1. FC Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Wie die Roten Teufel mit König Otto Geschichte geschrieben haben

Otto Rehhagel war der Architekt des Aufstieges und Meistertitels des 1. FC Kaiserslautern.
Otto Rehhagel war der Architekt des Aufstieges und Meistertitels des 1. FC Kaiserslautern.

Mit dem „demokratischen Diktator“ auf der Trainerbank schafft der 1. FC Kaiserslautern vor 25 Jahren die größte Sensation der Bundesligageschichte. Ciriaco Sforza führt Regie und Olaf Marschall spielt die Saison seines Lebens.

Der 1. FC Kaiserslautern schreibt 1998 Fußballgeschichte: Der Aufsteiger wird deutscher Meister. „Das wird es nie wieder geben“, sagt Trainer Otto Rehhagel. Um das Kaiserslauterer Fußball-Märchen zu begreifen, muss man Abstieg 1996 und Aufstieg 1997 erklären. Der FCK war kein „normaler“ Absteiger. Er stieg ab, weil ihm die neu eingeführte Drei-Punkte-Regelung bei 18 Unentschieden das Genick brach. Der FCK war im Jahr danach kein „normaler“ Aufsteiger, denn die Mannschaft, die eine Woche nach dem Abstieg den DFB-Pokal gewonnen hatte, war mit Spielern wie Andreas Brehme, dem Weltmeister von 1990, den tschechischen Nationalspielern Miroslav Kadlec und Pavel Kuka, Martin Wagner, Ratinho und Michael Schjönberg erstklassig besetzt. Die Mission Wiederaufstieg befehligte Otto Rehhagel, in Bremen als Meistermacher gefeiert, bei Bayern München 1996 gefeuert.

Abstieg 1996 – Aufstieg 1997 – Meisterschaft 1998 – der Grundstein zum Lauterer Fußball-Märchen wurde am 2. August 1997 beim Saisonstart im Münchner Olympiastadion beim Wiedersehen Rehhagels mit den Bayern gelegt. Der FCK spielte stark, der nach zwei nicht wirklich glücklichen Jahren bei den Bayern und bei Inter Mailand zum FCK zurückgekehrte Ciriaco Sforza führte glänzend Regie. 0:0 noch 80 Minuten. Dann sticht Rehhagels Joker: Marco Reich, 19, ein Pfeil, wird von Lizarazu gelegt, den Freistoß serviert Sforza, Michael Schjönberg, Ottos „nordischer Held“, schraubt seine 1,91 Meter in die Luft und trifft per Kopf – 1:0. Die Sensation ist perfekt, „König Otto“ strahlt – seine Freude ist noch größer als die Genugtuung.

Lockenkopf als Fußball-Gott

Der Sieg gegen die Bayern setzte ungeahnte Kräfte frei. Im ersten Heimspiel nach den Wiederaufstieg sorgte Olaf Marschall gegen Hertha BSC für das „goldene Tor“. Der als „Fußball-Gott“ gefeierte Lockenkopf trifft in 24 Einsätzen 21 mal. Dem 0:0 in Köln folgte das 3:0 gegen Schalke 04 durch zwei Treffer Marschalls und ein Tor von Sforza. Der FCK übernahm am 4. Spieltag die Tabellenführung – und gab sie nicht mehr her.

Die erste Niederlage quittierte der forsche Aufsteiger am 8. Spieltag: 1:3 gegen Werder Bremen. „Das ist ein Dämpfer zur rechten Zeit. Jetzt wird sich zeigen, ob wir wirklich eine Einheit sind, was wir die ganze Zeit ja immer wieder behauptet haben“, erklärte Martin Wagner. Er hatte mit seiner Vertragsverlängerung nach dem Abstieg ein wichtiges Signal gegeben, eine Woche nach dem Abstieg den FCK im DFB-Pokalfinale gegen den Karlsruher SC zum 1:0-Sieg geschossen. Mit vier Punkten Vorsprung vor den Bayern wurden die Lauterer sensationell „Herbstmeister“ und bauten den Vorsprung durch den 2:0-Coup gegen die Bayern zum Rückrundenstart auf sieben Zähler aus. Der Vorsprung schmolz zwischen dem 28. und dem 31. Spieltag: 0:3 gegen Bayer Leverkusen, 1:1 beim MSV Duisburg, 1:1 in Rostock. Auf der Bielefelder Alm aber stockte die Aufholjagd des FC Bayern: 4:4. Am 32. Spieltag bebte der Betze: Borussia Mönchengladbach führte kurz vor der Pause 2:0, dann verkürzte Olaf Marschall, der dann noch zweimal traf: 3:2!

Techniker, Wachhung und Turbo

Mit zwei Punkten Vorsprung vor den Bayern geht der FCK am 2. Mai ins vorletzte Saisonspiel gegen den VfL Wolfsburg. Der FCK stürmt auf Teufel komm raus: Lauterns Tor-Marschall eröffnet den Torreigen, Martin Wagner und nochmals Marschall sorgen für die frühe Entscheidung, Jürgen Rische, dem phänomenalen Joker, gelingt mit seinem elften Saisontor das 4:0. Abpfiff! Aber die Bayern spielen noch – 30 Sekunden später ist in Duisburg Schluss: 0:0. Die vierte deutsche Meisterschaft der Roten Teufel ist perfekt. Fußball-Deutschland verneigt sich vor „König Otto“, dem Motivator, der die Meistermannschaft formte und als „demokratischer Diktator“ führte.

Die Achse mit Torhüter Andreas Reinke, mit Miroslav Kadlec, dem Weltklasse-Libero, mit Ciriaco Sforza, dem Lenker, und Torgarant Olaf Marschall bereitete dem Wunder von Lautern den Boden. Ein Gewinn der wuchtige Techniker Marian Hristov. Großartig die Konstanz von Dauerbrenner Axel Roos, der ebenso wie „Wachhund“ Roger Lutz schon 1991 am Meisterstück mit schmiedete. Wertvoll in der Luft und am Boden der umgeschulte Kunstradfahrer Harry Koch. Über die rechte Schokoladenseite bereitete das Duo Rathino und „Turbo“ Andreas Buck 22 Tore vor, links standen Schjönberg und Wagner für rustikale Defensive mit der Fähigkeit auch Spiele im Vorwärtsgang zu entscheiden. Perfekt die Joker Marco Reich und Jürgen Rische, mit fünf entscheidenden Toren ganz wichtig auch Pavel Kuka. In Geduld üben mussten sich der junge Michael Ballack, dessen Stern am Betze aufging, und das aufstrebende Eigengewächs Thomas Riedl. Wichtig, weil zuverlässig wann immer er gebraucht wurde, Oliver Schäfer. Ein Vorbild als Stand-by-Profi: Andreas Brehme.

Olaf Marschall (links) spielte die Saison seines Lebens, hier gegen den Duisburger Slobodan Komljenovic.
Olaf Marschall (links) spielte die Saison seines Lebens, hier gegen den Duisburger Slobodan Komljenovic.
Die Lauterer Helden von 1998 nach dem 1:1 in Hamburg.
Die Lauterer Helden von 1998 nach dem 1:1 in Hamburg.
Tausende von Menschen feierten die vierte deutsche Meisterschaft in Kaiserslautern.
Tausende von Menschen feierten die vierte deutsche Meisterschaft in Kaiserslautern.

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