Teuerung Steigender Inflationsdruck in Deutschland

Lkw liefern Container zum Beladen auf ein Containerschiff am Tollerort-Terminal im Hamburger Hafen. Im August stiegen die Großha
Lkw liefern Container zum Beladen auf ein Containerschiff am Tollerort-Terminal im Hamburger Hafen. Im August stiegen die Großhandelspreise gegenüber dem Vorjahr um 12,3 Prozent.
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Lieferprobleme im Welthandel, teurere Rohstoffe und eine Normalisierung nach starken Preisrückgängen in der Corona-Krise haben die Großhandelspreise stark nach oben getrieben. Die Folge: Verbraucher müssen beim Einkauf also wohl weiter mit höheren Ausgaben rechnen. Doch das Wirtschaftsministerium sieht Besserung.

Der Preisauftrieb in Deutschland bleibt stark. Im August stiegen die Großhandelspreise gegenüber dem Vorjahresmonat um 12,3 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Montag in Wiesbaden mitteilte. Das war der stärkste Anstieg seit Oktober 1974, als die Großhandelspreise im Zuge der ersten Ölkrise noch etwas stärker gestiegen waren. Im Juli 2021 hatte der Anstieg 11,3 Prozent und im Juni 10,7 Prozent betragen.

Die Statistiker nennen zwei Gründe für den starken Preisauftrieb auf Großhandelsebene. Zum einen steigen die Preise für viele Rohstoffe und Vorprodukte derzeit stark an. Dieser Effekt geht zurück auf zahlreiche Lieferschwierigkeiten im Welthandel, die überwiegend mit der Corona-Pandemie in Verbindung stehen. Zum anderen verweist das Bundesamt auf einen statistischen Basiseffekt durch das sehr niedrige Preisniveau vor einem Jahr. Dies war eine Folge des schweren konjunkturellen Corona-Einbruchs im Jahr 2020.

Energiepreise heizen Teuerung an

Der Großhandel ist eine von mehreren Ebenen in Deutschland, auf denen sich das allgemeine Preisniveau bildet. Die Inflationsrate in Deutschland hatte im August mit 3,9 Prozent erstmals seit knapp 28 Jahren wieder an der 4-Prozent-Marke gekratzt. Seit Monaten heizen unter anderem überdurchschnittlich steigende Energiepreise die Teuerung an.

Mitentscheidend für die Entwicklung der Verbraucherpreise sind die Preise für nach Deutschland eingeführte Güter und auch die Preise, die Hersteller direkt für ihre Produkte erhalten. Einen deutlichen Anstieg gab es hier zuletzt etwa in der Landwirtschaft. Die Erzeugerpreise bei Agrarprodukten waren im Juli 2021 um 9 Prozent höher als im Juli 2020, wie das Statistische Bundesamt mitteilte.

Sondereffekte

Wie in den vergangenen Monaten ist der hohe Preisanstieg für pflanzliche Erzeugnisse im Juli 2021 – um 11 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat – vor allem auf die höheren Preise für Getreide zurückzuführen. Aber auch Gemüse wurde deutlich teurer, bei Salat lag der Zuwachs sogar bei knapp 38 Prozent. Die Preise für tierische Erzeugnisse legten um rund 8 Prozent zu, für Milch um gut 14 Prozent. Die starken Anstiege bei den Erzeugerpreisen dürften auf Dauer auch zu höheren Preisen in Supermärkten führen.

Die hohe allgemeine Inflationsrate in Deutschland dürfte sich aus Sicht des Bundeswirtschaftsministeriums zu Beginn des Jahres 2022 wieder verringern. Begründet wird dies in einem am Montag veröffentlichten Bericht zur wirtschaftlichen Lage im September damit, dass Sondereffekte auslaufen. So schlägt derzeit etwa noch die Rücknahme der temporären Mehrwertsteuersenkung voll durch. Um den Konsum in der Corona-Krise anzukurbeln, hatte der Bund die Mehrwertsteuer befristet vom 1. Juli 2020 bis zum 31. Dezember 2020 gesenkt. Seit Januar 2021 gelten wieder die regulären Mehrwertsteuersätze, Waren und Dienstleistungen werden also tendenziell teurer.

Lieferengpässe bei Vorprodukten

Bereits zu Jahresbeginn hätten weitere Sonderfaktoren wie die Einführung der CO2-Bepreisung für einen deutlichen Anstieg der Inflationsrate gesorgt, hieß es vom Ministerium. Zudem ließen die Entwicklungen an den Rohstoffmärkten eine mittelfristige Entspannung beim Ölpreis erwarten.

Angesichts der zuletzt stark gestiegenen Inflationsraten in Deutschland hat die Wirtschaftswissenschaftlerin Isabel Schnabel, Mitglied im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB), Entwarnung gegeben. Es sei zu erwarten, dass „sich die Inflation im Euro-Raum, und auch in Deutschland, voraussichtlich im kommenden Jahr wieder spürbar abschwächen“ werde, sagte Schnabel am Montag. Drei zentrale Inflationstreiber behalte die EZB jedoch im Blick.

Ein erster Trend seien die Lieferengpässe bei Vorprodukten in der Industrie. Die Erzeugerpreise seien in Deutschland zuletzt so stark gestiegen wie seit 1975 nicht mehr, die weltweiten Lieferengpässe bei Halbleitern führten außerdem zu Produktionsausfällen. Auch die Impfquoten in vielen aufstrebenden Volkswirtschaften seien so niedrig, dass sie die Stabilität von Lieferketten bedrohten, warnte Schnabel. Je länger diese Lieferprobleme anhielten, desto wahrscheinlicher werde es, dass Unternehmen die Kosten an ihre Kunden weitergeben und die Verbraucherpreise so weiter steigen werden.

„Entschlossen handeln“

Ein weiterer Grund für eine möglicherweise unterschätzte Inflationsentwicklung könnte laut der Ökonomin ein weitreichender Strukturwandel in der Unternehmenslandschaft durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie sein. Dieser sei möglicherweise noch nicht ausreichend in die EZB-Modelle eingeflossen.

Zudem werde die EZB auch die „Aufbruchstimmung“ an den Finanzmärkten im Blick behalten, erläuterte Schnabel. Die Inflationserwartungen lägen zwar noch unter 2 Prozent, seien dem EZB-Inflationsziel jedoch so nahe wie „seit Jahren nicht mehr“. Die erhöhten Preiserwartungen könnten sich auch auf die künftige Lohnentwicklung auswirken. Sollte das Inflationsziel von 2 Prozent unerwartet früh erreicht werden, werde die EZB „zügig und entschlossen handeln“, kündigte Schnabel an.

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