Fußball
Die Kritik an Manuel Neuer wird lauter – und deutlicher
Manuel Neuer ist plötzlich nicht mehr der Alleinherrscher im bayerischen Torwartreich. Das ist sicher einem völlig normalen Alterungsprozess zuzuschreiben, die Kritik über Paraden zwischen den Pfosten hinaus hat sich der bald 37-Jährige aber selbst eingebrockt. Momentan scheint die Lage gar zu eskalieren – so viele Dinge prallen nun auf Neuer ein.
Ein zu hohes Risiko eingegangen
Sein Bayern-Kollege Thomas Müller weiß schon sehr genau, warum er sich im privaten Dressurstall, den er und seine Frau Lisa betreiben, nicht selbst auf eines der Pferde schwingt. Reiten ist kein ungefährlicher Sport, wer sein sehr gutes Geld als Fußballprofi verdient, sollte – wie Müller – den Sattel nur freundlicherweise für seine ohnehin deutlich begabtere Frau aus der Sattelkammer holen. Und dass Skifahren – oder im konkreten Fall das Skitourengehen – Risiken birgt, ist auch bekannt. Was Neuer nicht davon abhielt, nach der auch für ihn allenfalls suboptimalen WM in Katar in den Schnee zu flüchten. Sicher, er bestritt keine Hahnenkamm-Abfahrt, aber ein offener Schien- und Wadenbeinbruch, wie der „Kicker“ die schwere Verletzung präzisierte, ist halt eine echte Horrordiagnose.
Ein Ersatzmann, der mehr sein möchte
Die bis dato eher verklausulierte Kritik an Neuer und seiner Urlaubsgestaltung brach sich nun in klareren Worten Bahn. „Manuel weiß, dass er einen Fehler gemacht hat“, sagte Bayern-Sportvorstand Hasan Salihamidzic am Sonntag. Zwei Tage, nachdem Neuers Stellvertreter im Bundesliga-Neustartspiel bei RB Leipzig eine sichere Leistung abgeliefert hatte.
Nein, nicht Sven Ulreich, wie es Neuer wohl lieber gewesen wäre, sondern der mit großer Hartnäckigkeit frisch verpflichtete Yann Sommer. Kein Torwart, der im Sommer, wenn Neuer wieder fit sein sollte, klaglos ein Bankangestelltendasein akzeptieren wird wie es Ulreich über all die Jahre tat.
Und nun noch das: Wohl auch wegen der Kritik des an den AS Monaco verliehenen Alexander Nübel musste nun überraschend Toni Tapalovic die Bayern verlassen. Nicht allein der Torwarttrainer, nein, seit Jahren der dicke Kumpel Neuers, Trauzeuge gar, Vertrauter aus Schalker Zeiten, selbstverständlich auch Förderer. Letzteres ist sein Job, doch gerade Nübel hatte schon mehrfach zwischen den Zeilen angedeutet, dass sich Tapalovic wohl eher als Privattrainer Neuers sah. Jedenfalls vermisste Nübel jeglichen Kontakt, seit er zum französischen Erstligisten abgeordnet ist, aber ja immer noch dem FC Bayern „gehört“ und in München auch seine Zukunft sieht.
Salihamidzic zeigte Verständnis für Nübels Bemerkungen. „Ja, das hätte so sein sollen“, antwortete er auf die Frage, ob sich Tapalovic nicht öfter mal bei Nübel hätte melden sollen. Die Rede ist aber auch davon, dass Tapalovic als „Maulwurf“ Interna aus der Kabine nach außen getragen haben könnte. Das würde Julian Nagelsmanns Feststellung nach dem Köln-Spiel erklären. „Das ist keine Entscheidung gegen Manuel Neuer – das ist wichtig“, betonte er. Doch all dies kulminierte nun binnen weniger Tage. Zufall? Wohl kaum.
Keine Abmahnung, aber ein Fingerzeig
Dass nun Serge Gnabry wegen eines unprofessionellen Trips gen Paris nebst Mode-Fotosession mitten in der englischen Woche von Hasan Salihamidzic die Leviten gelesen wurden („Das ist nicht Bayern München, irgendwo rumzuturnen, wenn man einen freien Tag hat“), dürfte allenfalls als kleine Ablenkung von Neuers nachhaltigerem Problem dienen. Von einer Abmahnung zu sprechen, wäre sicher übertrieben. Aber die Bayern haben Neuer trotz aller herzlicher Genesungswünsche unmissverständlich deutlich gemacht: Dein vorerst letztes Vertragsjahr wird kein Selbstläufer. Und es könnte sein, dass beim Gegenzeichnen der nächsten Urlaubszettel auch mal nachgefragt wird, wohin die Reise denn gehen soll.