Interview
Krank, einsam, unversichert – wo die „Street Docs“ helfen
Herr Uebel, bei Menschen ohne Krankenversicherung stellen sich die meisten wohl den „klassischen“ Obdachlosen vor. Stimmt so aber nicht, oder?
Nein, das stimmt so nicht. Obdachlose sind sicherlich ein Teil, es sind aber auch viele, die einfach gesellschaftlich isoliert leben. Wenn ich an Viertel wie die Bayreuther Straße denke (
Nach Schätzungen gibt es zwischen einer halben und einer Million Menschen in Deutschland, die nicht krankenversichert sind, großes Dunkelfeld natürlich. Haben Sie in den zehn Jahren Ihrer Arbeit beobachtet, dass die Gruppe größer geworden ist?
Ja. Wir stellen schon eine Zunahme der Behandlungshäufigkeit fest, aber auch der Patientenzahlen. Wir haben inzwischen auch viele Osteuropäer in Behandlung, auch das hat sich geändert, genauso wie die Zahl der mutmaßlich Illegalen – wobei wir das natürlich nicht nachprüfen. Es hat aber auch die Anzahl der Sozialberatungen zugenommen. Bei den Terminen ist ja im Allgemeinen auch ein Sozialarbeiter dabei, der ausloten soll, welcher Hilfebedarf da noch besteht.
Es gibt inzwischen ja auch „Clearing-Stellen“ im Land, eine auch in Ludwigshafen. Was machen die eigentlich?
Die schauen sich an, wo Möglichkeiten bestehen, dass der Patient Zugang zum regulären Gesundheitssystem bekommt, entweder über das Sozialamt oder die Kassen. Teilweise sind die Leute ja auch aus privaten Krankenversicherungen gefallen, oft, weil Beiträge nicht gezahlt wurden – und die Menschen sich auch nicht auskennen, beispielsweise über die Möglichkeit, in einen Notlagentarif zu wechseln. In solchen Fällen schaut sich die Clearing-Stelle dann an, welche rechtlichen Möglichkeiten es gibt, wieder regulär krankenversichert zu sein. Es gibt inzwischen im Übrigen auch einen Notfallfonds in Rheinland-Pfalz, der kann bei teuren Behandlungen auch mal die Kosten übernehmen. Also beispielsweise eine Tumor-Erkrankung mit Chemotherapie, für die dann auch unser Street Doc-Spendentopf nicht ausreicht.
Street Doc finanziert sich durch die ehrenamtliche Arbeit der etwa 20 Ärzte und die Spenden. Jetzt gab’s in der Vergangenheit sicher immer wieder Fälle, in denen Sie die langfristige Behandlung nicht stemmen konnten.
Genau, wobei wir uns bisher immer ganz gut durchlaviert haben. Es gab immer auch schon Patienten in Dauerbehandlung, die einfach teure Medikamente brauchen, das konnten wir bisher alles durch Spenden finanzieren. Es gibt aber auch immer einzelne Patienten, die den Rahmen sprengen: Eine Herzklappenoperation war gerade Thema. Da müssen wir eben schauen, wie wir das finanziert bekommen. Wir wollen eben keinen ablehnen, bloß, weil das an den Kosten scheitert.
Kommen Ihnen die Kliniken da entgegen? Auf die sind Sie in solchen Fällen ja angewiesen.
Das klappt hervorragend. Wir hatten jetzt gerade eine Patientin, die kann nicht mehr laufen, die schreit nur noch vor Schmerzen und braucht ein neues Knie. Und dann klärt man eben im Gespräch mit Klinikärzten ab, was die machen können, ob da eine Reha nötig ist – und wie viel wir bezahlen können und in wieweit die uns entgegenkommen können. Und da sind gerade die Kliniken bei uns in der Region unheimlich kooperativ.
Jetzt hatten Sie in den letzten zehn Jahren zusätzlich zur Alltagsarbeit auch noch eine Pandemie mit zu bewältigen. Wie ist das für die Zielgruppe gelaufen?
Die Corona-Zeit war schon eine schwierige Zeit. Wir hatten ein, zwei ältere Kollegen, die in der Zeit bei uns aufgehört haben, um sich nicht in Gefahr zu bringen – alle anderen haben weiter gearbeitet. Wir haben immer Sprechstunden anbieten können und auch Impfungen gemacht, bei der Suppenküche beispielsweise. Wir wollten eben auch, dass keiner unserer Patienten in der Pandemie „abgehängt“ wird.
Hat sich ihr Blick auf die Gesellschaft insgesamt geändert in den zehn Jahren Ihrer Tätigkeit als Street Doc?
Man muss schon einen relativ weiten Blick haben, muss sich von bestimmten Ansprüche
Wenn man die Bayreuther Straße ansieht, dann gibt’s da Leute, bei denen sie als Mediziner brutal ausgedrückt nur noch Sterbebegleitung machen – und es gibt davon gar nicht so wenige, wenn man sich die hohe Sterblichkeit da ansieht. Wie geht man damit um als Arzt?
Die Lebenserwartung in dem Viertel ist in der Tat geringer. Es gibt ja auch Studien, die sagen: Wer arm ist, stirbt im Durchschnitt zehn Jahre früher. Das sind Menschen, die eben auch oft eine Alkoholproblematik haben, oft viel rauchen. Tumorerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind da oft viel häufiger. Man sieht auch ganz junge Leute, die schon mit Ende 20 eine Leberzirrhose haben. Manchmal hat man schon den Wunsch, den Patienten zu schütteln und zu sagen: Jetzt rauch oder trink doch bitte weniger und beweg dich mehr. Man muss aber einfach akzeptieren, das in dem Bereich andere Regeln gelten. Das gilt schon für so Dinge wie Termintreue. Oft kann der Patient ja beispielsweise den Termin gar nicht wahrnehmen, weil er eine Angststörung hat, weil er Schmerzen hat. Es ist eben eine ganz andere Situation, als wir das so in unserem Umfeld kennen, eine ganz andere Normenwelt.
Nach zehn Jahren und um die 4500 Behandlungen: Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Projekts?
Oberste Priorität ist weiter, dass möglichst viele Patienten im regulären Gesundheitssystem versorgt werden können. Und das andere ist, dass wir von Street Doc weiterhin eine gute Versorgung machen können. Wir haben uns mal als Prämisse gegeben: Wir wollen genau die gleiche Qualität anbieten können wie jede andere Praxis.
Zur Person: Peter Uebel
Der 59-jährige Internist Peter Uebel leitet das Ärztezentrum „Haus der Gesundheit“ im Ludwigshafener Stadtteil Gartenstadt. Uebel ist Fraktionsvorsitzender CDU im Ludwigshafener Stadtrat und Mitbegründer des Projekts „Street Doc“, das von der „Ökumenischen Fördergemeinschaft“ getragen wird. Die Initiative für medizinische Basisversorgung ist komplett Spendenfinanziert. Das Spendenkonto: Ökumenische Fördergemeinschaft Ludwigshafen, IBAN: DE94 5455 0010 0000 0008 36. Stichwort „Street-Doc“.
Info
Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.