Israel/Palästina RHEINPFALZ Plus Artikel Michael Wolffsohn: Warum die Palästinenser eine Stunde Null brauchen

Große Teile des Gazastreifens, hier Maghazi, sind zerstört. Trotzdem will die Hamas noch immer nicht kapitulieren und Israel wil
Große Teile des Gazastreifens, hier Maghazi, sind zerstört. Trotzdem will die Hamas noch immer nicht kapitulieren und Israel will nicht ruhen, bis der Gegner vernichtend geschlagen ist.

Gibt es denn gar keine Hoffnung, dass die Menschen im Nahen Osten jemals der Spirale der Gewalt entkommen? Doch, sagt der Historiker und Israel-Experte Michael Wolffsohn. Er ist überzeugt: Wenn die Hamas wie einst Nazi-Deutschland vernichtend geschlagen wäre, bräche eine Stunde Null an – mit epochalen Chancen für die Palästinenser.

Professor Wolffsohn, in Ihrem Buch „Eine andere jüdische Weltgeschichte“ beschreiben Sie eine 2000-jährige Geschichte der Juden, die eine leidvolle Geschichte der „Existenz auf Widerruf“ war, wie Sie es formulieren. Wie passt der 7. Oktober 2023 in die lange Reihe der Judenverfolgungen seit der Antike?
Nahtlos!

Es ist nicht zu früh, darüber eine Einordnung zu treffen?
Nein, das kann man ganz eindeutig in die Leidenstradition des jüdischen Volkes einordnen. Also nicht nur der Menschen in Israel, sondern eben auch der Diaspora. Wir sehen hier eine Kette von Verfolgungen und Vernichtungen, die tatsächlich über 2000 Jahre oder eigentlich 3000 Jahre reicht, wenn wir vom damals noch vereinigten Königreich unter Saul, David und Salomon ausgehen. Ja, der 7. Oktober ist Teil dieser Geschichte, und nicht zuletzt auch von der Anzahl der Opfer betrachtet ist der 7. Oktober historisch, denn seit dem Holocaust sind nicht so viele Juden an einem Tag umgebracht worden.

Ist der Staat Israel durch diesen Massenmord in seinen Grundfesten erschüttert?
Es stellt sich tatsächlich die Fundamentalfrage an Israel, sprich an den Zionismus. Das Versprechen des Zionismus war: Sicherheit für die Juden durch einen Staat, den man 2000 Jahre nicht hatte. Und jetzt behaupten sehr viele: Seht ihr, der Zionismus hat sein Versprechen nicht halten können. Klingt zunächst überzeugend. Ist aber total falsch.

Warum?
Der Zionismus hat nie versprochen und konnte nie versprechen, den Juden Sicherheit vor äußeren Angriffen zu garantieren. Aber er hat Sicherheit nach Innen versprochen und hat dies auch eingelöst. Als Juden sind die Juden in Israel, erstmals seit 2000 Jahren nicht mehr vom Wohlwollen, der Toleranz und Akzeptanz der nichtjüdischen Mehrheit abhängig.

Michael Wolffsohn, 1947 in Tel Aviv geboren und als Kind mit seiner Familie nach West-Berlin übergesiedelt, lehrte von 1981 bis
Michael Wolffsohn, 1947 in Tel Aviv geboren und als Kind mit seiner Familie nach West-Berlin übergesiedelt, lehrte von 1981 bis 2012 als Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München.

So mancher junge Israeli hat einen nichtisraelischen Pass als Plan B. Die Hälfte der Juden weltweit lebt nicht in Israel. Viele dieser Diasporajuden, gerade in den USA, haben sich „deisraelisiert“, wie Sie es nennen. Gleichzeitig gibt es neue Zuwanderung, beispielsweise auch aus der Ukraine oder aus Frankreich. Unterm Strich: Wie ist es um die Strahlkraft Israels als Heimstatt der Juden bestellt?
Die Wirklichkeit Israels mag aus innen- und außenpolitischen Gründen für Israelis unbefriedigender geworden sein. Aber die Wirklichkeit in der Diaspora ist immer antisemitischer geworden, einschließlich Gefahr für Leib und Leben. Insofern muss jeder abwägen, der aus Israel weg will, ob er vom Regen in die Traufe kommt.

