Neustadt / Ketsch RHEINPFALZ Plus Artikel Invasive Art in der Pfalz: Aggressive Ameisen im Anmarsch

Präparat einer Ameise der Art Tapinoma magnum.
Präparat einer Ameise der Art Tapinoma magnum.

Beinahe unbeobachtet unterwandern Ameisen aus dem Süden ganze Gemeinden in der Region. Im badischen Ketsch hat sich eine Superkolonie der Art Tapinoma magnum breitgemacht und drangsaliert Friedhofsbesucher. Eine nachhaltige Bekämpfung ist kaum möglich. Auch in der Pfalz haben sich die Zuwanderer bereits festgesetzt.

Nachdem andere Versuche gescheitert waren, rückten die Schädlingsbekämpfer schließlich mit großem Gerät an: mit einem Tank voll heißen Wassers, das mit einem speziellen Schaum versetzt war. Großflächig fluteten sie Pflaster und Wege im badischen Ketsch (Rhein-Neckar-Kreis) und hofften, dass die in Fugen und Ritzen versickernde Flüssigkeit den Krabblern den Garaus machen würde. In der Rheingemeinde unweit Speyer haben sich auf und um den Friedhof unliebsame Zuwanderer aus dem Mittelmeerraum breitgemacht: Ameisen der Art Tapinoma magnum durchwühlen dort großflächig den Untergrund.

Betroffen sind acht Hektar des Gemeindegebiets, berichtet der Ketscher Umweltbeauftragte Dominique Stang, auch Privatgrundstücke. Bereits im Jahr 2019 sei diese südlichen Ameisenart auf dem Gottesacker entdeckt worden. Seitdem hätten sich die Tiere massiv ausgebreitet. Mit herkömmlichen Methoden sei ihnen kaum beizukommen. Und ob die Flächenspülung, die einige Male wiederholt werden soll, wirklich Erfolg hat, werde man erst Ende des Jahres wissen, sagt Stang, der gegen die sechsbeinigen Invasoren zu Felde zieht.

Bissige Eindringlinge

Gewähren lassen will er die Eindringlinge nicht. Denn die Tiere seien heimischen Ameisen weit überlegen: physisch stärker, mit effizienten chemischen Waffen ausgerüstet und zudem einigermaßen winterhart, würden sie die ortsansässige Konkurrenz gnadenlos ausschalten. Sie unterhöhlten Gehwege und Grabeinfassungen. Und sie drangsalierten Friedhofsbesucher. „Die Tiere sind bisswütiger als heimische Arten“, sagt Stang. Bei der Grabpflege habe man schnell eine Menge von ihnen auf den Händen sitzen. Das sei sehr unschön.

Slowenische Forscher berichten von massiv geplagten, trauernden Angehörigen auf dem Friedhof der adriatischen Hafenstadt Izola. Dort hätten sich Kolonien von Tapinoma magnum sogar unter Grabplatten eingenistet. Wer die Nester störe, weil er an der Ruhestätte werkle, werde attackiert. Mittels chemischer Botenstoffe würden die dann „hochaggressiven“ Tiere zu Tausenden gegen den vermeintlichen Angreifer mobilisiert.

Wer andern eine Grube gräbt

Die Belästigungen sind das Eine. Aber auch der sprichwörtliche Fleiß der Ameisen hat ungute Nebenwirkungen. „Das Problem sind ihre massiven Schachtarbeiten“, sagt Bernhard Seifert. Der promovierte Insektenkundler ist Ameisenexperte am Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz. Die Tiere würden Unmengen von Material nach oben transportieren und so Gehwege, Türschwellen, Stromkästen und anderes unterminieren. Nestausgänge sähen aus wie Krater in der Landschaft. Die Reparaturkosten seien erheblich, sagt Seifert, der Ameisen sehr schätzt: „Aber diese will ich nicht bei mir am Haus haben, nicht auf meinem Grundstück und auch nicht in meiner Stadt.“

