Blickpunkt: invasive Arten RHEINPFALZ Plus Artikel Gefahr für unseren Wald aus Fernost und Übersee

Der aus China und Vietnam stammende und bis zu 35 Meter hohe Götterbaum gilt als eines der am schnellsten wachsenden Gehölze übe
Der aus China und Vietnam stammende und bis zu 35 Meter hohe Götterbaum gilt als eines der am schnellsten wachsenden Gehölze überhaupt. Nach 20 Jahren kann der Laubbaum stattliche 20 Meter groß sein. Sein Vorteil: Er kann auf trockenen, nährstoffarmen Böden gedeihen. Wo er mal ist, lässt er sich nur sehr schwer bekämpfen, da er sich nicht nur über Samen, sondern auch Stockausschlag und Wurzelbrut verbreitet. Er macht sich breit und verdrängt andere Baumarten.

Götterbaum. Toller Name. Man stellt sich darunter etwas Großartiges vor. In Wahrheit ist er aber eher nervig. Wie Springkraut, Kermesbeere, Goldrute und Robinie gehört der Götterbaum zu den invasiven Arten. Diese Pflanzen wurden aus der Ferne eingeschleppt und breiten sich hier aus. In den Wäldern der Rheinebene wuchern sie schlimmer als im Pfälzerwald. Förster beobachten das kritisch.

Je weiter weg die eigentliche Heimat liegt, desto invasiver breitet sich die Pflanze bei uns aus. Eine Regel? „Ja, es scheint fast so“, sagt Förster Volker Westermann vom Forstamt Pfälzer Rheinauen. „Das gilt nicht für alle Pflanzen, aber zumindest für die, die uns Sorgen bereiten.“ Der Götterbaum kommt aus China. Die Robinie aus Nordamerika. Das Springkraut aus dem westlichen Himalaya. Alles exotische Pflanzen, die sich hier superwohl fühlen. Möglicherweise zu wohl. Förster betrachten das expotenzielle Wachstum dieser Pflanzen jedenfalls kritisch.

„Die Angst ist da, dass diese Arten die heimische Flora verdrängen, die es klimabedingt ohnehin schwer hat“, sagt Westermann. In der Vorderpfalz kämpfen Kiefern und Buchen ums Überleben, während der Götterbaum in den Himmel wächst und die Robinie Wurzeln schlägt. „Man könnte jetzt sagen: Prima, zum Glück wächst überhaupt noch etwas. Aber so einfach ist das nicht“, meint der Förster. Denn das hiesige Ökosystem kann mit den Exoten aus Asien und Amerika recht wenig anfangen.

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Förster Volker Westermann.
Förster Volker Westermann.

Das Ökosystem Wald ist ein Lebensraum, der von einer Gemeinschaft verschiedenster Tier-, Pflanzen- und Pilzarten bewohnt wird, die alle ihre Aufgabe darin übernehmen. Insekten fliegen bestimmte Pflanzenblüten an. Pilze stehen auf einen speziellen Baum. Vögel machen sich über die Beeren ihres Lieblingsstrauchs her. Bestäuben, Saatgut verteilen, Totholz zersetzen – der Kreislauf bleibt intakt, das Ökosystem stabil.

Einfach rausreißen, geht nicht

„Baum- und Pflanzenarten, die von weit her kommen, die viele Grenzen überwunden oder einen Ozean überquert haben, passen in dieses Ökosystem nicht hinein. Auf sie steht kaum ein heimisches Insekt und kaum ein hiesiger Pilz. Keiner mag so richtig ihre Beeren“, erklärt Westermann. Es gelte im Wald eben das Gesetz des Örtlichen. Und die Frage sei, was passiert, wenn wir bei uns den Wald der Natur überließen. Hätten wir bald riesige Wälder mit Scheinakazien und Götterbäumen und untendrunter wächst die Kermesbeere? Übernähmen die Neophyten die Regie und verdrängten alle anderen Baumarten? „Das will eigentlich keiner. Deshalb gestalten wir Förster immer noch unseren Wald und versuchen darin, die richtigen Schwerpunkte zu setzen.“

Die Amerikanische Kermesbeere ist eine bis zu drei Meter hohe Staude. Die Pflanze ist bereits seit dem 17. Jahrhundert in Europa
Die Amerikanische Kermesbeere ist eine bis zu drei Meter hohe Staude. Die Pflanze ist bereits seit dem 17. Jahrhundert in Europa bekannt. Insbesondere in aufgelichteten Wäldern gedeiht die Staude.

