Medizin
Drogen gegen Ängste
1960 veränderte sich Timothy Learys Leben. Bei einer Reise nach Mexiko nahm der Psychologe und Harvard-Professor zum ersten Mal psychedelische Pilze. Beeindruckt vom Rausch, startete er, zurück in den USA, Experimente mit Psilocybin, dem Inhaltsstoff der magischen Pilze.
Unter anderem untersuchte Leary, ob die Einnahme von Psilocybin in Kombination mit einer Psychotherapie Strafgefangene wieder resozialisieren könnte. Er leitete die Häftlinge durch die psychedelische Erfahrung, mit deren Hilfe sie ihren verbrecherischen Lebensstil aufgeben sollten. Doch Leary und seine Experimente gerieten in Verruf, nicht zuletzt, weil er bei den Versuchen selbst high war. Man feuerte ihn.
Auch anderen Forschungsvorhaben mit Psycho-Drogen wie LSD zur Schmerzbehandlung wurden spätestens mit dem neuen US-Betäubungsmittelgesetz von 1970 die Grundlage entzogen. Doch seit einigen Jahren ist dieser Zweig der Wissenschaft wieder zurück: Forscher wollen aus illegalen Drogen legale Medizin machen. Ketamin, Ecstasy oder Pilze sollen psychisch kranken Menschen helfen – wenn die gängigen Psychopharmaka versagen.
Ketamin – Aufputscher als Nasenspray
Zumindest in einem Fall ist das bereits gelungen: Ketamin wird in den USA gegen Depressionen eingesetzt, denen anderweitig nicht beizukommen ist. Anfang des Jahres hat die US-Arzneimittelbehörde FDA die dem Ketamin ähnliche Substanz Esketamin als Nasenspray zugelassen.
Auch die Berliner Charité untersucht Ketamin. Der Mediziner Malek Bajbouj hat es bei schwermütigen Patienten mit einer Infusion versucht. „Wir haben bei etwa 150 Patienten gesehen, dass grob ein Drittel auf die antidepressive Behandlung anspricht, ein Drittel teilweise und ein Drittel überhaupt nicht“, sagt er. Das Besondere am synthetisch hergestellten Ketamin ist, dass es – anders als andere Medikamente – innerhalb von Tagen oder Stunden anschlägt. Der Haken, schränkt Malek Bajbouj ein: „Die Wirkung hält oft nur Tage an.“
Als Narkosemittel ist Ketamin schon lange in Gebrauch. Von daher wissen die Ärzte, was seine häufigste Begleiterscheinung ist: Die Patienten fühlen sich vom Leben wie durch eine Nebelwand getrennt – eine Dissoziation. Ketamin steigert zudem die Herzfrequenz und den Blutdruck und kann bei dafür anfälligen Menschen auch eine Psychose auslösen.
Zulassung auch in der EU?
Bei ihren Patienten mit Depressionen hatten die Berliner Ärzte um Bajbouj Wahnvorstellungen und Horrortrips befürchtet. Doch das Ketamin sei insgesamt überraschend verträglich gewesen. Bajbouj: „Manche Patienten erlebten Dissoziationen, einige empfanden das als angenehm, andere als unangenehm.“
In der EU läuft gerade ein Antrag auf Zulassung. „Ich kann mir vorstellen, dass diese Substanz unter bestimmten Sicherheitsbedingungen zugelassen wird“, meint der Berliner Mediziner. Auf den Internetauftritten von großen Kliniken sehe man, dass Ketamin bereits heute ohne Genehmigung zur Therapie von Depressionen genutzt werde. „Wir setzen Ketamin ja auch ein, sowohl in Studien als auch als individuellen Heilversuch.“
Es gibt einen Grund, warum die Fachleute in Ketamin so große Hoffnungen setzen. Wenn Erkrankte nicht auf Psychotherapie und Antidepressiva reagieren, bleibt Psychiatern normalerweise nur die Elektrokonvulsionsmethode. Dabei wird das Hirn der Patienten unter Narkose mit krampfauslösenden Stromstößen traktiert – ein massiver Eingriff. In solchen Fällen könne man darüber nachdenken, zusätzlich zur Psychotherapie psychedelische Substanzen zu verabreichen, meint der Suchtmediziner Rainer Thomasius vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Neue Wirkstoffe gesucht
Das Ganze hat noch einen anderen Hintergrund: In den letzten Jahrzehnten hat es wenig wirkliche Innovationen bei den Medikamenten gegeben, die bei psychischen Störungen helfen sollen. Deshalb sucht die Wissenschaft nach neuen Wirkstoffen.
Zu diesen Substanzen gehört auch Psilocybin, mit dem Timothy Leary in den 1960er Jahren experimentierte. „Die Forschung zu Psilocybin steht noch am Anfang“, sagt Henrik Jungaberle, Gesundheitswissenschaftler und Direktor der Wissenschaftsorganisation Mind. „Nach dem derzeitigen Stand scheint das therapeutische Potenzial aber groß zu sein.“ Das Erstaunliche sei, dass die Wirkung von Psilocybin auch bei einmaliger Einnahme bis zu einem halben Jahr anhalten könne.
