1. FC Kaiserslautern Abpfiff – der Betzenberg-Krimi (16)

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In welchem wir von dem Kevin erfahren, wer noch so alles in der Todesnacht mit dem Sandig an der Bar im Hubertushof gesessen hat.

So käsig, wie der Kevin um die Nase aussieht, könnte man meinen, dass er immer noch jede halbe Stunde auf den Topf muss. Außerdem tupft er sich ständig Schweißperlen von der Stirn. „So ganz auf dem Damm bin ich immer noch nicht“, sagt er. „Irgend so ein Scheiß-Magen-Darm-Virus, das grassiert. Auch in unserer Straße hat es die Leute reihenweise erwischt. Aber vielleicht habe ich mich ja auch bei dem Sandig angesteckt an dem Abend. Der hat ja auch ganz plötzlich die Scheißerei gekriegt. Wobei, ich habe ja gar nicht gewusst, dass das der Sandig war. Das habe ich ja erst am nächsten Tag erfahren, und ich bin immer noch total geschockt, dass da ein Toter an meiner Bar gesessen hat, also nicht ein Toter, aber ein Gast, der ein paar Stunden später tot war, meine ich, und überhaupt.“

„Vielleicht hat’s ja an einem von deinen neumodischen Cocktails gelegen“, kichert der Heiner, woraufhin der Kevin noch käsiger im Gesicht wird und ihm fast an die Gurgel geht: „Was willst du denn damit sagen? Glaubst du vielleicht, ich hab den umgebracht? Nimm das sofort zurück!“

„Aber das war doch nur ein Scherz“, geht der Schorsch dazwischen. „Nun beruhige dich erst einmal, Kevin!“

Doch so schnell ist der nicht zu beruhigen. Tief gekränkt ist er in seiner Ehre als Barmann, und der Feldkamp hat schon Angst, dass die beiden sich gleich richtig hauen, als der Jean schließlich mit der Faust auf den Tresen schlägt: „Schluss jetzt! Wir sind doch hier nicht im Kindergarten! Wir sind hier, um noch einmal genau zu rekonstruieren, was an dem Abend hier abgelaufen ist.“

Der Zorn von dem Kevin richtet sich jetzt gegen den Jean: „Was konstruieren?“, stammelt er. „Wie was abgelaufen? Warum wollt ihr das alles wissen? Was wollt ihr eigentlich von mir?“

„Gar nix“, schaltet sich jetzt der Feldkamp ein. „Gar nix wollen wir von dir, Kevin. Eigentlich wollen wir nur wissen, ob die Frau da an dem Samstagabend auch hier war.“

Das Foto von der „Elblette“ scheint den Kevin endlich zu beruhigen. „Die da?“, sagt er und wirkt irgendwie erleichtert. „Klar war die da. So einen Schuss vergisst man nicht so schnell. Die hat doch allen Männern hier den Kopf verdreht. Ganz besonders dem Sandig.“

„Und was ist mit dem hier?“, fragt der Jean. „Diesem Chinesen? Haben Sie den auch gesehen?“

Der Feldkamp hätte sich beinahe an seinem Schorle verschluckt. Hat der Jean gerade „Sie“ gesagt? Da schau her, denkt er. Eben noch der größte Bedenkenträger, der ihnen alle ihre schönen Verdachtsmomente in der Luft zerrissen hat – und jetzt wieder ganz der alte Polizist, der einen Zeugen vernimmt.

