Landau
F. F. Koch – der wohl bedeutendste Künstler der Stadt
Drei Treppen hoch unterm Dach hängt das 1899 entstandene Werk von Friedrich Ferdinand Koch, meist F. F. Koch genannt. Mit seinen dunklen Farben fällt es nicht sofort ins Auge. Wer näher hinschaut, erkennt eine Frau im eleganten bodenlangen fließenden Gewand, die in einer eigenartigen Haltung auf einem Sessel sitzt. Ihr Oberkörper ist zur Seite geneigt, eine Hand hängt schlaff über der Sessellehne, die andere stützt das Kinn.
Ihr melancholischer Blick richtet sich – ja, wohin? Der Betrachter sieht es nicht, aber er ahnt es - erst recht, wenn er den Titel des Gemäldes gelesen hat. Die traurige Schöne blickt auf ein offenes Kaminfeuer, das nicht im Bild zu sehen ist, aber dessen rötlicher Schein den Raum erfüllt, das Gesicht beleuchtet, Reflexe auf dem Kleid aufblitzen lässt. Zu Füßen der nachdenklichen Dame hockt ein kleiner Hund, den man von hinten sieht, und der auch keinen munteren Eindruck macht.
Wie die alten niederländischen Meister
Faszinierend an dem Gemälde ist der Umgang mit dem Licht – ausgehend von der Feuerquelle, die man sich außerhalb des Bilderrahmens vorstellen muss. Unwillkürlich denkt man an die alten niederländischen Meister, die einen virtuosen Umgang mit Licht und Farbigkeit pflegten.
Was wollte F. F. Koch darstellen? In dem Katalogbuch „Koch & Co – Die Kunststiftung der Stadt Landau“, das 2005 zum 25. Jubiläum des Kunstvereins Villa Streccius herausgegeben wurde, ist der Versuch einer Interpretation nachzulesen. „In der vom Feuer belichteten kontemplativen Frauengestalt hat Koch die wachsame Melancholie illustriert“, heißt es da. „Das Feuer steht für das Schöpferische, alles Alte Auflösende und Neues Gebärende und Verändernde.“ Koch habe in der Frauengestalt eine Allegorie des schöpferischen Menschen geschaffen: „Hier sitzt die personifizierte Kunst als Zeitgenossin an der Feuerstätte, der Schmiede der Natura, um Neues im Nachsinnen zu gebären.“ So kann man darüber nachsinnen – oder einfach die Ruhe und Schönheit der Darstellung genießen.
Der Durchbruch gelang Koch in Antwerpen
Wer war Friedrich Ferdinand Koch? Er dürfte der bedeutendste Künstler sein, den Landau hervorgebracht hat, meinte Sabine Haas, die Leiterin der städtischen Kulturabteilung, bei einem Gespräch vor einiger Zeit. Und doch wird er vielen Bürgern der Stadt weniger bekannt sein als etwa Croissant oder Strieffler. 1863 in Landau geboren, studierte Koch an der Kunstgewerbeschule Karlsruhe und Kunstakademie Dresden. In München, wo er in den 1890er-Jahren ein Atelier hatte, lernte er Max Slevogt kennen. 1884 siedelte F. F. Koch mit seiner Ehefrau nach Antwerpen über. Dort gelang ihm der künstlerische Durchbruch.
Er wurde in den renommierten belgischen Künstlerbund „Als ik kan“ aufgenommen und glänzte in Ausstellungen zum Beispiel in München, Wien und Berlin. „Koch zählte zu den ersten Künstlern Belgiens“, heißt es im Künstlerlexikon Rheinland-Pfalz. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs konnte der Deutsche nicht im Nachbarland bleiben und kehrte zurück nach Landau. Dort starb er 1923.
Tochter übergab Nachlass der Stadt
In einer Biografie von Wolfgang Merkel wird das Werk des Künstlers irgendwo zwischen Realismus und Impressionismus eingeordnet. Er hat aber auch oft kunsthistorische Anleihen gemacht – das „Flammenschein“-Gemälde ist ein Beispiel dafür, es erinnert im Motiv ein wenig an Dürers berühmte „Melancholia“.
Dieses Bild ist eines von 47 Werken, die 1972 auf nicht alltägliche Weise in den Besitz der Landauer Kunststiftung gelangt sind: Kochs Tochter Yvonne erhielt ein lebenslanges Wohnrecht in einer städtischen Wohnung als Gegenleistung für den künstlerischen Nachlass ihres Vaters. „Schön ist der Flamme Schein“ war allerdings in sehr restaurierungsbedürftigen Zustand, als es den Besitz wechselte. Und das blieb noch eine ganze Weile so. Erst 2005 hat der Kunstverein aus Anlass seines 25-jährigen Bestehens eine aufwendige Restaurierung finanziert – als Geschenk an die Landauer Bürger. Das Bild wurde „dupliziert“, das heißt, die alten Malschichten samt Untergrund wurden auf einer neuen Leinwand fixiert und die Schäden ausgebessert.
