ruht bei der Brücke auf mehreren Säulen. „Das eine ist die Straffälligenhilfe“, so Eisenhuth. Das finanziere sich über kommunale Aufträge, die die Brücke übernimmt, etwa bei der Pflege öffentlicher Anlagen. Das ist ein Einsatzbereich für Menschen, die von Gerichten zur Ableistung von Sozialstunden verpflichtet wurden. „Vor Corona waren das etwa zehn, die hier auf dem Hof beschäftigt waren, in Vollzeit, Teilzeit, manche tageweise.“ Wenn Leute etwa im Raum Obermoschel ihren Lebensmittelpunkt hätten, versuche sie, die an den dortigen Bauhof zu vermitteln oder in Alsenz zu beschäftigen, wo die Brücke eine Außenstelle hat. „Mit Corona können es nun höchstens noch vier sein.“ Zum Bereich Straffälligenhilfe gehört auch, dass die Brücke mit Strafgeldern unterstützt wird, die die Gerichte verhängen. Mit den Einnahmen aus dieser Säule versuche der Verein, die anfallenden Personal- und Sachkosten zu decken.
Das zweite große Standbein ist das Soziale Kaufhaus, das in normalen Zeiten gemeinsam mit dem Jobcenter und mit der Mitwirkung von Ein-Euro-Joblern betrieben wird, 20 kann die Brücke einsetzen, 18 davon in Kibo, zwei in Alsenz, wo die Brücke ein weiteres Second-Hand-Lädchen betreibt. Das Job-Center stellt die Leute und das Betreuungsgeld. Vor einigen Jahren konnte die Brücke noch bis zu 45 Ein-Euro-Jobber beschäftigen, bis gesetzliche Neuregelungen da die Grenzen enger zogen – damals eine äußerst schwierige Situation für den Verein.
Es wird viel bewegt
Insgesamt beschäftigt die Brücke – neben Rita Eisenhuth in Organisation, Leitung und Sozialarbeit –, zwei Vorarbeiter als Anleiter im der Straffälligenhilfe, einen Anleiter für die Ein-Euro-Jobler, drei weitere Leute nach dem sogenannten Teilhabe-Chancen-Gesetz, für die das Jobcenter Zuschüsse leistet und die früheren ABM-Stellen vergleichbar seien, sowie drei geringfügig Beschäftigte.
Ein Rundgang, der vor dem jüngsten Lockdown noch möglich war, verdeutlich, wie viel hier bewegt wird – wobei Eisenhuth betont, dass viele der Leute, die hier arbeiten, manche Einschränkungen mit sich bringen und sorgfältig geschaut werden müsse, für welche Arbeit sie sich eignen. Betriebsamkeit ist überall. Gewaschene Second-Hand-Kleidung wird gebügelt, ausgepreist, sortiert und ausgelegt, Legosteine und Playmobil-Teile sortiert, Spielsachen, Hausrat und Babysachen gereinigt und geprüft. Regale füllen sich mit Büchern. Gegenüber hat sich im „Fundus“, älteren Kerchemern noch als „Hubertusklause“ in Erinnerung, geradezu ein Komplettsortiment an Kleidung aus zweiter Hand ausgebreitet.
In der Werkhalle werden Altmöbel aufgearbeitet. „Hier findet man immer was“, sagt Anleiter Wolfgang Stübinger. Auch Kleinteile werden hier gesammelt, Dinge, die man immer mal brauchen kann, wenn Originalteile ersetzt werden müssen. Die Aufgaben sind vielfältig, und das ist gut so, denn viele Menschen, die hier arbeiten, bringen Einschränkungen mit sich und können für jede Aufgabe eingesetzt werden. „Es wird auch der Ehrgeiz gefördert, kreativ zu sein“, so Stübinger. Aus Vorhandenem vielleicht etwas ganz anderes zu machen; aus alten Türen ein Eckregal, aus einem Kinderwagen ein Werbeständer – das ist der Reiz.
Alter Bauwagen als Lager
Die Lagerfläche ist ein Problem. In den Räumen stapeln sich Schränke, Sofas, Regale, Waschmaschinen, Küchenutensilien – in der Pandemiezeit werde weniger umgezogen, das mache sich bemerkbar, meint Stübinger, bevor er das Bettenlager im Obergeschoss zeigt. Hier ist er dankbar für einen Mitarbeiter, der mit viel Akribie und Systematik überprüft, ob für jedes Bett auch alle Teile vorhanden sind, das eine oder andere Bett auch aufbaut, damit Interessierte sich auch etwas anschauen können.
Damit ist noch lange nicht alles erschöpft. Ein alter Bauwagen dient als Lager, in einer Bude werden Saisonwaren angeboten. Auch Holzmachen gehört zum Arbeitsspektrum, 200 Festmeter werden jedes Jahr verarbeitet, zum Teil für die eigene Heizung, zum Teil für den Verkauf. Und das Gelände war bis vor kurzem noch deutlich größer, denn auf dem unteren Teil Richtung alte B 40, wo früher der Second-Hand-Baumarkt betrieben wurde, wird gerade gebaut, da entstehen die neuen Wohnhäuser für die Lebenshilfe.
Ein Engagement, das wahrgenommen und genutzt wird. Die Corona-Auflagen sind streng. Momentan habe es wenig Sinn, ausrangierte Sachen abgeben zu wollen, sagt Eisenhuth. Es müsse zunächst einmal abgewartet werden, bis die Pandemie wieder das bunte Leben zulasse, das den Betrieb hier in Bewegung hält.
Zum vorigen Teil der Rat-und-Hilfe-Serie geht es hier.