Humor RHEINPFALZ Plus Artikel Verlierer sind lustig: Wie wir mit Witz der Krise trotzen

Kichern, Feixen oder Lachen: Es wird weniger, auch in der Politik.
Kichern, Feixen oder Lachen: Es wird weniger, auch in der Politik.

Eine Krise jagt die nächste. Humor müsste eigentlich Hochkonjunktur haben. Doch er wird weniger. Automatisierung und der Drang zu Empörungsorgien im Internet setzen ihm zu. Ein Essay von Axel Veiel

Es ist zum Davonlaufen. Aber das geht natürlich nicht. Vor der heraufziehenden Klimakatastrophe kann man nicht weglaufen, vor der Kriegsgefahr oder dem wirtschaftlichen Niedergang auch nicht. Allenfalls etwas Abstand mag einem vergönnt sein. Wofür es dann aber braucht, was Bedrohliches, Beängstigendes auf Abstand halten kann: Humor nämlich.

Selbst den Tod vermag er auszubremsen. Wie bei dem armen Kerl, der zum Tode verurteilt wird und auf dem Weg zum Schafott fragt: „Welchen Wochentag haben wir heute?“ „Montag“, erfährt er. Daraufhin der Mann: „Die Woche fängt ja gut an.“

Anstatt sich in Klagen über seine bevorstehende Hinrichtung zu ergehen, schlägt er gedanklich eine Brücke zu etwas, das so gar nicht dazu passt: zu seiner Wochenplanung. Die abstruse Verknüpfung löst Heiterkeit aus, erweckt den Eindruck, es könne womöglich anders kommen als erwartet.

Das Glück blitzt auf

Der Tod rückt aus dem Blickfeld, scheint nicht mehr so nah. Am Erwartungshorizont blitzt Glück auf – flüchtig wie Feuerwerk, aber allemal Glück. Anstatt in sich zusammenzufallen, wahrt der Todeskandidat Haltung, ja Würde.

Gedankliche Querverbindungen herzustellen, zusammenzuführen, was nach den Regeln des gesunden Menschenverstands nicht zusammengehört und dann doch irgendwie zusammengehört, zählt zu den Klassikern humorvoller Kommunikation. Und noch etwas ist typisch für sie. Dass sie gerade dann aufkommt, wenn es nichts zu lachen gibt.

Erst dann macht sich Humor nämlich so richtig bezahlt. Wer ihn in misslicher, wenn nicht aussichtsloser Lage aufbringt, darf nicht nur auf heilsame Distanz hoffen, sondern auch noch auf die Sympathien seiner Mitmenschen. Wenn der Filmemacher Woody Allen in seinen Komödien mit Vorliebe Verlierertypen zeigt und auch selbst in die „Loser“-Rolle schlüpft, dann deshalb. Verlierer, die sich nicht unterkriegen lassen, sind sympathisch. Mit ihnen lacht man nur allzu gern. Sieger sind weniger lustig.

Automatisiert, aber ohne Leichtigkeit

Weshalb Humor in diesen Krisenzeiten eigentlich Hochkonjunktur haben müsste. Doch das hat er nicht, im Gegenteil. Er wird weniger. Von allen Seiten setzt man ihm zu. Zu seinen Widersachern zählen automatisierte Arbeitsabläufe. So sehr sie das Leben erleichtern, die Leichtigkeit des Humors ist ihnen nicht gegeben.

Ob voll automatisierte Supermarktkassen, selbstfahrende Busse, QR-Codes lesende Eincheck-Terminals oder Hotlines, die Ratsuchende mit Rechnern verbinden: Die menschenfreien und damit humorfreien Zonen werden mehr. „KI und der menschliche Wunsch nach maximaler Effizienz könnten uns noch den Humor austreiben“, befürchtet der österreichische Schriftsteller Franz Stefan Griebl alias Franzobel.

Aber auch die sogenannten sozialen Medien sind dem Humor wenig förderlich. Die ihm eigene Ambivalenz kollidiert mit dem empörungsgetriebenen Freund-Feind-Denken dieser Kommunikationsplattformen im Internet. Hinzu kommt die dort gebotene Kürze. Niemand kann sicher sein, dass seinen Worten die Gnade des Kontextes gewährt wird. Aus dem Zusammenhang gerissen, wird eine flapsige Bemerkung im Nu zur vermeintlich fatalen Entgleisung, trägt dem Scherzenden einen Shitstorm ein.