Einfach rausreißen und fällen, was nicht hierher gehört, das geht leider nicht. Diese leidvolle Erfahrung hat Försterin Paula Hochscheidt gemacht. Sie ist im Haus für Nachhaltigkeit in Johanniskreuz für Waldinformation, Umweltbildung und Walderleben zuständig. Sie betreut aber auch ein kleines Revier, das Forstgut Sattelmühle. Es gehört einer Stiftung, die naturnahe Forstwirtschaft fördert. Aber nicht deshalb macht sich die Kermesbeere auf einer Kahlfläche des Reviers breit. Naturnah heißt schließlich nicht, dass kreuz und quer alles wachsen soll, was wachsen will. „Kluger Naturschutz sieht es als seine Aufgabe, Wald und Flur zu schützen und für kommende Generationen zu erhalten“, sagt Paula Hochscheidt. Und eigentlich würde sie „ihren“ Wald gerne ohne Kermesbeere in die Zukunft führen. „Aber wo sie mal wächst, lässt sie sich nicht einfach entfernen. Ihre Rübe sitzt tief im Boden. Radikal abmähen, bringt also nichts. Das wäre ein Kampf gegen Windmühlen.“ Paula Hochscheidt versucht, mit schattentragenden Buchen der Kermesbeere Licht zu nehmen. Damit sie sich nicht noch weiter ausbreitet. So versucht sie, Wald zu gestalten. Fürs Ökosystem. Für die Zukunft Wald.

Försterin Paula Hochscheidt
Försterin Paula Hochscheidt

„So etwas geht im Pfälzerwald, wo die Welt noch einigermaßen in Ordnung ist“, sagt Westermann. „Bei uns würden die Rotbuchensetzlinge absterben, bevor sie auch nur ein Fleckchen Schatten spenden.“ Die Vorderpfalz wird immer heißer und trockener. Der Klimawandel macht es Neophyten leicht, heimischen Baumarten dagegen schwer. Die Waldflächen sind kleiner und lichter. Die Angriffsflächen für Götterbaum, Robinie und Kermesbeere sind größer. Welche Schwerpunkte können Förster hier überhaupt setzen, um Wald zu gestalten und das Ökosystem zu erhalten?

Außer zu versuchen, heimische Baumarten zu unterstützen und zu erhalten, gibt es noch eine Idee. „Es gibt Baumarten, die eher hierher passen könnten, weil sie geografisch und vegetationsgeschichtlich nicht so weit weg liegen. Arten, bei denen es Zusammenhänge gibt und die sich nicht so invasiv ausbreiten würden. Flaumeiche und korsische Kiefer könnten solche Exemplare sein. Oder die Baumhasel. Oder die Orient-Buche, die im Kaukasus wächst. Bäume aus dem südlichen Kontaktbereich, die eine ähnliche Flora und Fauna aufweisen“, sagt Paula Hochscheidt.

„Die Arten leben oft mit den gleichen Pilzen und Insekten wie unsere heimischen Arten zusammen. Der Edelreizker, ein Pilz, kommt an Kiefern in Italien wie an unseren Kiefern vor. Das ist ein Fingerzeig, dass es klappen könnte, solche Arten hier zu integrieren, ohne die heimischen ganz aufzugeben“, sagt Volker Westermann. Aber es gebe in dieser Hinsicht auch noch Forschungsbedarf.

Kein Wald ohne Kermesbeere

Götterbaum, Robinie und Kermesbeere werden in den Wäldern der Zukunft – ob nun in der Rheinebene oder im Herzen des Pfälzerwalds – ebenfalls vorkommen. „Komplett zurückdrängen können wir diese invasiven Arten nicht mehr, der Zug ist abgefahren“, sagt Volker Westermann. „Dafür haben sie zu wenige Gegenspieler.“ Eine junge Eiche werde zum Beispiel von Rehen angeknabbert. Der leicht giftige Götterbaum nicht. Außerdem haben viele Neophyten eine sehr effiziente Art, sich auszubreiten. Nur ein bisschen Grünabfall in den Wald gekippt – das reiche schon aus, damit sich eine unbeliebte nichtheimische Pflanze an dieser Stelle breit macht. Beim Götterbaum etwa sind nicht nur die Samen gefährlich, aus fast jedem Teil der Pflanze kann ein neuer Baum wachsen.

