Fußball
Deutschland siegt gegen Frankreich 2:0: Fastfood und Feinkost
Nicht ausgeschlossen, dass es sich ein paar Pfälzer so richtig haben gut gehen lassen. Zumindest steht ein Reisebus von der Südlichen Weinstraße zur samstäglichen Mittagszeit unweit der großen Markthallen von Lyon, die dem französischen Meisterkoch Paul Bocuse gewidmet sind. Er gilt als einer der bedeutendsten Küchenchefs des 20. Jahrhunderts, ab 1965 bis zu seinem Tode 2018 hatte er drei Michelin-Sterne. Ein Schild hinter der Windschutzscheibe und am Heck des Busses gibt jedenfalls einen Hinweis, wer der Reisegruppe angehört: Fanclub Nationalmannschaft. Und ein Ausflug in den Genuss-Tempel, der an den Sohn der Stadt erinnert, der in der Nähe von Lyon geboren wurde, hier lebte und gestorben ist, lohnt sich allemal. An vielen Ständen gibt es allerlei Leckereien: Austern, Schnecken, Champagner, Käse. Einmal fühlen wie Gott in Frankreich? Warum nicht. Schließlich bot die DFB-Elf zuletzt selten Feinkost. Meistens wusste man nicht so recht, was sie einem servieren würde.
Ein paar Stunden später konnten sich die deutschen Zuschauer zumindest verwundert die Augen reiben. Gerade einmal acht Sekunden waren gespielt im Stadion weit draußen vor den Toren der Stadt, da lag der Ball schon im Tor der Franzosen. Kai Havertz und Toni Kroos, den Bundestrainer Julian Nagelsmann für die anstehende Heim-EM im Sommer von der Rückkehr ins Nationaltrikot überzeugte, führten den Anstoß aus. Der Profi von Real Madrid schaute kurz nach oben, täuschte einen Rückpass an, dann einen langen Ball – um ihn dann aber kurz halbhoch zu Florian Wirtz zu spielen. Der 20-Jährige lief ein paar Meter und schoss den Ball gekonnt ins Tordreieck.
„Das war geplant“, sagte Kapitän Ilkay Gündogan. „Alle haben sich an ihre Laufwege gehalten.“ Und Frankreich so auch ein Stückweit übertölpelt. „Wir nahmen an, dass sie hoch stehen würden, um früh anzugreifen“, sagte Gündogan.
Mit einer Finte ins Jahr
Der Treffer von Wirtz war nicht nur dessen erstes Länderspieltor, sondern auch das schnellste der 120-jährigen Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes. Den bisherigen Rekord hatte Lukas Podolski gehalten, der 2013 gegen Ecuador nach neun Sekunden traf. Manchmal kann Fastfood so köstlich sein – erst recht, wenn sie wie Sterneküche daherkommt.
Mit einer Finte in das Jahr einer Europameisterschaft im eigenen Land zu starten, das erfordert Mut. Und dieses Überraschungsmenü des Bundestrainers verblüffte den Weltmeister von 2018 in der 32. Auflage des Duells zwischen den beiden Nachbarländern enorm, um nicht zu sagen: es überforderte die Gastgeber. Da verstummten auch die rund 60.000 Kehlen, die zuvor noch inbrünstig die Marseillaise gesungen hatten.
Allen voran Rückkehrer Kroos gab der deutschen Mannschaft die Sicherheit, die sie in den vergangenen Monaten nicht hatte. Vom Harakiri-Stil der ersten Partien in der Ära Nagelsmann war kaum mehr etwas zu sehen, diese Herangehensweise war allerdings auch wenig erfolgreich: Zwei Niederlagen, ein Unentschieden und nur ein Sieg standen für den 36-Jährigen bislang zu Buche. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass er seine Mannschaft just auf den Tag genau ein Jahr nach seiner Entlassung beim FC Bayern München zu einer beeindruckenden Einheit formte. Er wollte dem DFB-Team die Lust auf Fußball zurückgeben, zumindest gegen Frankreich ist das gelungen.
Kroos, mit Adjutant Robert Andrich an seiner Seite, verteilte den Ball, ließ ihn prallen und machte genau das, was er sollte: den Takt angeben. „Wir haben nicht die Zeit, damit ich ausführlich ausdrücken kann, welche Freude es ist, mit ihm zu spielen“, sagte Jamal Musiala nach dem Spiel. In den ersten 20 Minuten kamen die Franzosen kaum zum Zuge, Deutschland kontrollierte Ball und Gegner. „Das war das beste, was wir in den letzten Jahren gespielt hatten“, sagte DFB-Sportdirektor Rudi Völler.
Kapitän denkt, dass es noch besser geht
Erst nach 25 Minuten konnte Frankreichs Superstar Kylian Mbappé erstmals seine Schnelligkeit vollends ausspielen. Zuvor machte Joshua Kimmich auf dessen ungewohnter-aber-ab-jetzt-wohl-dauerhaften rechten Abwehrseite sein Tempo-Defizit durch gutes Stellungsspiel stets wett, doch diesmal entwischte Mbappé ihm. Seinen Lupfer aber parierte Marc-André ter Stegen durchaus lässig: Er blieb einfach stehen. Frankreich, Vize-Weltmeister und EM-Favorit, gewann in dieser Phase an Übergewicht, doch wirklich zwingend waren die Aktionen nicht. Kimmich, Jonathan Tah, Antonio Rüdiger und Maximilian Mittelstädt auf der linken Seite – so könnte durchaus auch die EM-Abwehr aussehen. Der Debütant vom VfB Stuttgart verpasste es kurz vor Schluss, seine größtenteils gute Leistung mit einem Tor zu krönen. Seinen Schuss lenkte Frankreichs Torwart Brice Samba um den Pfosten(80.). Wenig später hatte Mittelstädt Glück, nicht ins eigene Tor getroffen zu haben.
Paul Bocuse war ein Meister am Herd, Bundestrainer Nagelsmann spricht von seinen „Zauberern“. Damit meint er Musiala, Wirtz und Gündogan. Zwei der drei zeigten, was ihr Coach damit meint: Wirtz passte auf Musiala, der von der Grundlinie zurück auf Kai Havertz legte – 2:0 (48.). Das war vorzüglich. Nagelsmann wechselte sein Zauberer-Trio aus, einen wirklichen Bruch im Spiel gab es aber nicht.
„Es ist ein bisschen lustig“, sagte Gündogan später. „Wir haben gut gespielt, aber ich hatte den Eindruck, dass es noch besser geht.“ Darauf darf man gespannt sein. Zumal die zweite Halbzeit in ihrer Gesamtheit noch besser, sicherer und stabiler gewesen ist als die erste. Aber es wäre ja auch schlimm, wenn die deutsche Mannschaft das süße Dessert schon jetzt vorweg genommen hätte.

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