Weiterbildung
Wegen Corona: Volkshochschulen verlieren drastisch an Zuspruch
Die Kamera neben dem Lehrerpult folgt jedem Schritt, den Jutta Jacobs geht, und fängt jede Geste ein. In Echtzeit werden die Bilder der Dozentin ins Arbeitszimmer der Online-Teilnehmer übertragen. Während manche von zu Hause aus beim Englischunterricht mitmachen, sitzen zur gleichen Zeit eine Handvoll Leute im Kursraum der Volkshochschule Kaiserslautern.
Niemand will tanzen lernen
Seit die Pandemie auch die Weiterbildung erschwert hat, setzt die Volkshochschule auf Hybrid-Unterricht: Kursteilnehmer haben die Wahl, in den Präsenzunterricht zu kommen oder sich von daheim zuzuschalten. Und Jutta Jacobs hat Glück: Ihre Kurse sind gefragt. Ganz im Gegensatz zu den Ballettstunden ihrer Kollegin Michaela Messinger. Für ihre Tanzkurse gibt es keine Anmeldungen. „Es läuft nicht gut“, sagt die Dozentin. Und mit diesem Problem ist sie nicht allein.
Vorsicht und Vorkehrungen
Nach den Sommerferien sind auch die 65 Volkshochschulen in Rheinland-Pfalz ins neue Semester gestartet. Doch es ist ein holpriger Start mit Vorsicht und Vorkehrungen. Viele Präsenzkurse werden unter Vorbehalt und je nach Veranstaltung mit reduzierter Teilnehmerzahl angeboten. Kursorganisation und Teilnehmermanagement stellen die Mitarbeiter vor große Herausforderungen. Die Suche nach größeren Räumen für Bewegungs- und Sportkurse läuft nicht immer erfolgreich. Viel Werbung ist nötig, um den Leuten wieder Lust auf Weiterbildung zu machen.
Fast überall gilt „3 G“
Fast alle Volkshochschulen haben die 3-G-Regel auch auf Bereiche ausgeweitet, in denen sie laut Landesverordnung gar nicht Vorschrift ist. „Wir möchten so alle Beteiligten bestmöglich schützen“, erklärt Stefanie Indefrey, Leiterin der Volkshochschule Ludwigshafen. Sie berichtet, dass gerade ältere Menschen es als Geschenk empfänden, wieder in die Präsenzkurse kommen zu können. Allgemein erfolgten die Anmeldungen aber zögerlich. Das berichten sowohl große als auch kleine Volkshochschulen.
1500 Anmeldungen statt 3500
Normalerweise erreichen uns in den ersten Wochen rund 3500 Anmeldungen. In diesem Semester sind es gerade einmal 1500“, sagt Michael Staudt, Direktor der Volkshochschule Kaiserslautern. Im Jahr 2020 zählte der Landesverband der Volkshochschulen in Rheinland Pfalz 42 Prozent weniger Teilnehmer als in den Jahren vor Corona. Ein Trend der sich 2021 fortsetzt. „Die Menschen sind verunsichert. Viele Teilnehmende gehen nach mehreren Lockdowns und immer neuen Corona-Verordnungen davon aus, dass die Kurse nicht störungsfrei verlaufen, und verzichten deshalb auf eine Buchung“, erklärt Susanne Lietz, Mitarbeiterin der Volkshochschule Neustadt. Andere Gründe, so die Mutmaßungen der Einrichtungsleiter, seien die Angst vor Ansteckung, finanzielle Engpässe oder eine durch Corona entstandene Bequemlichkeit.
Viele Stammkunden bleiben treu
Welche Kurse sind besonders stark davon betroffen, welche weniger? Gefragt sind in diesem Semester laut Susanne Lietz vor allem Klassiker wie Sprachunterricht oder Yoga und Rückengymnastik. Außerdem seien unter den Anmeldungen sehr viele Stammkunden. „Vor allem unsere Stammdozenten erfreuen sich einer großen Nachfrage. Die Kurse sind hier oft nicht nur Lern-, sondern auch Kontakt- und Begegnungsangebote“, sagt sie. Die aus Drittmittel geförderten Angebote wie Integrationskurse liefen ebenfalls gut. Genauso Lernangebote für Schüler, die Rückstände aufholen wollen. Ähnliches berichten die Volkshochschulen in Landau, Ludwigshafen und Kaiserslautern. Bildungsangebote in den Bereichen Kunst und Kultur oder Hobby-Kurse seien dagegen kaum gefragt.