Lieber nochmal nachdenken

Die Gefahr ist umso größer, als humorvolle Bemerkungen meist spontaner Eingebung folgen, also unbedacht sind. In einem sich an Behörden richtenden Beitrag empfiehlt das Magazin für Kommunikation KOM, „vor einer schlagfertigen Antwort noch mal mindestens zehn Sekunden nachzudenken“. Arme Staatsangestellte, schlagfertig sollen sie sein, aber auch bedächtig. Was für sie gilt, trifft erst recht auf Politiker zu, deren Worte inflationär weitergeleitet werden.

Ein Blick in die Bundestagsprotokolle, die zwar nicht den Humor erfassen, wohl aber das von ihm ausgelöste Kichern, Feixen oder Lachen, offenbart: Es wird weniger. Lange Zeit galt das Hohe Haus geradezu als Heimstatt des Humors. Die Tiraden des 1990 verstorbenen SPD-Abgeordneten Herbert Wehner haben Legendenstatus. Ob er nun den CDU-Kollegen Jürgen Wohlrabe Übelkrähe nannte, dessen Parteifreund Todenhöfer als Hodentöter schmähte. Wehner hatte die Lacher auf seiner Seite. Wirklich verübelt wurden ihm die abfälligen Worte nicht.

Seehofers harsche Worte

Jahrzehnte später sollte der CSU-Politiker Horst Seehofer weniger glimpflich davonkommen. In einer Debatte über den wachsenden Einfluss von Lobbygruppen ließ er sich im Mai 2010 zu der ironischen Bemerkung hinreißen: „Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt sind, haben nichts zu entscheiden.“ Seehofers Worte wurden für bare Münze genommen, auf Youtube geteilt und dem damaligen bayrischen Ministerpräsidenten schwer verübelt.

Auch die SPD-Politikerin Andrea Nahles musste erfahren: Vom Scherz zum Shitstorm ist es nicht weit. Nach ihrer Wahl zur Fraktionsvorsitzenden wurde sie im September 2017 gefragt, wie sie auf die letzte Kabinettssitzung mit den CDU-Kollegen zurückblicke. Laut lachend entgegnete die Politikerin: „Ab morgen kriegen sie auf die Fresse.“ „SPD-Nahles pöbelt gegen CDU“, schallte es ihr tags drauf entgegen.

Laschets Ausrutscher

Selbst schlichtes Lachen ist riskant. Den CDU-Politiker Armin Laschet kostete es die politische Karriere. Im Juli 2022 hatte der damalige CDU-Kanzlerkandidat mit dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier das von der Flutkatastrophe heimgesuchte Erftstadt aufgesucht. Steinmeier hielt eine Ansprache. Laschet stand etwas abseits. Die Rede des Bundespräsidenten drang nicht bis zu ihm vor. Und dann passierte es. Eine rheinische Frohnatur aus Laschets Entourage machte eine witzige Bemerkung. Der Kanzlerkandidat lachte. Im Netz wurde das Lachen als Verlachen der Flutopfer herumgereicht. Laschet sollte sich davon politisch nicht mehr erholen.

Im Fall des französischen Satireblattes Charlie Hebdo löste Humor gar ein Massaker aus. Die Wochenzeitung war nach der Veröffentlichung von Mohamed-Karikaturen ins Visier gewaltbereiter Islamisten geraten. Anfang Januar 2015 stürmte ein Terrorkommando die Redaktionsräume, erschoss elf Journalisten und auf der Flucht auch noch einen Polizisten.

Die Karikaturen zielten auf Islamisten und trafen sie auch. Aber sie trafen nicht nur sie. Auch gemäßigte Muslime sahen sich in Mitleidenschaft gezogen. Rechtlich war das nicht zu beanstanden. Religion gilt im laizistischen Frankreich als Privatsache. Woran man glaubt oder nicht glaubt, darf kritisiert, karikiert, verlacht werden. Ausdruck weitreichender Meinungsfreiheit ist das. Hinzu kommt: Satire braucht Biss, Karikaturen leben von Übertreibung.