Mitarbeiter dürfen sich Bilder für ihre Dienstzimmer aussuchen
Im Rathaus sind noch viele weitere Gemälde aus dem Erbe des Künstlers zu sehen. Dabei stellt der Betrachter fest, wie groß die Bandbreite der Motive ist, die Koch auf die Leinwand zauberte. Viele Landschaften aus der Südpfalz sind darunter, etwa die Queichauen, der Offenbacher Weiher und der Durandsche Garten (Außengelände eines ehemaligen Restaurants mit üblem Ruf in der Annweilerstraße). Sozialkritische Motive sind ebenso vertreten wie Kinderbilder und Blumen. Und viele Porträts.
Gegenüber vom „Flammenschein“ ist „Die Gattin des Künstlers“ zu besichtigen, dargestellt als ernste aufrechte Figur im bodenlangen schwarzen Kleid, die mit strengem Blick über ihre Schulter schaut. Es gibt auch sehr schöne Pastelle, die Tochter Yvonne zeigen, erzählte Sabine Haas, sie eignen sich aber nicht für die Ausstellung im Rathaus, weil sie zu lichtempfindlich sind. Dass sie den Künstler bewundert, sieht man in ihren Büroräumen, in denen mehrere Gemälde des Landauers hängen.
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung dürfen nämlich Wünsche äußern, welche Werke die Wände rund um ihren Arbeitsplatz schmücken sollen. Bei unserem Gespräch noch in der Corona-Zeit schaut Haas liebevoll auf ein Bild, auf dem die Queich wie ein lichtes silbernes Band durch die südpfälzische Landschaft fließt. „Ich guck’ es manchmal zur Entspannung an“, sagte sie lächelnd. „Man kann sich darin verlieren. Es ist so harmonisch und technisch perfekt, da sitzt jeder Pinselstrich.“
Info
Die Stadtverwaltung Landau setzt derzeit bei der Öffnung nach Corona auf ein „hybrides“ Modell für ihre Dienstgebäude. Nach und nach sollen die einzelnen Bereiche wieder für Spontantermine zugänglich sein – das Rathaus ist es derzeit dienstags- und freitagsvormittags.
Die Landauer Kunststiftung
Seit mehr als 100 Jahren sammelt die Stadt Landau Kunst und kann inzwischen stolz auf eine beträchtliche Sammlung von 849 Werken sein – vom kleinen Originaldruck bis zur großen Skulptur. Zusammengekommen ist sie durch Ankäufe, Schenkungen aus Privatbesitz und Dauerleihgaben. 1991 wurde die Landauer Kunststiftung als Hüterin der vielfältigen Kunstschätze gegründet. Sie sieht es als ihre Aufgabe an, das lokale und regionale Kunstleben abzubilden.
Alles begann mit Lotterieglück. Die Stadtgemeinde Landau gewann 1914 bei einer Verlosung des Pfälzischen Kunstvereins in Speyer das Gemälde „Junge Hunde“ der Münchner Malerin Minna Stocks. Trotz Geldnot stimmte der Stadtrat 1923 dem Erwerb eines ersten Bildes von F. F. Koch zu: „Die Heuernte“. Walter Morio förderte als Oberbürgermeister (1964 bis 1984) die Kunstsammlung intensiv. Er setzte sich dafür ein, dass von jeder Ausstellung in der städtischen Galerie Villa Streccius eine Arbeit in den Besitz der Stadt kommt. Dafür musste nicht immer Geld fließen. Viele Künstler schenkten der Kommune ein Werk.
Eine interessante Idee sorgte dafür, dass die Sammlung immer weiter wuchs: Besonders geschätzte Künstler durften für städtische Leistungen mit ihren Werken bezahlen. Heinrich Strieffler zum Beispiel gab Bilder für sein Grundstück im Löhl. Die Tochter von F. F. Koch, Yvonne, bekam lebenslanges Wohnrecht in einer städtischen Wohnung und übergab der Stadt dafür 47 Gemälde.
Aus der großen Sammlung sind 503 Werke entweder im Rathaus ausgestellt oder an verschiedene städtische Ämter und Abteilungen zur Ausstattung der Dienstzimmer entliehen. Viele Mitarbeiter der Stadt sind stolz auf „ihr“ Gemälde, das sie sich oft auch selbst ausgesucht haben.