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Sonntag, 29. April 2018 Drucken

FCK

In der Hölle

Von Oliver Sperk

Marius Müller, der ja RB Leipzig „gehört“, wird den Gang in die Dritte Liga nicht mitgehen (können). Trotzdem flossen bei dem Torwart (rechts) am Freitagabend Tränen in Strömen.

Marius Müller, der ja RB Leipzig „gehört“, wird den Gang in die Dritte Liga nicht mitgehen (können). Trotzdem flossen bei dem Torwart (rechts) am Freitagabend Tränen in Strömen. ( Foto: Kunz)

Ruben Jenssen blickt traurig drein; die Fans müssen den Absturz erst mal irgendwie verarbeiten, und Torwartlegende Gerry Ehrmann (rechts unten) fährt künftig für Drittligapunkte nach Großaspach.

Ruben Jenssen blickt traurig drein. ( fotos: kunz)

Die Fans müssen den Absturz erst mal irgendwie verarbeiten ... (Foto: Kunz)

... und Torwartlegende Gerry Ehrmann fährt künftig für Drittligapunkte nach Großaspach. (Foto: Kunz)

Der 1. FC Kaiserslautern muss nach dem historischen wie tränenreichen Abstieg energisch und offensiv seine Zukunft planen

Tief enttäuscht und fassungslos verließ Gerry Ehrmann die Bielefelder Arena. In Ostwestfalen wurde am Freitagabend ein Stück Fußballgeschichte geschrieben. Es wurde ein Kapitel mit einem traurigen Ende für Ehrmanns 1. FC Kaiserslautern. Am 27. April 2018 ist der traditionsreiche FCK zum ersten Mal aus der Zweiten Fußball-Bundesliga abgestiegen. Das 2:3 bei Arminia Bielefeld besiegelte den Abschied der Lauterer aus einer Liga, die sie allein aus wirtschaftlichen Gründen schon längst hätten in die andere Richtung verlassen müssen – in die Erste Liga. Auch Ehrmann, der einstige Schlussmann und jetzige, zuweilen streitbare, aber kultige und extrem erfolgreiche Torwarttrainer, wollte mit seinem FCK, dem er seit 1984 angehört, noch mal ins Oberhaus. „Ich wollte meine Laufbahn nicht irgendwo in der Dritten Liga beenden. Ich wollte in der Bundesliga aufhören“, sagte Ehrmann unlängst.

Viele Ursachen auf vielen Ebenen

Am 18. Februar 2019 wird er 60. Trotz anderer Angebote sagt ihm sein Herz: einmal FCK, immer FCK, auch in Liga drei; ein völlig neues Kapitel auch für Ehrmann. Sein Musterschüler Marius Müller, der beste Lauterer in dieser völlig missratenen Saison, wird diesen Weg nicht mitgehen, auch nicht mitgehen können. Der 24-Jährige „gehört“ RB Leipzig. Aber Müller identifiziert sich so sehr mit dem FCK, wie Ehrmann es eben schon 13-jährigen Torleutchen in der Jugend einimpft. Bei Müller flossen die Tränen ab dem Schlusspfiff am Freitag um 20.21 Uhr in Strömen.

Dass es so weit gekommen ist mit dem einst so glorreichen Klub, der vor 20 Jahren ebenfalls Fußballgeschichte schrieb und als erster und bisher einziger Aufsteiger deutscher Meister wurde und danach einen fatalen Fehler nach dem anderen machte, hat viele Ursachen auf vielen Ebenen. Die meisten sind gravierende personelle Fehlbesetzungen im von den Mitgliedern gewählten Aufsichtsrat, in der Vorstandsetage, auf dem ständig neu besetzten Trainerstuhl und infolgedessen beim fast kontinuierlich schlechter kickenden Personal.

Tod auf Raten

Die Fixkosten durch das Stadionmodell, das dem FCK die Luft zum Atmen nahm, und das teure, aber wichtige Nachwuchsleistungszentrum haben den Verein schier erdrückt. Der FCK hätte die mit mindestens 20 Millionen Euro ungefähr doppelt so hohen TV-Rechte-Einnahmen aus der Bundesliga gebraucht, um gut wirtschaften zu können. Weil die Rückkehr in die Beletage mehrmals misslang, die der ehemalige Vorstandsvorsitzende Stefan Kuntz aus gutem Grund erzwingen wollte, dabei hohes Risiko ging und letztlich auch an den Emotionen rund um diesen Traditionsverein scheiterte, geriet der FCK immer mehr unter Druck. Die Lauterer steckten und stecken in der Fixkosten-Falle. Ein „Tod“ auf Raten.

Begabte Spieler wie zuletzt Jón Dadi Bödvarsson, Julian Pollersbeck und Robin Koch wurden noch unter Kuntz und dem damaligen Chefscout und jetzigen Sportdirektor Boris Notzon günstig geholt – sie konnten und mussten für viel Geld verkauft werden, um die Vereinskonten auszugleichen. Auch weil die von den gescheiterten und längst ausgeschiedenen Bossen Nikolai Riesenkampff (Aufsichtsrat) und Thomas Gries (Vorstand) erwünschten, aber nicht erarbeiteten Investorengelder noch immer nicht in Sicht sind. „Wenn ich 25 Millionen Euro Transferplus in drei Jahren mache und davon nicht mal ein Drittel in die Mannschaft reinvestieren kann, ist das Wahnsinn“, sagt Notzon.

Kapitalvernichtung in Millionenhöhe

Erst dank des finanziell notwendigen Koch-Verkaufs für vier Millionen Euro nach Freiburg, unter dem die Defensivqualität des Teams zumal nach Ewertons Abschied stark litt, konnte Notzon Ende August 2017 in Sebastian Andersson einen ebenfalls bitter nötigen Torjäger holen. Der erzielte bisher immerhin zehn Saisontreffer. Das Schlimme: Leistungsträger der Abstiegself wie eben Andersson oder die günstig geholten Phillipp Mwene, Brandon Borrello und Osayamen Osawe können jetzt ablösefrei gehen. Der Abstieg bedeutet Kapitalvernichtung in Millionenhöhe. Überall im Verein muss noch mehr gespart werden. Der Etat für das Profiteam schrumpft von über zehn auf fünf Millionen Euro.

Für die Dritte Liga haben neben Trainer Michael Frontzeck laut Notzon bisher nur Halil Altintop (35), Flavius Botiseriu (19), Dylan Esmel (20), Valdrin Mustafa (20), Florian Pick (22) und Carlo Sickinger (20) Profiverträge. Keiner von ihnen gehörte zuletzt zur FCK-Stammelf. Zwei bis drei Drittliga-Abschlüsse mit Spielern aus dem bisherigen Profikader will der FCK bald verkünden. Das Drittliga-Aufgebot wird „kleiner, regionaler und etwas jünger“, sagt Sportvorstand Martin Bader. Dazu sollen weitere Talente aus der U21 gebunden und gestandene Zweit- und Drittliga-Profis geholt werden. Auch die Rückkehr des ablösefreien Florian Dick (33) könnte ein Thema werden.

Und Gerry Ehrmann? Er fährt mit seinem FCK nach Halle oder Großaspach künftig nicht zum Pokal- oder Freundschaftsspiel. Es geht ab dem 27. Juli um Drittliga-Punkte. Der sofortige Wiederaufstieg ist vor allem wirtschaftlich ein Muss. Der FCK hat nur noch diesen einen Schuss.

 

Auf der folgenden Rheinpfalz-Seite findet Ihr alle Informationen zum 1.FC Kaiserslautern.

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