Flutnacht an der Ahr RHEINPFALZ Plus Artikel Katastrophenschützer beklagen schlechte Ausrüstung

Nicht mehr der letzte Schrei: Sirene auf dem Dach einer rheinland-pfälzischen Grundschule. Katastrophenschützer würden gerne wie
Nicht mehr der letzte Schrei: Sirene auf dem Dach einer rheinland-pfälzischen Grundschule. Katastrophenschützer würden gerne wieder auf dieses Alarmierungssystem zurückgreifen.

Seine Vernehmung vor dem Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe des rheinland-pfälzischen Landtags nutzte der Brand- und Katastrophenschutzinspekteur des Landkreises Bernkastel-Wittlich zu einer Abrechnung mit den Bedingungen, mit denen Helfer zurechtkommen müssen.

Er würde im Katastrophenfall lieber einen zentralen Knopf drücken, um die Sirenen heulen zu lassen, statt „mit dem Trömmelche durch die Straßen zu ziehen“, sagte der Brand- und Katastrophenschutzinspekteur des Kreises Bernkastel-Wittlich, Jörg Teusch, am Freitag vor dem Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe des Landtags in Mainz.

Seit 30 Jahren sei angesichts der Friedenszeiten der Katastrophenschutz zurückgefahren worden. Das gelte auch für Rheinland-Pfalz. Sein Landkreis war beim Hochwasser in der Nacht zum 15. Juli 2021 betroffen, allerdings blieb es bei Sach- und Gebäudeschäden. In anderen Kreisen, vor allem im Landkreis Ahrweiler, sind in der Nacht 134 Menschen gestorben. Warum, das will der Untersuchungsausschuss aufklären.

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In Wittlich wurde jeder „rausgeklingelt“

Wittlich sei in der Flutnacht vollgelaufen, aber „gemächlich“, sagte Teusch: „Wir konnten vorher jeden rausklingeln und sagen, dass er in drei Stunden in die Turnhalle oder zu Verwandten gehen soll.“ Teusch ist einer der wenigen hauptamtlichen Brand- und Katastrophenschutzinspekteuren in den 24 rheinland-pfälzischen Landkreisen. Was er bemängelte, ist die Zentralisierung der Hydrologen in Mainz, im Landesamt für Umwelt, in den vergangenen Jahren. Daher fehle vor Ort jemand, der Pegeldaten interpretieren könne. Die Rohdaten zu den Pegelständen, die geliefert würden, reichten nicht aus. Er kenne zum Glück einen Hydrologen in Trier, der ihm habe helfen können: „Diese Infos müssen klar definiert sein. Es kann nicht zufällig davon abhängen, ob man jemanden kennt.“

Auch Andreas Braun, der ehrenamtliche Wehrleiter der Stadt Sinzig, nutzte seine Aussage dazu, die schlechte Ausstattung des Katastrophenschutzes im Land zu kritisieren. In Sinzig sind in der Flutnacht 13 Personen ums Leben gekommen, darunter zwölf Bewohnerinnen und Bewohner eines Hauses der Lebenshilfe. Doch um den Verlauf dieser Nacht ging es dem Ausschuss am Freitag nicht, mehr um die Frage, wie gut die Kommunen für einen Katastrophenfall gerüstet sind. Einen Alarm- und Einsatzplan habe die Stadt Sinzig zusammen mit den freiwilligen Helfern aufgestellt. Dieser sei auch in der Flutnacht abgearbeitet worden – „bis wir ihn in die Tonne kloppen konnten“, sagte Braun.

Evakuierungszone zu klein

Als für den Landkreis Ahrweiler, in dem Sinzig liegt, am 14. Juli um 23.09 Uhr der Katastrophenfall ausgerufen wurde, war dies mit der Aufforderung verbunden, 50 Meter rechts und links der Ahr die Häuser zu evakuieren. Das Lebenshilfehaus liegt 250 Meter vom Fluss entfernt. Braun bemängelte, dass zu wenig an Ausrüstung und an Fahrzeugen, die nötig seien, förderfähig sei. Auch für das neue Feuerwehrhaus mit einer Investitionssumme von 5,8 Millionen Euro habe das Land weniger als 800.000 Euro Zuschuss zugesagt. Die Pläne seien aber trotz Genehmigung Makulatur. Denn der Standort, an dem für Oktober 2021 der Spatenstich vorgesehen war, liege zu nah an der Ahr. Hätte das Gebäude schon im Juli gestanden, wäre das Wasser drei Meter hoch in dem Neubau gestanden.

Zu den Warnmitteln sagte Braun: „Wir hatten zwar Sirenen, die ließen wir laufen, aber die Leute reagierten nicht darauf. Die dachten, das sei ein Feuerwehreinsatz.“ Über die Warn-App Katwarn sei rechtzeitig gewarnt worden, es habe Lautsprecherdurchsagen gegeben, auch sei an die Türen geklopft worden. Doch an vielen Häusern seien die Feuerwehrleute weggeschickt worden, sagte Braun.

Malu Dreyer sagt aus

Der Untersuchungsausschuss legte am Freitag außerdem fest, dass Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Innenminister Roger Lewentz (beide SPD) am 8. April vor dem Untersuchungsausschuss aussagen werden. Bereits bei der nächsten Sitzung am 11. März vernehmen die elf Abgeordneten des Untersuchungsausschusses die neue Bundesfamilienministerin Anne Spiegel (Grüne), die damals Umweltministerin in Rheinland-Pfalz war. Diesem Ministerium ist die Hochwassermeldezentrale des Landesamtes für Umwelt untergeordnet, die die Kommunen über die prognostizierten Pegelstände informiert.

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