Die Robinie oder Scheinakazie verändert den Boden um sich herum, indem sie ihn mit Stickstoff anreichert. Für heimische Pflanzen
Die Robinie oder Scheinakazie verändert den Boden um sich herum, indem sie ihn mit Stickstoff anreichert. Für heimische Pflanzen ist das nicht gut.

„Der Götterbaum hat zunächst als Zierbaum in den Gärten Karriere gemacht, jetzt wuchert er im Wald“, sagt Westermann. „Auch noch ein Nachteil, den ihr in der Vorderpfalz habt“, entgegnet Paula Hochscheidt. „Die dichte Besiedlung. Da breitet sich schnell mal etwas aus, was eigentlich nur im Garten wachsen sollte.“ Westermann nickt. In der Tat sei auch das ein Problem.

Japanischer Staudenknöterich, Riesen-Bärenklau, Drüsiges Springkraut, Kanadische Goldrute – alles Pflanzen, die auf diese Art in den Wald gewandert sind. Beziehungsweise sich auf Wiesen und an Flussläufen angesiedelt haben. „Ihr prägnantes und starkes Wachstum ist einerseits bewundernswert, andererseits beunruhigend“, sagt Westermann. In ihren Heimatländern, so vermutet der Förster, haben es diese Arten nicht so leicht. „Ich war in den Appalachen. Dort kommt die Robinie ursprünglich her. Dort sieht man sie mal hier und mal dort. Aber nicht unverhältnismäßig oft. Sie stellt kein Problem dar, sondern ist Teil des dortigen Ökosystems.“

Im Rhein-Pfalz-Kreis sieht man die Robinie oft im Maxdorfer Wald. Etwas zu oft. Doch Westermann hat hier noch etwas anderes entdeckt. Unter der Robinie kommen heimische Bäume hoch wie Birke, Buche und Eiche. Noch seien die Bäume jung. Aber vielleicht schaffen sie es, weiter zu wachsen. „Natur hat ihre eigene Mechanismen, das macht uns immer noch Hoffnung“, sagt Westermann. „Zumindest wenn man in langen Zeiträumen denkt, denn da repariert die Natur so einiges.“

Das Wurzelgeflecht der Goldrute ist so dicht und ihr Ausbreitungsdrang so groß, dass sie als invasiver Neophyt die Artenvielfalt
Das Wurzelgeflecht der Goldrute ist so dicht und ihr Ausbreitungsdrang so groß, dass sie als invasiver Neophyt die Artenvielfalt etwa auf Trockenrasen und Brachflächen erheblich vermindern kann.

Wer passt ins Ökosystem?

„Außerdem sind viele schlaue Köpfe daran, zu eruieren, welche Baumarten unserem Ökosystem Wald guttun und sich auch gegenüber invasiven Arten durchsetzen könnten“, sagt Paula Hochscheidt und verweist auf die Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft in Trippstadt. Wald gestalten und Schwerpunkte setzen – wenn nötig auch mit Hilfe und Unterstützung von Anbauempfehlungen. „So lange das geht, werden kluge Förster das tun“, meint Westermann. „In der Rheinebene werden wir mehr für gesunde Wälder kämpfen müssen als im Pfälzerwald.“

„Ja, wir sind zum Glück noch besser dran“, bestätigt Paula Hochscheidt. „Aber wie lange noch?“ Dem ersten Chinesischen Blauglockenbaum, den sie in ihrem Revier gesehen hat, hat sie jedenfalls radikal den Garaus gemacht. „Ich habe mich so erschrocken, als ich ihn erblickte. Und ich frage mich immer noch: Wie ist er da bloß hingekommen?“ Auch der Blauglockenbaum gelte inzwischen als invasiv. „Wehret den Anfängen, sage ich da nur“, meint die Försterin. Denn wie war das noch mit der Regel? Je weiter weg die eigentliche Heimat liegt ...

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