Der Jean hat es natürlich auch sofort gemerkt, dass er „Sie“ gesagt hat und ganz automatisch in seine alte Rolle als Kripobeamter zurückgefallen ist. „Kevin“, sagt er deshalb. „Ich meinte natürlich Kevin.“

Der beginnt jetzt richtig aufzutauen. „Klar“, nickt er heftig mit dem Kopf. „Der war auch da. Und der hat auch mit dem Sandig zusammengehockt. Zumindest für eine Weile, bis der Sandig sich dann zu der Frau setzte.“

An dieser Stelle muss ich wieder einmal eingreifen. Nicht nur, weil das Kleeblatt jetzt begonnen hat, wieder wild durcheinanderzureden, sondern auch, weil es noch einen Rieslingschorle gebraucht hat, bis der Kevin zur Sache gekommen ist und der Jean auseinandersortiert hat, was sich genau an diesem Abend in der Hotelbar abgespielt hatte. Und bevor ich euch das erzähle, sollte ich euch vielleicht erst mal aufmalen, wie die örtlichen Begebenheiten sind in der Pälzer Stubb im Hubertushof.

Also stellt euch vor, wie ihr die Treppe runterkommt in das alte Kellergewölbe. Noch vor der Eingangstür geht es rechts ab zu den Toiletten. Gleich hinter der Tür öffnet sich ein Gastraum mit mehreren Sitzgruppen und kleinen Tischen. Die Bar selbst befindet sich direkt an der Wand gegenüber. Ein Tresen gebaut in der Form einer eckigen Klammer mit zwei Sitzbänken, die links und rechts von der Tresenfront abknicken. Vor dem Tresen die üblichen Barhocker. Und auf einem dieser Barhocker hat auch der Sandig Platz genommen an diesem Abend. So kurz nach 21 Uhr.

„Ich glaube, der kam direkt aus dem Restaurant“, erinnert sich der Kevin. „Weil, er hat was davon gemurmelt, dass er jetzt erst einmal einen Verdauungsschnaps braucht, und sich einen doppelten Wodka auf Eis bestellt. „Aber den Besten, den ihr habt“, hat er dabei getönt. Und da war er mir schon unsympathisch. Eine halbe Stunde später ist dann auch schon der Chinese aufgetaucht und hat sich gleich neben ihn gesetzt. Die beiden haben sich begrüßt wie alte Bekannte, und besonders der Sandig war wie aufgekratzt, besonders nachdem die beiden wieder von der Toilette gekommen sind.“

„Willst du damit sagen, dass die beiden da was genommen haben?“, fragt der Jean.

„Sagen will ich damit gar nichts“, antwortet der Kevin. „Aber die Augen von den beiden waren danach bestimmt nicht kleiner. Und so, wie der Sandig dann begonnen hat, mit der Frau zu schäkern, habe ich mir schon mein Teil gedacht. Also, ich hätte mich das nicht getraut, so, wie die da bei uns hereinstolziert ist.“

„Stolziert? Wie meinst du das, Kevin?“

„Ja, wie soll ich sagen? Schon ihr ganzes Äußeres. Solche Hacken an den Füßen. Enges Kostüm. Darunter eine weiße Bluse, die garantiert aus Seide war. Und mit so einem Ausschnitt! Eine richtig teure Tusse, habe ich mir gedacht. Eine von den Frauen, die sich die Männer aussuchen können und die dich das auch ganz genau spüren lassen. Und den ersten Gast, der sie einladen wollte, hat sie dann auch prompt kalt lächelnd abblitzen lassen. Ein junger Mann hier gleich von dem Tisch da vorne. Der ist wie ein geprügelter Hund zurückgeschlichen an seinen Platz.“

„Du hast gerade von einem ersten Gast gesprochen, Kevin. Gab es da noch jemanden, der diese Dame einladen wollte?“

„Ja, der Chinese natürlich! Der Sandig hat sich fast schepp gelacht, als auch der wieder unverrichteter Dinge zurückgedackelt kam. Und wenn ich heute so darüber nachdenke, glaube ich fast, der hat vorher mit ihm gewettet, dass er nicht landen kann bei diesem Eisberg.“

„Wie kommst du darauf?“

„Ei, weil der dem Sandig etwas in die Hand gedrückt hat, als er wieder neben ihm saß. Genauso wie später noch einmal, als der Sandig es dann selbst bei der Frau versucht hat.“

