Rheinpfalz "Hetzjagd" und "Flüchtlingswelle": Wie politische Sprache wirkt

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Haben in Chemnitz Hetzjagden stattgefunden? Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen ist über diese Debatte gestolpert.

Was ist eine Hetzjagd, was eine Flüchtlingswelle und hat Angela Merkel 2015 wirklich die Grenzen geöffnet? Mit geschickter Wortwahl lässt sich das Denken verändern. Besser, man hört in politischen Debatten ganz genau hin.

Sprache ist niemals unschuldig. Was der französische Philosoph Roland Barthes mit diesem Satz gemeint hat, war in den Wochen nach den fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Chemnitz zu beobachten. Denn es begann eine hitzige mediale Debatte um ein einziges Wort: Hetzjagd. Am Ende war Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen nicht mehr zu halten – weil er öffentlich ohne Nachprüfung die Echtheit eines Handy-Videos bezweifelt hatte, das sich dann eben doch als echt herausstellte. Maaßen flüchtete sich dann in die Kritik, Medien hätten zu schnell von einer Hetzjagd gesprochen. Zeigt das als „Hase-Video“ bekannt gewordene kleine Filmchen also nun eine Hetzjagd, eine Jagdszene oder einen fremdenfeindlichen Angriff? Und warum sollte das überhaupt wichtig sein? Sind Diskussionen über einzelne Worte angesichts der widerwärtigen Szenen in Sachsen nicht lächerliche, wenn nicht sogar gefährliche Wortklauberei?

Wie viele Meter bis zur Hetzjagd?

Nicht wenige Journalisten sind dieser Meinung. Georg Restle, Leiter des ARD-Magazins Monitor, sprach etwa im Deutschlandfunk von einer „grotesken Debatte“, die sich mit der absurden Frage beschäftige, wie viele Meter man eigentlich zurücklegen müsse, bis von einer Hetzjagd gesprochen werden könne. Nach Restles Ansicht lenkt die Auseinandersetzung von den wirklich wichtigen Tatsachen ab, nämlich, dass es gerade eine rechtsextreme Mobilisierung in Deutschland zu beobachten gebe. Doch es ist nicht egal, welche Begriffe in gesellschaftlichen Debatten benutzt werden. Sprache ist nicht einfach eine Abbildung der Wirklichkeit, sie schafft überhaupt erst Wirklichkeit. Erst indem über etwas gesprochen wird, kann es gemeinsam erfahren werden. Und wie über etwas gesprochen wird, ist entscheidend für seine Bedeutung. Denn jedes Wort erzeugt eine ganze Reihe weiterer Begriffe und Bezüge, die es wie ein Rahmen umfassen und so ein Bild in unserem Kopf entstehen lassen. Nur auf diese Weise kann unser Gehirn Worte überhaupt begreifbar machen. Sprachwissenschaftler und Gehirnforscher bezeichnen dieses Phänomen deshalb als „Framing“ (von „frame“, englisch für Rahmen).

Steuererleichterung statt -Senkung

Es ist höchste Zeit, unsere Naivität gegenüber der Bedeutung von Sprache in der Politik abzulegen“, schreibt die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling in ihrem Buch „Politisches Framing“. Was zunächst einmal abstrakt klingt, lässt sich fast jeden Tag im politischen Wettstreit beobachten. Der US-amerikanische Linguist George Lakoff ist einer der prominentesten Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Er analysiert seit Jahren die innenpolitische Auseinandersetzung zwischen Demokraten und Republikanern unter dem Gesichtspunkt des Framing. Lakoff zeigt beispielsweise, wie es den Republikanern unter George W. Bush im Wahlkampf gelungen war, den bis dahin geläufigen Begriff der „Steuersenkung“ in das Wort „Steuererleichterung“ umzuwandeln und so das Framing des Begriffs komplett zu verändern. „Damit es eine Erleichterung geben kann, muss erst einmal jemand unter etwas leiden“, so Lakoff. „Gleichzeitig ist derjenige, der Erleichterung verschafft, ein Held, der Verursacher aber der Böse.“ Das Thema war aus republikanischer Sicht damit fast schon gewonnen. Denn welcher Demokrat wollte den amerikanischen Bürgern danach schon verkünden, dass er ihnen „Erleichterungen“ verwehren wolle? Dieser Kniff funktionierte vor allem deshalb so gut, weil Frames immer dann besonders effektiv sind, wenn das Gehirn auf konkrete körperliche Erfahrungen und Empfindungen zurückgreifen kann. Schmerzen, Gerüche, Geräusche – wer es schafft, dass die Wähler seine Agenda mit solchen Empfindungen verknüpfen, hat besonders gute Karten. So konnten Forscher zeigen, dass Menschen beim Lesen des Wortes „Salz“ auch die für das Schmecken zuständigen Gehirnregionen aktivierten.

Prüfung der Wirkung von Worten

Hinter dem Coup der Republikaner steckte übrigens nicht einfach ein Geistesblitz, sondern langjährige strategische Planung – und ein pausbäckiger Oxford-Absolvent namens Frank Luntz. Der 56-jährige Politikberater und Meinungsforscher gilt als „Guru der öffentlichen Meinung“. Die Büros seiner Firma Luntz Global gleichen linguistischen Testlabors, in denen Worte auf ihre Wirkung hin geprüft werden. Luntz’ Aufgabe besteht darin, genau diesen einen Begriff zu finden, der die öffentliche Debatte zugunsten seiner Auftraggeber lenken könnte. Vor allem für republikanische Politiker und Klimaschutz-Gegner war Luntz schon mehrmals das entscheidende Ass im Ärmel. Aus seiner Feder stammt die Vorgabe, konsequent vom „Klimawandel“ zu sprechen, statt von der bedrohlicher wirkenden „Globalen Erwärmung“.

Investitionen in Framing-Industrie

Luntz ist nur der prominenteste Vertreter einer ganzen Armee aus Beratern und Instituten („Thinktanks“). Seitdem der ultrakonservative republikanische Kandidat Barry Goldwater bei den Präsidentschaftswahlen 1964 krachend scheiterte, hat die Partei nach Recherchen diverser Medien mehrere Milli