Landeshauptstadt Mainz
Ein Ort voller Leben – Spaziergang über einen der schönsten Friedhöfe Deutschlands
Der Hauptfriedhof der Landeshauptstadt gehört zu den schönsten Friedhöfen in Deutschland. Im Jahr 2005 wurde er in die Liste der bedeutendsten Friedhöfe Europas aufgenommen, 2012 wurde er beim Bestattungen.de-Award zur drittschönsten Begräbnisstätte in Deutschland gewählt. Schöner waren laut der Liste der Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg und der Waldfriedhof in München. 2016 schaffte es Mainz nochmal in die Top 5.
Ein Rabe und ein Zeitungsleser
Ein Spaziergang durch das Areal gleicht einem Spaziergang durch die Mainzer Stadtgeschichte. Die architektonische Bandbreite der Gräber ist enorm. Barocke, neugotische und neoklassizistische Denkmäler reihen sich an einfache Sandsteingräber, an Denkmäler für Kriegsopfer und an Urnengräber. An einem Vormittag unter der Woche ist nicht viel los auf dem Mainzer Hauptfriedhof, ein paar ältere Damen zupfen Unkraut auf den Gräbern, ein Mann sitzt auf einer Parkbank und liest Zeitung. Ein schwarzer Rabe fliegt von Grabstein zu Grabstein und beäugt die menschlichen Besucher.
Vorbild für Père Lachaise
1803 wurde der Hauptfriedhof Mainz offiziell gegründet, wie die Stadt es nennt. „Nach unserem Kenntnisstand ist der Grabstein der Familie Georg Michael Sieglitz, gestorben im Jahr 1833, der älteste erhaltene Grabstein. Er ist in der Denkmaltopographie von Rheinland-Pfalz geführt“, sagt Mario Bast, Pressesprecher der Stadt Mainz. Als Begräbnisstätte diente der Platz aber schon deutlich länger – vermutlich seit der Gründerzeit der Stadt Mainz. Im Jahr 1804 war der Mainzer Hauptfriedhof dann das Vorbild für den neu angelegten Friedhof Père Lachaise in Paris, den wohl legendärsten aller europäischen Friedhöfe.
Die Gruftenstraße am Hang des Berges verleiht dem Ort einen morbiden Charme, unterirdische Grabkammern, überbaut mit Rundtempel oder anderen kleinen Gebäuden. Die meisten Gruften auf dem Mainzer Friedhof entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der Zeit des aufstrebenden Bürgertums, als viele Familien den Wunsch nach einer standesgemäßen Familiengrabstätte hatten. So finden sich viele bekannte Namen auf den kleinen Denkmälern: Die Sektdynastien Kupferberg und Henkell, auch die Familie Schott, Gründer des Musikverlags, oder Familie Alexander, Hersteller von Musikinstrumenten. Bis weit in das 20. Jahrhundert waren die Gruften in Privatbesitz, mittlerweile wurden viele zurückgegeben. Die Pflege und Instandhaltung der Gräber ist teuer und aufwendig, sie stehen unter Denkmalschutz.
Patenschaft gefällig?
Die Stadt Mainz hat daher die Möglichkeit einer Patenschaft geschaffen: Paten beteiligen sich am Erhalt der architektonischen Schmuckstücke und können sich dafür später in „ihrer“ Gruft beerdigen lassen.
Auf dem Gelände des Mainzer Hauptfriedhof steht auch das erste Krematorium Deutschlands, 1903 gebaut und erst 107 Jahre später vom neuen Kreatorium am Haupteingang des Friedhofs abgelöst. Das historische Gebäude mit seiner Kupferkuppel ist ebenfalls denkmalgeschützt.
Nicht nur in der Gruftenstraße sind bekannte Namen zu finden, auf dem Friedhof haben auch einige berühmte Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte gefunden: Fritz Straßmann, Mitentdecker der Kernspaltung, der Motorradrennfahrer Josef Klein, etliche Oberbürgermeister und Bischöfe von Mainz und der Komponist Peter Carl August Cornelius sind hier begraben.
Bocksriemenzunge und Sandstrohblume
Friedhöfe wie der Hauptfriedhof in Mainz bieten zudem einen idealen Lebensraum für Insekten- und Vogelarten. Grund: Friedhöfe gehören zu den artenreichsten Flächen einer Stadt. Die Vegetation auf vielen Grabstätten ähnelt laut der Botanikerin Corinne Buch der von vor über 100 Jahren. Auch die Stadt Mainz möchte die seltenen Pflanzenarten schützen. „Wir finden auf unseren Friedhöfen tatsächlich häufig seltene Pflanzenarten wie die Bocksriemenzunge, eine einheimische und geschützte Orchideenart, die Sandstrohblume, die Königskerze und weitere“, erzählt Mario Bast. Einige der Bäume auf dem Friedhof sind so alt wie die Begräbnisstätte selbst – sie wurden um das Jahr 1803 gepflanzt. Ein Großteil des Baumbestands ist um die 100 Jahre alt.
In der Gruftenstraße lebt eine Wildkatzen-Familie und auf dem gesamten Friedhof gibt es eine große Hasenpopulation. „Viele Besucher kommen auf den Friedhof, um diese Tiere zu füttern, sie haben sich zu einer echten Attraktion entwickelt. Allerdings sind die Tiere sehr scheu“, erzählt Bast. Doch wer ein bisschen Geduld mitbringt und sich auf eine der vielen Bänke setzt, kann die Katzen über die Gruften und Gräber huschen sehen.
Nicht nur für Mainzer
Auf dem Mainzer Hauptfriedhof kann sich übrigens jeder beerdigen lassen, der das möchte – er ist nicht nur Mainzer Bürgerinnen und Bürgern vorbehalten. „Die Friedhofssatzung des Wirtschaftsbetriebes sieht vor, dass unsere Friedhöfe für die Bestattung der Mainzer Einwohner bestimmt sind, die Bestattung anderer Personen bedarf unserer Zustimmung. Aber wir stimmen der Bestattung der Personen gerne zu – in der Regel sind keine Gründe vorhanden, die dagegen sprechen“, erklärt der Sprecher der Stadt.
Platzprobleme hat der Friedhof nicht – trotz der zentralen Lage, nur wenige Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Der Grund: In den vergangenen Jahren hat sich die Bestattungskultur in Deutschland grundsätzlich gewandelt. „Wie im gesamten Bundesgebiet, geht der Trend in Richtung Urnenbeisetzung. Waren es in Mainz Ende der 1990er-Jahre noch ungefähr 70 zu 30 Prozent pro Sargbestattung, so liegen wir jetzt bei etwa 80 zu 20 in Richtung Urne. Tendenz weiter steigend“, erzählt Bast. So seinen in den vergangen Jahren große Freiflächen entstanden und die Nachfrage gehe stark zu naturnahen Grabarten, welche mittlerweile einen großen Teil der Grabvergabe ausmachen würden.
Die Stadt Mainz beschäftigt 54 Mitarbeiter, die sich nur um die Friedhöfe der Stadt kümmern, darunter neun Gärtner und ein Baumkontrolleur. Und auch die Gärtner auf dem Friedhof gehen mit der Zeit: Auf den freiwerdenden Flächen säen sie bienenfreundliche Blumenwiesen an. So wandelt sich das Kleinod mitten in der Stadt immer weiter und bietet neuen Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Ein tröstlicher Gedanke.