Das subjektive Erleben ist bei der Droge besonders wichtig. Denn anders als bei herkömmlichen Behandlungsmethoden gleicht Psilocybin beispielsweise keinen Mangel an bestimmten Botenstoffen im Gehirn aus oder durchbricht problematische Denkmuster. „Vielmehr geht es um eine existenzielle Bewusstseinsänderung“, erklärt Henrik Jungaberle. Dabei könne der Patient sein verkrustetes Selbstbild verändern und seine Werte und Ziele überdenken.
Größe im Kopf macht die Angst klein
Ganz persönliche Eindrücke wie die Verbundenheit mit etwas Großem, Übergeordnetem oder die Ehrfurcht vor der Natur und dem Leben machen den Behandlungserfolg aus. Jungaberle: „Gerade depressive Patienten, die am Wert der eigenen Existenz zweifeln, können durch die paradoxe Erfahrung profitieren, ein zwar unbedeutendes, aber dennoch wertvolles Lebewesen in einem großen Universum zu sein.“
Die Effekte von Psilocybin sind besonders gut untersucht bei Menschen, die unter starken Ängsten leiden wegen lebensbedrohlicher Erlebnisse wie Krebs oder Gewalt. So konnten der Psychiater Roland Griffiths und sein Team von der Johns Hopkins University in Baltimore zeigen: Verabreichte man Menschen mit einer niederschmetternden Tumor-Diagnose eine einzelne Dosis Psilocybin und unterstützte sie, waren sie erheblich weniger furchtsam und niedergeschlagen und zwar auf Dauer.
„Besonders bei diesen Patienten kann Psilocybin dazu führen, die Endlichkeit ihres Lebens zu akzeptieren und entspannter mit der Erkrankung umzugehen“, bekräftigt Jungaberle.
Ecstasy als Arznei
Um Ängste zu verringern, dafür lässt sich auch das Methylendioxyamphetamin MDMA einsetzen – die Techno- und Party-Droge Ecstasy. Bei einer Therapie kann sie Opfer dazu bringen, Ereignisse wie Vergewaltigungen oder Kriegsgräuel anzugehen, deren Aufarbeitung von stark negativen Gefühlen blockiert ist.
Allerdings sind Drogen kein Allheilmittel, wie der Hamburger Suchtforscher Rainer Thomasius warnt: „Botanische oder synthetische Halluzinogene sowie die Substanzen aus der Ecstasy-Gruppe haben schwere Nebenwirkungen.“ Manchmal werden Psychosen ausgelöst und es kommt zu Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörungen. „Es können Hirninfarkte auftreten“, so Thomasius.
Dafür müsse schon ein Missbrauch vorliegen, widerspricht sein Kollege Henrik Jungaberle: „Nach dem, was wir derzeit wissen, führt es zu keinerlei Schäden, wenn man MDMA zwei, drei Mal im Rahmen einer Therapie einnimmt. Schäden werden aber hervorgerufen, wenn man die Droge 50 Mal und öfter einnimmt oder in Kombination mit viel Alkohol.“
Drogen können flexibler machen
Sollten psychedelische Drogen eines Tages als Medikament zugelassen werden, könnten Ärzte sie auch gesunden Menschen verschreiben. Immerhin deuten einige wissenschaftliche Befunde darauf hin, dass Ecstasy für ein Gefühl der Verbundenheit sorgt und Einfühlungsvermögen und soziales Verhalten fördert. Wobei sich das in den Studien nur bei Männern belegen ließ. Nach der kontrollierten Einnahme von Psilocybin berichteten Testpersonen außerdem von einem gesteigerten Wohlbefinden und einer höheren Lebenszufriedenheit noch über ein Jahr nach der Einnahme.
„Psychedelische Substanzen können auch auf gesunde Menschen eine persönlichkeitsverändernde Wirkung haben“, fasst Jungaberle zusammen. Allerdings nur, wenn man motiviert ist und sich durch die Erfahrung hindurch verantwortungsvoll begleiten lässt. „Dann werden Menschen offener, das heißt flexibler im Denken, anpassungsfähiger gegenüber Stressfaktoren und verändern erstarrte oder sogar zwanghafte Strukturen“, meint Jungaberle.
Den nicht medizinischen Gebrauch und Missbrauch müsse man bei psychoaktiven Substanzen auf jeden Fall mitbedenken, betont der Mediziner Malek Bajbouj. Das haben auch die Zulassungsbehörden in den USA beim Ketamin getan. So darf Ketamin nicht zu Hause, sondern nur in ausgewählten Praxen eingenommen werden. In den ersten 40 Minuten nach der Verabreichung müssen die Patienten dort überwacht werden.
Ähnlich dürfte es irgendwann hierzulande sein, glaubt Bajbouj: „Meine Erwartung ist, dass man auch bei einer Zulassung in Europa die psychoaktiven Substanzen nicht einfach in der Apotheke erhalten wird.“