Karlsruhe
Mittelalterliche Pestberichte klingen merkwürdig vertraut
Das idyllische Titelbild täuscht: Hinter dem geselligen Vergnügen der kleinen Gesellschaft vor den Toren von Florenz steckt nicht etwa eine Sommerfrische. Der italienische Dichter Boccaccio rückte seine unterhaltsame, um 1350 verfasste Geschichtensammlung „Decamerone“ in den düsteren Rahmen der wütenden Pest-Seuche, die 1348 in der toskanischen Stadt tobte und deren schreckliche Wirkung er in der Einleitung des Werkes beklemmend realistisch beschreibt.
Eine frühe deutsche Ausgabe des rasch berühmten Buches findet sich in den Beständen der Bibliothek. Der Druck von 1624 verweist schon im Titel auf Ort, Anlass und Inhalt des Werkes: „Hundert Newer Historien / welche von dreyen Männern und sieben Weibern / so zu Florentz ein groß Sterben geflohen / zusammen geredt / ihr trübselige Zeit / in luftigen grünen Gärten damit zuvertreiben. Durch den weltberühmten Poeten Johannem Boccatium beschrieben / sehr kurtzweilig zulesen.“ Lockout also statt Lockdown: Eine Gruppe flieht aus der Stadt aufs Land. Und während wir uns zu Corona mit Fernsehserien die Zeit vertreiben, erzählten sich die Florentiner amüsante Geschichten.
Menschen sterben einen einsamer Tod
Wegen ihrer realistischen Faktenfülle ist Boccaccios Schilderung eine wichtige historische Quelle für die Ausbreitung, die Bekämpfung und Folgen der Krankheit. Der Autor berichtet, dass die Stadtoberen, als die Seuche „aus dem Morgenland“ sich von Ort zu Ort ausbreitete, die Straßen von allem Unrat reinigten und den Bürgern Anweisungen zur Gesundheit erteilten.
Dennoch zeigten sich bald die tödlichen Symptome wie Pestbeulen und Schwärzung der Haut – die Befallenen starben binnen drei Tagen. Die Seuche verbreitete sich rasant. Sogar die Schweine wurden befallen und verendeten unter Qualen. Und weil oft alle Pflege ausblieb, starben viele einen einsamen Tod. Ihre Leichen verrotteten in den Häusern oder wurden einfach auf die Straße gelegt, mussten auf bloßen Brettern weggeschafft und zu Hunderten in Massengräbern beerdigt werden. Menschen zogen mit duftenden Blumen und Spezereien durch die stinkende Stadt. Und auf den Landgütern der Umgebung verdarben die Felder und das Vieh.
Damals wie heute bereichern sich Menschen an der Not
Die Bevölkerung reagierte unterschiedlich: Die einen begaben sich in häusliche Quarantäne und führten ein Leben in Mäßigung. Die anderen gaben sich in Endzeitstimmung exzessivem Genuss hin und vermieden bei ihren „viehischen Vorhaben“ jede Begegnung mit den Kranken. Durch die allgemeine Angst vor dem nahen Tod zerfiel der soziale und solidarische Zusammenhalt der Gesellschaft.
Wahrlich ein schauriger Bericht, der in manchen Zügen nachgerade aktuell ist. So versuchten manche aus der Not reichen Profit zu schlagen. Dazu fällt einem so mancher heutige Politiker ein, der sich persönlich an der Maskenbeschaffung ordentlich bereichert hat.
Hilfe verspricht man sich von Gebeten
Das große Sterben war ein beherrschendes Thema im Mittelalter. Die Menschen standen dem Schwarzen Tod hilflos gegenüber und suchten Trost im Gebet, von dem man sich Heilung versprach. Denn gemäß ihrem Glauben konnte diese Seuche ja nichts anderes sein als eine Strafe Gottes. Ein Druck von 1500 in der Landesbibliothek berichtet von der Genesung nach einem Gebet vor dem Bildnis der Heiligen Anna.
Von ähnlich wundersamer Heilung spricht auch die Schrift „Wider die Pestilentz / gemachet vonn fünff Psalmen / aus S. Bonauenturae Psalter“ von 1613. Da gelobt eine pestkranke Klostergemeinschaft dem Herrgott tägliche Gebete als „Gegenleistung“ für die Erlösung von der Seuche – mit Erfolg: „Ein wunder Ding / so bald die Brüder diß Gelübd gethan / hat die Pest nicht allein auff dasselbig mal auffgehört / sonder es ist von derselbigen Zeit an / biß auff die gegenwärtige Stund / im selbigen Kloster nie keiner an der Pest gestorben.“
Juden werden zu Sündenböcken
Wo die Gebete als Mittel gegen die vermeintliche himmlische Strafe versagten, setzte rasch die Suche nach Sündenböcken ein. Namentlich die Juden wurden beschuldigt, Brunnen vergiftet zu haben. Es ist kein Zufall, dass gleich nach dem Ausbruch der Seuche überall massive Pogrome einsetzten. So wurde 1349 die blühende jüdische Gemeinde von Speyer mit etwa 400 Mitgliedern vertrieben.
