Kolumne
Kräftige Stupser: So hat der Schweinehund in der Corona-Krise keine Chance
Sind Sie ihm schon begegnet? Ganz bestimmt! Denn er ist das Tier dieser verflixten Corona-Krise: der Schweinehund. Oder genauer: der innere Schweinehund. Natürlich gab es den auch schon vor Corona. Aber erst mit der Pandemie hat er sich so richtig groß und breit gemacht. Dieser Schweinehund.
Ausgangssperre und Kontaktbeschränkungen, geschlossene Vereinsturnhallen und Fitnessstudios, abgesagte Wanderungen und Lauftreffs. Dazu Homeoffice statt des regelmäßigen 20-minütigen Fußwegs zum Arbeitsplatz. In der Konsequenz fehlt es an Bewegung.
Die Sitzenbleiber-Kultur
Zugegeben: Schon vor Corona war dies so. Eine Untersuchung der Sporthochschule in Köln hat gezeigt, dass die Deutschen im Mittel siebeneinhalb Stunden pro Tag sitzen, die jungen Erwachsenen sogar fast neun Stunden. Aber seit Corona den Alltag lähmt, ist diese Sitzenbleiben-Kultur noch ausgeprägter: der beliebteste Ort dafür ist das Sofa vor dem Fernseher, auf dem ein Corona-„Brennpunkt“ nach dem anderen zu sehen ist. Da gibt es kein Entrinnen – auch nicht vor den Verlockungen kalorienreicher Knabbersachen.
Seit März waren die Hütten im Pfälzerwald geschlossen, es fehlte deshalb an Zielen für den Sonntagsausflug zu Fuß oder mit dem Rad. „Lohnt doch nicht“, sagt der Schweinehund. Und stattdessen wenigstens etwas Gymnastik mit ein paar Liegestützen im Wohnzimmer? Da stöhnt der Schweinehund auf, schmeichelt und lockt: „Warum denn ausgerechnet jetzt? Morgen ist doch auch noch ein Tag.“ Das ist einer der Lieblingssätze des Schweinehunds.
Der Rat der Wissenschaftler
Finnische und deutsche Wissenschaftler haben jetzt gezeigt, wie man mit „Self-Nudging“ gegen den Schweinhund vorgeht. Die Nudges – zu Deutsch: Stupser – helfen uns dabei, selbst gesteckte Ziele zu erreichen. Als ein ganz einfaches Mittel empfehlen die Wissenschaftler, in der Wohnung Erinnerungen und Hinweise für sich selbst zu platzieren. Also: Beispielsweise sich die Wanderschuhe direkt vor das Bett zu stellen. Oder sich ein Foto von Donnersberg, Kalmit und den südpfälzischen Altschlossfelsen an den Badezimmerspiegel zu heften.
Schon etwas komplizierter und raffinierter ist eine andere Methode, sich selbst einen Stupser zu geben. Die Wissenschaftler raten dazu, sich etwas Druck und Selbstverpflichtung mittels sozialer Verträge aufzubauen. Indem man sich beispielsweise als strikter Gegner von Windkraftanlagen im Pfälzerwald gegenüber einem Freund oder einer Freundin zu einer Spende an den Bundesverband Windenergie verpflichtet, wenn man einmal wieder die Joggingrunde ausfallen lässt.
Schlappe für den Schweinehund
Ob das mit den Selbst-Stupsern aber tatsächlich funktioniert? Samuli Reijula, Philosoph an der Universität Helsinki und einer der Autoren der Studie, ist davon fest überzeugt: „Wir alle haben in unseren Köpfen und Körpern verschiedene Bedürfnisse und Wünsche, die ständig miteinander in Verhandlung treten; Self-Nudging kann dabei helfen, bewusster mit diesen inneren Verhandlungsprozessen umzugehen.“ So macht man dem Schweinehund das Leben zumindest um einiges schwerer.
Was das Schicksal zweier armer Hausschweine lehrt
Im Nachhinein betrachtet waren es vielleicht solche Selbst-Stupser, die diese Woche vier richtige Schweine in Bewegung brachten. Zumindest sprangen sie bei Alzey während der Fahrt aus einem Anhänger, in dem sie ein 61-jähriger Mann aus Köln zu ihrem neuen Besitzer bringen wollte. Der Anhänger hinter dem Pkw des Kölners sei für einen Viehtransport völlig ungeeignet gewesen, sagt die Polizei, was die Flucht der Hausschweine wohl begünstigte. Doch die Geschichte hat kein Happy End: Bei einem durch die ausgebüxten Schweine verursachten Auffahrunfall wurden vier Menschen verletzt, zwei Tiere kostete die Karambolage letztlich das Leben.
Was diese traurige Episode uns lehren kann? Vielleicht dies: Wer nach der langen Coronapause endlich dem Schweinehund davonzulaufen vermag, der sollte sich eher vorsichtig in den Alltag zurücktasten und nicht gleich übermütig lossprinten. Bleiben Sie gesund – gerade auch in den jetzt beginnenden Zeiten der Lockerungen.