„Das ist kein schönes Gefühl“
Besonders hart trifft das Dozenten wie Tanzlehrerin Michaela Messinger. Sie bietet in Kaiserslautern Ballettunterricht für Kinder und Erwachsene an. Weil sich niemand dafür interessiert, starten die Kurse nun erst nach den Herbstferien — sollte sich bis dahin jemand anmelden. „Das ist kein schönes Gefühl“, sagt Messinger. „Gerade Kinder haben durch die Pandemie ein großes Bewegungsdefizit. Das würde ich gerne ausgleichen.“ Sie beobachte, dass die Leute seit Corona neue Prioritäten setzen. Sie würden abwägen, welche Kurse nötig sind und welche nicht. Hinzu kommt, dass Michaela Messinger neu an der Volkshochschule Kaiserslautern ist. „Die Menschen kennen mich nicht. Das macht es für mich zusätzlich schwer“, erklärt die 54-Jährige, die in den letzten Monaten auf finanzielle Hilfe angewiesen war. Als Friseurmeisterin und Tanztherapeutin im Nebenberuf waren ihre Einnahmen weggebrochen. Auch andere Volkshochschulen berichten von Kursausfällen. Viele Kursleiter hätten hohe Honorarausfälle hinnehmen müssen und litten weiter unter der Krise, berichtet Susanne Lietz.
Dramatische Lage für Dozenten
Die rückläufigen Teilnehmerzahlen sind für alle dramatisch: für die Dozenten, die Schulen und die Gesellschaft. Denn weniger Teilnehmer bedeuten weniger Einnahmen. Viele Einrichtungen mussten deshalb auf ihre Rücklagen zurückgreifen, um sich über Wasser halten zu können. Kommunale Zuschüsse, Unterstützung von Land und Bund, aber auch Spendengelder konnten die Not der Schulen zwar mildern, aber nicht bannen.
Besonders kleine oder als Verein geführte Volkshochschulen haben es laut Landesverband derzeit schwer. Und nicht nur finanziell drückt der Schuh: „Wir haben viele Kursleiter verloren, die sich anderweitig orientiert haben. Jetzt suchen wir händeringend neue Dozenten, um unser Programm halten zu können“, berichtet Sigrid Gensheimer, Leiterin der Volkshochschule Landau. Die rückläufige Entwicklung sei auch gesellschaftspolitisch schwierig: Volkshochschulen stehen für Teilhabe durch Weiterbildung. Und die müsse gewährleistet bleiben, betont Mareike Schams vom Landesverband. Durch die Pandemie seien aber sowohl Teilnehmer als auch Angebote verloren gegangen.
Eine Idee: Hybrid-Unterricht
Um dem Problem entgegenzuwirken, bieten einige Volkshochschulen neben Online-Kursen inzwischen auch Hybrid-Unterricht an. Vorreiter der hybriden Kurse in Rheinland-Pfalz ist nach eigenen Angaben die Volkshochschule Kaiserslautern. Der entscheidende Vorteil gegenüber reinem Online-Unterricht: Die Teilnehmer zu Hause können aktiv am Geschehen vor Ort teilnehmen.
Möglich macht das die Technik im Raum. „Wir sind unter anderem mit einem digitalen Tafelsystem ausgestattet, einem sogenannten Touch-Panel. Der Clou: Es ist Tafel und Bildschirm in einem“, erklärt Jutta Jacobs. Die Präsenzschüler sehen die Online-Teilnehmer und umgekehrt, alle können miteinander in Dialog treten. Zudem können die Leute zu Hause genauso an die Tafel schreiben wie die Teilnehmer vor Ort. Via Zoom, einem Videokonferenzsystem, wird der Unterricht übertragen. „Die Hybrid-Kurse sind eine fantastische Lösung, auch in diesen Zeiten Kurse anzubieten“, sagt Jacobs.
In Kaiserslautern 200 Dozenten geschult
Damit würden auch mehr Teilnehmer erreicht als mit dem klassischen Online-Unterricht. „Wer nicht allein sein möchte oder kein Geld für die technische Ausstattung zu Hause hat, kommt in den Präsenzunterricht. Wer sich dagegen vor Ort unsicher fühlt oder sich die Zeit für die Anfahrt sparen möchte, nimmt online teil“, erklärt die Dozentin.
200 Dozenten wurden laut Direktor Michael Staudt geschult, sieben Räume mit entsprechender Technik für jeweils rund 6000 Euro ausgestattet. Eine Investition, die sich allerdings nicht jede Einrichtung leisten kann. Der Digitalisierungsschub dagegen hat alle Schulen erreicht: Online-Angebote wurden ausgebaut, digitale Kompetenzen der Mitarbeiter erweitert und neue Formate und Veranstaltungen etwa über Social Media ausprobiert. Die Volkshochschulteams sind sich einig: In diesem Fall hat Corona auch etwas Positives bewirkt. „Das Beste für uns, das wir in der Krise erfahren haben, ist aber nicht die Digitalisierung, sondern die Erfahrung, welche Berge man versetzen kann, wenn alle an einem Strang ziehen“, betont Susanne Lietz.
Zuversicht: Die Leute werden zurückkommen
Stichwort Miteinander: Das spiele an Volkshochschulen generell eine wichtige Rolle, sagen die Dozenten und Einrichtungsleiter. Deshalb werden Präsenzkurse, trotz aller Neuerungen, immer die wichtigste Angebotsform bleiben. Es brauche Zeit, aber die Leute werden zurückkommen, sind alle optimistisch. Schließlich hätten die Volkshochschulen schon viele Höhen und Tiefen erlebt, auch diese Krise würden die Einrichtungen überstehen.