Breunigweiler RHEINPFALZ Plus Artikel Kälber auf Weide gerissen – war es ein Wolf?

Henrik Heeger hält seine Rinder die meiste Zeit des Jahres über auf der Weide.
Henrik Heeger hält seine Rinder die meiste Zeit des Jahres über auf der Weide.

Hat im Donnersbergkreis vor kurzem ein Wolf zugeschlagen? Landwirt Henrik Heeger ist überzeugt davon. Anders kann er sich den grauenvollen Anblick, den zwei seiner Kälbchen vor kurzem geboten haben, nicht erklären.

Der Landwirt und Metzgermeister mit eigenem Hofladen betreibt in Breunigweiler unter anderem eine Rinderzucht mit Weidehaltung. Er legt Wert darauf, dass seine Schlachttiere aus nachhaltiger Aufzucht stammen. Deshalb hält er die Rinder fast ausschließlich auf der Weide. Die Kälber werden dort geboren und bleiben dort auch mehrere Monate bei ihren Müttern. Das ist auch viele Jahre lang gutgegangen. Bis jetzt.

Seine Rinder gehören zur französischen Rasse Aubrac. Sie sind besonders robust.
Seine Rinder gehören zur französischen Rasse Aubrac. Sie sind besonders robust.

„Ich war abends auf der Weide und habe festgestellt, dass ein Kalb, das gerade ein paar Tage alt war, gefehlt hat“, sagt Heeger. „Außerdem war gerade ein weiteres Kalb geboren worden. Als ich am nächsten Morgen wiederkam, lag das Neugeborene tot im Gras – und nicht nur das, es war regelrecht zerfleischt worden. So, wie das Kalb zugerichtet war, wurde es nicht einfach nur totgebissen, es wurde bei lebendigem Leib angefressen“, sagt Heeger. Schockiert machte der Bauer sich auf die Suche nach dem zweiten Kalb – und fand es ein Stück weiter weg, in ähnlichem Zustand. „Ich hab’ sofort gewusst – das muss ein Wolf gewesen sein“, ist Heeger sich sicher.

Eines der beiden gerissenen Kälber.
Eines der beiden gerissenen Kälber.

Zentrum für Luchs und Wolf benachrichtigt

Die gerissenen Kälber meldete Heeger ordnungsgemäß dem Kreisveterinäramt – und wurde von diesem auf das Koordinationszentrum für Luchs und Wolf (Kluwo) bei der Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft in Trippstadt verwiesen. Das Kluwo wurde 2021 als zentrale Anlaufstelle für Fragen zu Luchs und Wolf geschaffen. Es koordiniert auch die Maßnahmen mit Bezug auf die beiden Raubtierarten. Das Zentrum hat eigens eine Hotline eingerichtet, bei der man Risse, aber auch Sichtungen, melden kann.

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

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„Die haben dann auch jemanden aus Trippstadt hierher geschickt“, berichtet Heeger weiter. „Auf meine Nachfrage sagten sie mir sofort, dass es laut Lehrbuch ein Fuchs gewesen sein müsste.“ Diese Antwort will er aber nicht gelten lassen. „Das Durchschnittsgewicht eines Fuchses liegt bei etwa zehn Kilo. An einem Tier allein haben aber zehn bis zwölf Kilo Fleisch und Innereien gefehlt. Das soll mir mal jemand erklären.“ Außerdem glaubt er nicht, dass die Herde es einfach so zugelassen hätte, wenn sich ein Fuchs über die Kälbchen hergemacht hätte. „Eine wütende Mutterkuh wird ohne weiteres mit einem Fuchs fertig. Selbst ein Reh mit Jungtieren schafft das. Außerdem hatten wir schon immer Füchse hier, und so etwas ist noch nie vorgekommen.“ Auch einen Dachs oder ein Wildschwein kann sich Heeger als Angreifer nicht vorstellen. „Für mich deutet alles auf den Wolf hin.“

Heeger zeigt die Stellen, wo er die toten Kälber gefunden hat: Das eine lag direkt neben dem Kanaldeckel, das andere in Richtung
Heeger zeigt die Stellen, wo er die toten Kälber gefunden hat: Das eine lag direkt neben dem Kanaldeckel, das andere in Richtung des Busches im Hintergrund.