Wenn Humor verletzt

Eine andere Frage ist, ob verletzender Humor abwirft, was gewinnender verheißt: heilsame Distanz, gewahrte Würde, im Dunkeln aufblitzendes Glück, befreites Lachen. Humoristen bezweifeln das. Am besten sei es, über sich selbst zu lachen, meint Christian Schulte-Loh. In seiner englischen Wahlheimat, wo Deutschland nicht eben als Heimstatt des Humors gilt, beginnt er seinen Auftritt gern mit dem Satz: „Ich bin ein deutscher Komiker.“ Wahre Lachsalven löst er damit aus. Wenn man sich über andere lustig machen wolle, dann möglichst über die da oben, die Stärkeren, Größeren, Mächtigeren, rät Schulte-Loh. „Nach oben schlagen“, nennt er das.

Auf Schwächere zielen, Minderheiten der Lächerlichkeit preisgeben, humoristisch nachtreten, wenn jemand bereits am Boden liegt – wirklich lustig ist das ja auch meist nicht. Heilsame Distanz droht dann in Distanziertheit umzuschlagen, in Gleichgültigkeit gegenüber Missständen und menschlichem Leid.

Was nicht heißt, dass es für Humor klare Regeln gäbe. Seit der Antike versuchen kluge Köpfe, ihn begrifflich zu fassen, einzuordnen, abzulegen. Ein einvernehmliches Resultat? Fehlanzeige. Anders als Broschüren à la „Humor für Führungskräfte“ suggerieren: Eine Gebrauchsanweisung gibt es nicht.

Schlicht kann witzig sein

Auch wenn er plump daherkommt, kann Humor große Heiterkeit auslösen. Man denke nur an die gewöhnlich mit Gelächter quittierte Feststellung, dass sich Bäcker und Teppiche dadurch unterscheiden, dass erstere morgens früh aufstehen müssen, während letztere liegenbleiben können. Humor blitzt auf, bezaubert, verglimmt, verlöscht. Hier gefällt er, da missfällt er, und nicht selten wird er sogar erbittert bekämpft.

Zumal die Kirche hat sich als Widersacher hervorgetan. Mit dem Argument „Gott lacht nicht, Jesus auch nicht“ versuchte sie Jahrhunderte lang, den Humor zurückzudrängen. Ganz gelungen ist das nicht. Als Angebot zur Güte gewährte der Klerus dem Volk Karnevalswochen teuflischer Heiterkeit.

Moralisieren hilft nicht

Aber auch außerhalb der Kirche gilt: Wer sich im Besitz alleiniger Wahrheit wähnt, kann mit Humor wenig anfangen, begegnet ihm mit Skepsis. Ideologen misstrauen ihm, die linken wie die rechten. Moralisch besonders gefestigte Menschen tun es ebenfalls. Laut einer Studie der in Seattle ansässigen University of Washington sind auch sie für Humor wenig empfänglich. Hinter der Abneigung mag die Sorge stehen, er könnte ihnen gefährlich werden. Seine spielerische Ambivalenz, die ihm innewohnende Botschaft, alles könne womöglich auch ganz anders sein, rüttelt jedenfalls an den Fundamenten jeglicher Selbstgewissheit.

Womit die Widersacher des Humors noch nicht abschließend aufgezählt sind. Selbst im von Religion, Ideologie und moralischer Strenge wenig geprägten Erwerbsleben gibt es Vorbehalte. Aus einer Erhebung der University of Arizona geht hervor, dass Männer mit Humor in aller Regel punkten können, Frauen aber nicht. Während er bei Männern überwiegend als Ausweis von Souveränität und Kompetenz gilt, weckt er bei Frauen oft Zweifel an Eignung und Führungswillen, steht dem beruflichen Fortkommen im Weg.

Muss man für den Humor also schwarzsehen? Simon Critchley, der sich mit ihm intensiv befasst hat, glaubt das nicht. „Humor ist eine entschieden moderne Idee“, fasst der englische Philosoph und Professor an der New Yorker New School for Social Research seine Erkenntnisse zusammen. Humor möge auf noch so viele Hindernisse treffen, aufzuhalten sei er nicht. Humor ist – wenn man trotzdem lacht.

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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

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