„Und? Hatte der Sandig mehr Erfolg?“

„Aber hallo! Der hat sich von mir die teuerste Flasche Champagner und zwei Gläser geben lassen und sich damit einfach neben sie gesetzt, hier auf die Bank. Und die hat nicht einmal mit der Wimper gezuckt dabei. Frechheit siegt offensichtlich.“

„Und dann ist er wieder zurück zu dem Chinesen gegangen und der hat ihm wieder was in die Hand gedrückt?“

„Ja. Und der Sandig hat gelacht dabei und ihm auch ein Glas Champagner eingeschenkt. So richtig gönnerhaft. Wie Graf Koks von der Gasanstalt.“

„Und dann?“

„Tja“, überlegt der Kevin. „Ehrlich gesagt habe ich dann irgendwie den Überblick verloren. Der Sandig war ja wie aufgedreht und ist ständig hin- und hergewechselt, hat einmal mit der Frau getuschelt, dann wieder mit dem Chinesen. So genau konnte ich das gar nicht mehr verfolgen. Außerdem musste ich mich ja zwischendurch auch einmal um die anderen Gäste kümmern. Das Einzige, was ich wieder genau erinnere, ist, dass diese Tusse dann auch mal zur Toilette gegangen ist und sich zu dem Sandig und dem Chinesen an die Bar gestellt hat, als sie wieder zurückgekommen ist. Und diesmal hat sie dem Sandig was in die Hand gedrückt und der Chinese dann dem Sandig wieder was.

„Aber was die sich da gegenseitig gegeben haben, das hast du nicht gesehen?“

„Nee. Das sollte man wohl auch nicht sehen. Das war so ganz verstohlen auf Kniehöhe, und ich konnte mich ja schlecht über den Tresen lehnen, um zu sehen, was die da machen. Aber ich habe auch jetzt immer noch das Gefühl, dass die sich gegenseitig Geld zugesteckt haben. Auf jeden Fall ist der Chinese kurz danach abgezischt, und der Sandig hat es dann erst richtig krachen lassen!“

„Wie meinst du das?“

„Na, erst hat er noch eine Flasche Champagner bestellt und für sich immer wieder Wodka auf Eis. Und immer wilder hat er angefangen, an der Dame herumzufummeln. Was die aber nicht gestört hat. Bis dann urplötzlich Schluss mit lustig war!“

„Bis der Sandig dann plötzlich die Scheißerei gekriegt hat?“

„Ja. Von einer Sekunde auf die andere ist der schneeweiß im Gesicht geworden, hat sich die Hand vor den Mund gehalten und ist zur Toilette gestürmt. Ich habe erst gedacht, der muss kotzen, was ja auch kein Wunder gewesen wäre, so schnell, wie der sich den Champagner und den Wodka reingedübelt hat. Aber beim Kotzen allein ist es wohl nicht geblieben. Als er zurückkam von der Toilette, hat er sich den Bauch gehalten und so vor Krämpfen gewunden, dass das auch dem Arzt aufgefallen ist, der die ganze Zeit mit an der Bar gesessen hat.“

ARZT? WELCHER ARZT?

Der Feldkamp, der zugegebenermaßen die letzten Minuten schon ein bisschen am Kämpfen war mit seinem dritten Rieslingschorle, ist plötzlich wieder hellwach: „An dem Abend war auch ein Arzt im Hotel?“, fragt er ganz aufgeregt. „Davon hören wir das erste Mal. Oder hast du das gewusst, Anton?“

Der Hofreiter schüttelt den Kopf: „Nee, das ist mir auch neu. Aber ich sehe den Kevin ja heute auch zum ersten Mal seit dem Abend. Der war ja danach krank, und wir haben seitdem nicht mehr miteinander gesprochen.“