Noch kein Ergebnis der DNA-Probe

Immerhin: Die Fachleute haben auch eine DNA-Probe genommen. „Sie haben mir allerdings gleich mitgeteilt, dass sie nicht wüssten, ob etwas dabei herauskommt – die Kälber hätten zu lange im Regen gelegen.“ Auf Nachfrage der RHEINPFALZ hieß es seitens des Kluwo: „Die genetischen Analysen der Abstrichproben befinden sich noch in der Auswertung und der Fall somit noch in Bearbeitung.“

Es kann also durchaus sein, dass es nie Gewissheit geben wird, ob im Donnersbergkreis tatsächlich ein Wolf zugeschlagen hat. Es gab allerdings in diesem Jahr bereits anderswo in der Pfalz Vorfälle mit Wölfen: In Carlsberg (Kreis Bad Dürkheim), Martinshöhe (Kreis Kaiserslautern), Fischbach bei Dahn, Schmittshausen und Rosenkopf (alle Landkreis Südwestpfalz) wurden Nutztiere gerissen. Nachweislich erlegt wurde der letzte Wolf übrigens im Jahr 1874 – im Bereich des Forstamtes Zweibrücken. Bis in die 1880er Jahre wurden Wölfe noch gelegentlich gesichtet, aber nicht mehr abgeschossen. Bewusst angesiedelt wurden Wölfe – im Gegensatz zu Luchsen – in der Pfalz nicht wieder. Sie sind vielmehr aus anderen Teilen Europas zugewandert, insbesondere aus Polen, in Einzelfällen auch aus der Schweiz, Frankreich, Italien und Slowenien.

Herdenschutz ist schwierig

Wenn sich ein Wolf erst einmal niedergelassen hat, bleibt er auch meist – es sei denn, er befindet sich auf der „Durchreise“. Und wo ein Wolf ist, ist meist auch ein zweiter und bald auch Nachwuchs. Für Landwirt Heeger sind das keine erfreulichen Aussichten: „Ich müsste dann meine Weiden ganz anders einzäunen. In Wolfsgebieten werden Verluste nur ersetzt, wenn spezielle Wolfszäune vorhanden sind.“ Er glaubt aber, dass auch ein Wolfszaun kein echtes Hindernis darstellt, schon gar nicht, wenn das Gelände abschüssig ist: „Da müsste der schon mehrere Meter hoch sein, so wie man das auch bei Wolfsgehegen im Zoo sieht. Anders finden die immer einen Weg drüber – oder sie graben sich einfach drunter durch.“ So oder so – Heegers Weiden sind groß, er müsste also viele Zäune bauen. Genauer gesagt: Rund 30 Kilometer Zaun. Das kostet.

So sehen derzeit die Weidezäune aus. Ein Wolf hat hier keine Schwierigkeiten durchzukommen.
So sehen derzeit die Weidezäune aus. Ein Wolf hat hier keine Schwierigkeiten durchzukommen.

Was Heeger ebenfalls fürchtet: „Für die Rinder wäre das dann eine dauerhafte Bedrohung. Sie sind jetzt schon deutlich nervöser als sonst. Wenn da jetzt öfter Wölfe auftauchen, bekommen Sie überhaupt keine Ruhe mehr in die Herde.“ Ein Problem wäre auch die Entschädigung. Zwar ist es gesetzlich geregelt, dass Landwirte bei Wolfsrissen entschädigt werden, doch ersetzt wird nur der Zeitwert des jeweiligen Tieres. Der ist bei Kälbern gering. Ein ausgewachsenes, schlachtreifes Tier ist sehr viel mehr wert. Außerdem wurden die Muttertiere quasi ein Jahr lang umsonst durchgefüttert. „Wir spielen jetzt mit dem Gedanken, diese Muttertiere zu schlachten, weil das Kalb bei dieser Haltung der Ertrag ist.“

Sorgen um Kinder

Sorgen aber macht Heeger noch etwas anderes: Die Weide, auf der sich alles zugetragen hat, ist nur ein paar hundert Meter von der Grundschule Sippersfeld entfernt. Und im angrenzenden Wald gibt es eine Waldkindergartengruppe. „Was passiert eigentlich mit den Kindern? Es heißt immer, dass Wölfe nicht an den Menschen gehen, aber ganz so stimmt das gar nicht. Es gibt sehr wohl Fälle, wo Menschen angegriffen wurden. Und je mehr sich ein Wolf an die Menschen gewöhnt, desto weniger scheu ist er und desto gefährlicher. Und der Wolf weiß mittlerweile auch , dass der Mensch keine Gefahr mehr darstellt.“ Eins steht jedenfalls fest: Sollte es tatsächlich ein Wolf gewesen sein, wird diesem nichts passieren. Die Art ist streng geschützt und darf nicht gejagt werden.

Blick von der Weide auf die Grundschule Sippersfeld. Heeger sorgt sich um die Sicherheit der Kinder.
Blick von der Weide auf die Grundschule Sippersfeld. Heeger sorgt sich um die Sicherheit der Kinder.
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