Kolumne
Ein Unding: Die Grumbeer als „Giftpflanze des Jahres 2022“
Eine Nachricht aus dem hohen Norden hat in dieser Woche die Pfalz erschüttert. Ausgerechnet die Kartoffel wurde vom Botanischen Sondergarten in Hamburg-Wandsbek zur „Giftpflanze des Jahres 2022“ gekürt. Unfassbar! Die Pälzer Grumbeer! Giftig! Um Himmelswillen… Klar, die Kartoffelpflanze enthält als Nachtschattengewächs den Giftstoff Solanin. Wer heutzutage auf die Idee käme, sich ihre Stängel, Blüten und Blätter einzuverleiben, würde kreidebleich unter heftigem Bauchgrimmen vielleicht tatsächlich das Zeitliche segnen. Doch sie deshalb gleich zur „Giftpflanze des Jahres“ zu ernennen, Leute, das geht selbst Nudelfans weit.
Die Pfälzer Kartoffelbauern sind ob des zweifelhaften Titels eher belustigt, denn der vitaminreichen Knolle ist nichts vorzuwerfen, solange etwaige grüne Stellen großzügig mit dem Messer entfernt werden. „Dann is die Beer gschält“, sagt Johannes Zehfuß, der in der Vorderpfalz Kartoffeln anbaut und im Vorstand der pfälzischen Erzeugergemeinschaft sitzt. Wenn es um die Grumbeer geht, ist er ein wandelndes Lexikon.
Im Nachhinein betrachtet, kratzt die unverdiente Ehrung schon ein wenig an der Ehre der Pfälzer Kartoffelerzeuger. Sie knabbern noch daran und finden die Entscheidung eher „unglücklich“: Schließlich könnten überängstliche Verbraucher das Ganze in den falschen Hals bekommen und Kartoffeln vorsichtshalber von ihrem Speiseplan streichen. In der Pfalz wäre das ein Jammer, undenkbar eigentlich – so ganz ohne Grumbeersupp, Grumbeerpannekuche, Gebredelde un Gequellde.
Schwachsinnige Idee
Die Superknolle vom Teller zu verbannen, wäre vollkommen schwachsinnig. „Von allen guten Gaben ist sie das Beste, was wir haben“, rühmt sie Grumbeerspezialist Zehfuß. Und auch der Kabarettist Chako Habekost hat der Kartoffel mit seiner „Ode an die Grumbeere“ ein Denkmal gesetzt.
In der Pfalz gedeiht sie besonders gut auf schweren Lehmböden, und es gibt für jeden Geschmack die passende Kartoffel. Sie ist relativ anspruchslos und hat dafür gesorgt, dass die Menschen seit dem 18. Jahrhundert weniger hungern mussten.
Von etwa 200 Sorten werden laut Zehfuß 15 in der Pfalz angebaut. Er verwendet zum Beispiel die goldgelbe Annabell für seinen Kartoffelsalat und schwärmt von einem flockigen, luftig-leichten Püree aus der besonders mehligen Agria – also dem allerbesten Grumbeerbrei.
Wie die Erährung am besten gesichert wird
Um das vergiftete Kompliment aus Norddeutschland besser zu verdauen, sehen die Pfälzer Erzeuger es als gute Gelegenheit, auf die wichtige Arbeit der Bauern hinzuweisen. Es sei nicht selbstverständlich, dass der Tisch reich gedeckt sei, betont Zehfuß und springt gleich noch dem chemischen Pflanzenschutz in die Bresche. Beregnung und Dünger sowie Mittel gegen Pilzbefall und Schädlinge sorgten für annähernd gleichmäßige Ernten: Und das biete Ernährungssicherheit.
Zehfuß belegt das auch mit dem Kartoffeljahr 2021: Nach dem feuchten Wetter hätte bei reinem Bioanbau der Notstand ausgerufen werden müssen, weil es bei den Biokartoffeln mehr las 70 Prozent Ernteausfälle gab. Die Grumbeere verfaulten im Boden, weil die Kupferspritzungen nicht gegen den Pilz geholfen haben. Doch nun die Frohe Botschaft: Es wurden dennoch ausreichend Kartoffeln geerntet, die jetzt genüsslich gemampft werden können.