Allen Unkenrufen zum Trotz und allen Auswanderungszahlen ins Ausland zum Trotz ist Israel nach den skandinavischen Staaten stets ganz oben auf der Liste der Länder, wo die Einwohner am glücklichsten sind. Israel hat trotz seiner außenpolitischen Gefährdung und den innen- und wirtschaftspolitischen Mühsalen eine hohe Attraktivität. Es ist ein Land, in dem man gut lebt.

Israel Premier Benjamin Netanjahu sagt, er habe gar keine Partner auf Palästinenserseite, um Frieden zu schließen.
Israel Premier Benjamin Netanjahu sagt, er habe gar keine Partner auf Palästinenserseite, um Frieden zu schließen.

Sie haben nach dem 7. Oktober wegen der Vielzahl antisemitischer Vorfälle und Straftaten im Gefolge das Hamas-Terrorangriffs gesagt: Die Schonzeit für uns Juden ist vorbei, auch in Deutschland. Sie haben auch gesagt, Sie seien pessimistischer geworden, obwohl Sie eigentlich ein optimistischer Mensch seien. Seit dem 7. Oktober sind schon mehr als 200 Tage vergangen. Würden Sie das weiterhin so sagen – die Schonzeit ist vorbei?
Der Satz ist schon in den 80er Jahren aufgekommen mit dem antisemitischen Fassbinder-Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“. Aber unabhängig, wie man die Formulierung wählt, die Entwicklung, die wir heute in Deutschland, Westeuropa und neuerdings auch in den USA feststellen, hat sich seit den 60er Jahren angebahnt. Zunächst nur in der radikalen neuen Linken und dann allmählich in linksliberalen Kultur- und Medienkreisen. Inzwischen gibt es sie in der Gesellschaft derer, die in feinen Nadelstreifen gepflegt zu Abend essen.

Sie heben auf die Ideologie des Postkolonialismus ab, deren Verfechter mit Blick auf Israel behaupten, der jüdische Staat sei ein Fall imperialer Besatzung.
Ja. Heute nennt man es so. Früher gab es andere Formulierungen, aber gemeint war dasselbe: Der Zionismus sei von Anfang an die Speerspitze des weißen europäischen Kolonialismus und Imperialismus gewesen. Das ist eine selektive Geschichtsinterpretation, die nicht den Gesamtzusammenhang betrachtet. Total falsch. Juden haben selber gegen die britische Kontrolle des Heiligen Landes gekämpft. In der akademischen Welt, in der Kulturschickeria ist der Postkolonialismus Hauptströmung geworden.

Auch in der Politik ist der Ansatz immer stärker vertreten. Und das erklärt die totale Isolierung Israels – mental, psychologisch, politisch. Neu ist nun die Masse und die Wirksamkeit dieser Haltung. Ja, mein Pessimismus ist vorhanden. Aber nicht weil ich sähe, dass die verantwortlichen Politiker in Deutschland dem nicht gegensteuern wollten. Aber es ist eine Politik, die nicht mehr von der Breite der Bevölkerung getragen wird und auch nicht von der eigenen Basis.

War das denn je besser? Schon der damalige Präsident des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, der 1999 starb, war am Ende seines Lebens sehr verbittert, weil er das Gefühl hatte, die hart erarbeitete Aussöhnung sei doch für die Katz gewesen. Gab es nicht immer schon eine Kluft zwischen der Haltung von Regierungen und Eliten einerseits und der Breite der Bevölkerung? Da gab es immer schon Gleichgültigkeit oder auch latenten Antisemitismus.


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