Der Kevin nickt und sieht dabei wieder so käsig aus wie vorhin, als er dem Heiner fast an die Gurgel gegangen wäre. Irgendwas stimmt mit dem nicht, denkt der Feldkamp. Erst recht, als der Kevin wieder etwas zu stammeln beginnt: „Aber … aber … ich hab doch gedacht, dass der sich bei euch gemeldet hat … der Arzt … nachdem der Sandig dann tot war. Ich meine … das ist doch irgendwie tragisch, dass der trotzdem gestorben ist … obwohl doch ein Arzt … ich hab doch noch gedacht, was für ein Glück, dass da durch Zufall ein Arzt da ist, der ihm helfen kann.“

„Ja, das ist in der Tat tragisch“, versucht der Jean, den Kevin zu beruhigen. „Aber der Arzt konnte ja nicht wissen, dass der Sandig in der Nacht auch noch einen Herzinfarkt bekommen würde. Auf jeden Fall müsste man ihn dazu befragen. Und dazu müsste man wissen, wer dieser Arzt war.“

„Keine Ahnung“, sagt der Kevin. „Ich habe den auch vorher noch nie gesehen. Ich weiß nur, dass der die ganze Zeit still in der anderen Ecke der Bar gesessen und zwei alkoholfreie Weizen getrunken hat.“

„Vielleicht auch ein Hotelgast?“, wendet sich der Heiner dem Anton zu.

„Da müsste ich noch einmal in unseren Abrechnungen nachsehen. Aber wenn ich mich richtig erinnere, hatten wir nur zwei Einzelbuchungen an diesem Tag: den Sandig und diese Frau von Lewitz. Der Rest waren drei Paare.“

„Hm“, brummt der Jean. „Kannst du diesen Arzt vielleicht beschreiben, Kevin?“

„Puh, das ist schwer. Schlank, Mitte vierzig vielleicht. Irgendwie total unauffällig. Doch halt! An was ich mich noch erinnere, ist die Baseballcap, die er aufhatte: eine mit dem Logo vom FCK drauf.“

„Gut“, seufzt der Jean. „Also ein FCK-Fan. Das wird bestimmt ganz leicht, den zu finden. Aber noch einmal zurück zu dem Moment, wo der Sandig zurück von der Toilette kam. Wie war das dann genau mit diesem Arzt?“

„Tja, was soll ich sagen? Der ist dann zu dem Sandig gegangen, als der sich den Bauch hielt vor Schmerzen, hat ihm gesagt, dass er Arzt sei und hat ihn gefragt, ob er ihm helfen könne. Und dann hat er seinen Arm um ihn gelegt und gesagt: Das Beste ist, ich bringe Sie jetzt erst einmal auf Ihr Zimmer. Und dann sind die beiden hoch ins Hotel gegangen.“

„Ist er dann noch einmal zurückgekommen in die Bar?“

„Ja. Ungefähr eine halbe Stunde später. Und wir haben ihn natürlich sofort gefragt, was jetzt mit dem Herrn Sandig ist, diese Frau aus Hamburg und ich. Und er hat uns gesagt: ,Machen Sie sich keine Sorgen. Wahrscheinlich eine akute Magenverstimmung und vielleicht ein bisschen zu viel Alkohol. Ich habe ihm etwas zur Beruhigung gegeben. Er schläft jetzt.’ Tja und dann hat er seine zwei Bier gezahlt und ist gegangen.“

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Zur Person

Udo Röbel, geboren 1950 in Neustadt an der Weinstraße, ist Journalist und Autor. Der ehemalige RHEINPFALZ-Volontär wurde später in die Chefredaktion des Kölner „Express“ und an die Spitze der BILD-Zeitung berufen. Für seine Rolle in der sogenannten Kießling-Affäre wurde er mit dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse ausgezeichnet. 1988 stieg er bei der Geiselnahme von Gladbeck zu Entführern und Geiseln ins Auto. Das Verhalten der Medien während der Geiselnahme führte zu einer Erweiterung der Richtlinien im Pressekodex. Heute lebt Röbel in Hamburg und Berlin. Ein Interview mit dem Autor finden Sie hier.