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Sonntag, 12. August 2018 Drucken

RHEINPFALZ am Sonntag

Kerosinablass: Fragen und Antworten

Von Andreas Ganter

Ein Mitarbeiter bereitet ein Flugzeug zum Betanken vor. (Foto: dpa)

Rund 51.000 Menschen haben bislang die Online-Petition gegen „Kerosinregen“ über dem Pfälzerwald unterzeichnet. Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Thema.

Warum lassen Flugzeuge über der Pfalz so häufig Kerosin ab?

 

Die Pfalz liegt in der Nähe des Flughafens Frankfurt. Der überwiegende Teil der dort startenden Maschinen fliegt zunächst Richtung Westen. Wenn die Piloten kurz nach dem Start ein Problem bemerken, das sie dazu zwingt, Kerosin abzulassen, sind sie meist über der Pfalz.

 

Warum treten so viele Probleme kurz nach dem Start eines Fliegers auf?

 

Zwar werden die Flieger vor dem Start überprüft, das geschieht allerdings nur unter sogenannter Nulllast – vergleichbar dem Leerlauf eines Automotors. Gerade in der Startphase sind die Maschinen den höchsten Belastungen ausgesetzt. Der Startschub fordert den Flugzeugen alles ab. Wind und Wetter kommen hinzu.

 

Wann dürfen Piloten Kerosin ablassen?

 

Das darf nur in Notfällen geschehen. Allerdings können diese unterschiedlich gravierend sein. Es reicht von Feuer an Bord (höchste Eile geboten) über den Ausfall eines Triebwerks (nicht ganz so dramatisch, aber dennoch kritisch) bis hin zum Ausfall des zweiten Triebwerks (drohende Katastrophe). Weniger schlimm sind Probleme bei Navigationsgeräten. Wenn bei einem Passagier plötzlich schwere Gesundheitsprobleme auftreten, gilt das ebenfalls als Notsituation.

 

Wer entscheidet, ob, wo und wie viel Kerosin abgelassen wird?

 

Die letzte Entscheidung liegt immer beim Piloten. Bevor er Kerosin ablässt, nimmt er Kontakt mit der Deutschen Flugsicherung auf. Dann informiert der Pilot den Fluglotsen über die Treibstoffmenge, die er rauspumpen will, und wie lange das dauern wird. Üblicherweise können Langstreckenflieger bis zu zwei Tonnen Sprit in einer Minute fein vernebelt absondern. Der Fluglotse kümmert sich darum, dass das über einer Gegend passiert, die verschiedene Kriterien erfüllt. Unter anderem sollen dort möglichst wenige Menschen leben. Zudem muss der Luftraum unter der Maschine frei sein. Abgelassenes Kerosin, das auf andere Flugzeuge trifft, könnte verheerende Wirkungen haben. Nicht zuletzt gilt in Deutschland eine Mindestablasshöhe von rund 1800 Metern.

 

Welche Probleme verursacht abgelassenes Kerosin?

 

Die Angaben dazu sind umstritten. Das Problem: Es gibt nur veraltete Studien dazu. Fest steht, dass Kerosin Benzol enthält, das als krebserregend gilt. Wie viel davon den Boden erreicht, ist umstritten. Außerdem gibt es keine zuverlässigen Aussagen dazu, wo der Treibstoff überhaupt runterkommt. Die Umweltministerkonferenz hat ein neues Gutachten zum Treibstoffablass in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse werden Ende des Jahres erwartet. Allerdings wurden dafür keine neuen Messungen erstellt. Die Expertise soll lediglich auf vorhandener Literatur beruhen.

 

Warum müssen Piloten Kerosin ablassen, um landen zu können?

 

Prinzipiell ist das nur bei wenigen Langstrecken- und Militärflugzeugen möglich. Gerade bei Langstreckenmaschinen gehen die Konstrukteure davon aus, dass sie unterwegs viel Sprit verbrauchen. Deshalb dürfen die Flugzeuge beim Start deutlich schwerer sein als bei der Landung. Wenn es allerdings kurz nach dem Abheben zu einer Notsituation kommt, sind die Tanks noch zu voll, um sicher zu landen.

 

Was passiert, wenn Flieger mit zu hohem Gewicht aufkommen?

 

Experten nennen das „overweight landing“. Dabei gelingt selten eine weiche Landung. Piloten machen das nur, wenn es nicht anders geht. Es besteht die Gefahr, dass das Fahrwerk abknickt und sich das Flugzeug überschlägt. Die Kosten, die für die Fluglinie durch ein „overweight landing“ entstehen, lassen sich schwer beziffern. Der Flieger steht jedoch mindestens einen Tag still. In dieser Zeit kontrollieren ihn Techniker und prüfen, ob es etwa zu Haarrissen kam.

 

Was kostet es die Fluglinien, wenn Kerosin in der Luft abgelassen wird?

 

Eine Tonne Kerosin kostet etwa 750 US-Dollar. Weil die meisten Fluglinien aber versichert sind, erhalten sie einen Teil der durch Kerosinablass entstandenen Kosten wieder zurück.

 

Hat die Politik das Thema Kerosinablass im Blick?

 

Ja. Der rheinland-pfälzische Landtag hat sich ausgiebig mit dem Thema befasst. Außerdem geht die Studie der Umweltministerkonferenz auf rheinland-pfälzisches Drängen zurück. Mehrere Bundestagsabgeordnete haben sich dem Thema in Anfragen an die Bundesregierung gewidmet. Im Koalitionsvertrag haben Union und SPD vereinbart, dass die Deutsche Flugsicherung künftig alle Fälle, in denen Piloten Sprit ablassen, umgehend auf ihrer Homepage veröffentlichen soll. Das ist bislang jedoch noch nicht umgesetzt.

 

Welche Möglichkeit hat die Politik, gegen Treibstoffablässe vorzugehen?

 

Letztlich sind der Politik die Hände so gut wie gebunden. Technische Neuerungen sind nicht in Sicht. Mittelfristig wird es wohl immer Fälle geben, in denen sich Piloten gezwungen sehen, Kerosin rauszupumpen, um das Leben der Passagiere nicht zu gefährden. Der Bundestag hätte jedoch durchaus einen Ansatzpunkt. Er könnte die Mindestablasshöhe nach oben korrigieren. In anderen Ländern ist das schon geschehen. Fest steht nämlich: Je weiter oben die Piloten Kerosin rauslassen, desto weniger Treibstoff erreicht den Boden.