Karlsruhe
Meyerhoffs Roman auf der Bühne des Staatstheaters
Joachim Meyerhoff wird inzwischen als berühmter, eigenwilliger Theaterstar in Wien wie in Berlin gefeiert und hat auch als Autor für Furore gesorgt. In „Ach, diese Lücke...“ lässt er das Publikum hinter die Kulissen der einschlägigen Talentschmieden blicken – oft zum Vergnügen der Besucher, oft aber auch mit grimmigem Humor.
Das Buch lebt vom Kontrast zweier Welten: Die Schauspielschule mit ihrer Pseudo-Realität steht in skurrilem Widerspruch zu der spätbürgerlichen Atmosphäre der Villa im Münchner Nobelviertel Nymphenburg, wo Meyerhoff bei seinen exzentrischen, trinkfreudigen Großeltern Unterkunft gefunden hat. Seine Großmutter, eine kapriziöse Bühnendiva, und der Großvater, ein schwerhöriger einstiger Philosophie-Professor, bilden in ihrer versponnenen Exklusivität einen krassen Gegensatz zu dem anarchischen Lebensentwurf, den Joachim Meyerhoff in der täglichen Ausbildung erfährt.
Die Verfremdung tut nicht gut
Die Karlsruher Fassung dieses wunderbaren Buches, die der Regisseur Jan Bosse mit der Schauspielerin Anne Müller erarbeitet hat, greift tief in den Text ein. Vor allem aber verwandelt sie das Werk in einen Solo-Abend, bei dem die Nebenfiguren, die köstliche Rollen hätten ergeben können, gestrichen sind und nur vom erzählenden Joachim Meyerhoff zitiert werden. Die Hauptfigur aber wird, wie es in Karlsruhe ja inzwischen unausweichlich scheint, ohne erkennbaren Grund von einer Frau gespielt: eben von Anne Müller. Die Darstellerin macht das zwar nach Kräften gut und bewährt sich als virtuose Performerin mit einer üppigen Palette von Ausdrucksmitteln zwischen komödiantischem Übermut und nachdenklichem Tiefsinn. Aber die Verfremdung tut der Rolle nicht gut.
Zudem gerät durch die extreme Minderung der bürgerlichen Gegenwelt die Geschichte leicht aus der Balance. Müller, die nicht nur als Moderatorin durch den Abend führt, Kontakt zum Publikum pflegt und Teile des Buches vorliest, sondern vor allem die Episoden mit und um Joachim Meyerhoff spielt und überdies die Szenen rundum zumindest markiert, lenkt rigoros die zentrale Aufmerksamkeit auf sich. Vieles geht dabei verloren – sei es, weil Teile des Textes akustisch unverständlich bleiben, oder auch, weil ohne Kenntnis der Vorlage in der dramaturgischen Verknappung manches Detail (vor allem gegen Ende) rätselhaft anmutet.
Der Ich-Zerfall
Da hilft es auch nicht, dass die Regie dem Werk Einfälle beisteuert, die ihm nicht helfen – etwa wenn die Protagonistin vorführen darf, dass sie auch Klavier und Gitarre spielen kann, wenn sie Sinatras „My Way“ singt, oder wenn der Abend mit einer ausführlichen Rezitation von Ibsens „Peer Gynt“ im Original einsetzt, nur weil Müller und der betreuende Dramaturg Hauke Pockrandt einen norwegischen Hintergrund haben. Dagegen tragen die betont karge, weit offene Bühne und die wirkungsvolle Beleuchtung zum Gelingen der Inszenierung bei.
Bei allen Einwänden liegt dieses Stück, das vorführt, wie jungen Schauspiel-Eleven schon in der Ausbildung kreative Eigenfindung durch gewollten Ich-Zerfall gepredigt wird und welche Folgen solche Selbstzerlegung haben kann, auch wegen der darstellerischen Leistung der entfesselt aufspielenden Anne Müller zu den besseren Produktionen des Hauses seit langem.
Termine
Nächste Vorstellungen am 22. März, 6. April und 2. Mai.