Doch er macht sich keine Illusionen: Stoppen können man Tapinoma magnum nicht, allenfalls eindämmen. Denn zum Einen gebe es bisher kein wirksames Mittel gegen die Tiere. Und zweitens sei das ganze Wesen dieser Art von der Natur aus auf Ausbreitung getrimmt, sie sei „superkolonial“: In einer Kolonie gebe es nicht eine, sondern Tausende Königinnen gleichzeitig. Die Nester können sich somit immerzu aufspalten und ausbreiten, „wie ein Flächenbrand“ entstünden Super-Kolonien, sagt Seifert.

Gigantische Superkolonien

Um eine Kolonie zu starten, reichten selbst wenige Individuen aus – was für die Bekämpfer im Umkehrschluss bedeute, dass sie möglichst alle Tiere erwischen müssten. Noch dazu würden die Tapinoma-Weibchen von den Männchen im Nest begattet, was sehr viel erfolgversprechender sei als zu Schwärmen wie es die heimischen Ameisen tun. In Verbindung mit ihrer Frosthärte und Wehrhaftigkeit sei diese invasive Art „mittelfristig nicht in den Griff zu bekommen“, meint Seifert: „Die Schäden an der Infrastruktur werden sich häufen.“ Leider würden die Behörden diesem Problem keine Aufmerksamkeit schenken, ein Monitoring invasiver Ameisenarten fände im Grunde nicht statt.

Dabei ist Tapinoma magnum längst auch in der Pfalz angekommen. Der Ingelheimer Ameisen-Kenner Gerhard Heller hat nach eigenen Worten bereits im Jahr 2009 die Tiere in Rheinhessen, dann aber in Edesheim (Kreis Südliche Weinstraße) entdeckt, später in Hanhofen (Rhein-Pfalz-Kreis). In besonders großer Anzahl eingenistet hätten sich die emsigen Tunnelbauer jedoch in Neustadt, etwa in den Stadtteilen Hambach und Lachen-Speyerdorf – ein Befund, der der Stadtverwaltung auf Anfrage offenbar neu ist. Und darauf schließen lässt, dass sich Ausbesserungsarbeiten am Pflaster offenbar in Grenzen halten.

Bisher noch nicht im Freiland

Noch, denn auch der gebürtige Pfälzer Heller weist auf die enorme Ausbreitungsgeschwindigkeit von Tapinoma magnum hin. Eingeschleppt worden sei die Art aus dem Süden höchstwahrscheinlich mit Kübelpflanzen wie Olivenbäumen. Daher seien Ausgangspunkte der Invasion oft Baumschulen und Pflanzencenter. Von dort gelangten die Tiere mit dem Grünzeug in Gärten und auf Friedhöfe. Vor allem in trockener, steiniger Umgebung fühlten sie sich wohl. Weshalb der Ketscher Umweltbeauftragte Stang Grundstücksbesitzern dringend von Steingärten abrät und vielmehr Mut zum Grün fordert. Tapinoma meide dichten Bewuchs feuchte Orte.

Was möglicherweise dazu beigetragen hat, dass sich die Super-Kolonien noch auf Siedlungsflächen beschränken und nicht ins Umland ausgegriffen haben. Ob das so bleibt, ist angesichts der klimabedingt zunehmenden Trockenheit fraglich. So oder so: Tapinoma magnum ist ein kostspieliger Gast. Die erste Welle ihrer Bekämpfung lässt sich Ketsch rund 40.000 Euro kosten.

Zum Problem für die Infrastruktur kann die Bautätigkeit der Invasoren werden. Superkolonien von Tapinoma magnum unterhöhlen Gehw
Zum Problem für die Infrastruktur kann die Bautätigkeit der Invasoren werden. Superkolonien von Tapinoma magnum unterhöhlen Gehwege und Bauwerke.
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