Gerne auch wurde das Motiv der Pest in Bildern als biblische, von Gott verhängte Plage aufgegriffen – etwa in einer farbigen Kupfertafel von 1720 „Egypten wird mit Pestilenz und schwarzen Blattern geplaget“. Sie nimmt Bezug auf den biblischen Bericht im zweiten Buch Mose des Alten Testaments und sorgt mit grausigen Details wie den ekligen Malen der schwarzen Pest für Schauer.
Auch Tiere erkranken an der Pest
Mit ähnlicher Drastik und dramatischem Effekt wartet eine Illustration der Luther-Bibel von 1748 auf: „In einer Nacht reisst die Pestilentz in Egijpten alle erste Geburt weg an Menschen und Vieh“. Aber auch in weltlichen Werken wird bisweilen der Schrecken der Pest beschworen, wenn etwa eine Illustration „Die pestkranken Tiere“ zu Lafontaintes beliebten Fabeln (Berlin 1878) eine Meute reißender Bestien in wüster Landschaft vorstellt.
Freilich beschränkten sich die Dokumente der frühen Neuzeit nicht allein auf religiöse Aspekte. Allmählich setzte auch in deutschen Texten eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Seuche ein. Von besonderem Interesse ist das „Büchlein der Ordnung der Pestilenz“ von Heinrich Steinhöwel, das der Ulmer Frühhumanist, der durch eine lange Reihe von literarischen Arbeiten bis heute großen Ruhm besitzt, in seiner Funktion als Stadtarzt verfasste – zunächst (1446) handschriftlich, als in seiner Heimatstadt eine Pestepidemie wütete, später (1473) bei einem neuerlichen Pestausbruch in Ulm dann auch als mehrfach nachgedrucktes Buch, von dem die Karlsruher eine frühe Ausgabe von 1474 besitzen.
Medizin emanzipiert sich von der Kirche
Obwohl dieses „Pestbüchlein“ im breiten Gesamtoeuvre des Autors eher ein Nebenwerk ist, hat es doch hohe Bedeutung als erstes in Deutschland gedrucktes medizinische Spezialwerk und zumal als erstes Pest-Buch. Steinhöwel will „in disen schweren löffen (Zeitläufen) diser erschrockenlicher kranckheit“ Hilfe bieten, wenn gegen die Geisel Gottes „nit bezzer ertzney gefunden wird dan rehte biht (Beichte) ware ruw (Reue) und föllige buoz (Buße)“. Ein eindrucksvolles Zeugnis für die beginnende Emanzipation der Wissenschaft von der Kirche.
Eingangs beschäftigt sich das Werk mit den natürlichen Ursachen der Pest wie „böse hitze vnd feuchtigkeyt oder sunst andere verfiffte qualitet von oben herab“. Er führt Symptome der Krankheit auf wie Blattern, Hitzewallungen, Schwäche und Atemnot. Zur Vorsorge empfiehlt er Aufenthalt an frischer Luft, Aderlass, Hygiene, Heiltränke, „gesuntlich zu leben“ und insbesondere viel Bewegung: „das sich ein jeder zuvor und ehe er essen will / ein wenig übe mit gehen und spacieren.“
AHA und ein Schwämmchen mit Lavendelessig
Zwar waren die berühmten, malerischen Pest(arzt)masken, wie wir sie aus Italien und Frankreich kennen, im deutschsprachigen Raum nicht gebräuchlich, aber Steinhöwel macht doch einen interessanten Vorschlag für den vorsorglichen Mundschutz: „Den Mund soltu vor dem lufft bewaren / vnd ein wol schmeckend düchlin darfür halten. Du magst auch ein schwemlin in Lauendel essig getunckt / für die nase halten“. Das klingt oft erstaunlich modern und ähnelt ein wenig dem heutigen Maßnahmen-Paket AHA.
Auf die detaillierten Rezepturen für die Zubereitung von Arzneien, Tinkturen und Speisen folgen im 97 Seiten starken „Pestbüchlein“ ausführliche Anweisungen zur Rekonvaleszenz, die zu Mäßigung bei der Ernährung, freilich auch zu radikaler Askese raten: „enthalt dich viertzig taglang ehelicher Beywonung“ ...
Mit einer Ermahnung schließt auch die 1566 in Straßburg gedruckte Schrift. Im letzten Absatz bringt der anonyme Autor zur Sprache, welchen medizinischen Zweck seine präventiven Verhaltensregeln verfolgen: Sie sollen „was in dieser gefährlichen Zeit zu besserung des Luffts und minderung der contagien (Ansteckungen) von den Menschen / nutzlich / befürderen“. Gute Belüftung: Auch das klingt seltsam vertraut. Dienen doch auch die heutigen Maßnahmen mit Masken, Berührungsverbot, Desinfektion, Kontakteinschränkungen der Kappung von Infektionswegen. Und wenn die Gebote nicht helfen, so versichern die frommen Autoren der frühen Neuzeit, dann bleibt immer noch die Zuflucht zum Gebet.
Info