Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Drohen uns Waldbrände, die Pfälzer Siedlungen verschlingen?

Verzehrendes Feuer: „Der Haardtrand ist eine der gefährdetsten Zonen in ganz Deutschland“, sagt der Geograph und Waldbrand-Fachm
Verzehrendes Feuer: »Der Haardtrand ist eine der gefährdetsten Zonen in ganz Deutschland«, sagt der Geograph und Waldbrand-Fachmann Christophe Neff.

Auf Wetterdienst-Karten zum aktuellen Waldbrandrisiko leuchtet der Haardtrand oft in alarmierenden Rot-Tönen. Christoph Hämmelmann hat den Feuer-Ökologen Christophe Neff aus Grünstadt gefragt, wie bedroht dort Siedlungen sind, ob die Wehren die richtige Ausrüstung haben – und wie groß die Gefahr für Wanderer im Pfälzerwald ist.

An dieser Stelle finden Sie Umfragen von Opinary.

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Herr Dr. Neff, Waldbrände haben wir in der Pfalz ja immer wieder. Aber dass die Flammen sogar auf Siedlungen übergreifen, das kennen wir bislang nur aus anderen Regionen. Müssen wir damit auch bei uns rechnen?
Ja, ich halte es schon für sehr wahrscheinlich, dass wir in Deutschland mit „Megafire“ – so heißen die großen Waldbrände im internationalen Fachjargon – rechnen müssen. Wir hatten in Deutschland schon große Waldbrände, die sind nur aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden: in den 1970er-Jahren in der Lüneburger Heide zum Beispiel, da hat’s auch Tote gegeben. Oder auch im Schwarzwald, zu Beginn des 19. Jahrhunderts bei Freudenstadt. Und wenn die Waldfläche zunimmt – was in weiten Teilen Deutschlands der Fall ist – steigt einfach das Risiko von großen Waldbränden. Das wäre selbst ohne Klimawandel so, mit Klimawandel wird’s eben noch wahrscheinlicher.

Wie gefährdet ist die Pfalz?
Der Haardtrand ist eine der gefährdetsten Zonen in ganz Deutschland. Es ist hier trocken und warm, außerdem haben wir viel Wald.

Wenn man zum Beispiel nach Bobenheim am Berg oder nach Weisenheim am Berg schaut, da haben wir sehr engen Kontakt zwischen Siedlung und Wald. Die Häuser wachsen praktisch im Wald, oder, wenn man es umgekehrt sehen will, der Wald wächst zwischen Häusern. Und als weitere Besonderheit gibt’s noch die Autobahn.

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

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Moment, Autobahnen gibt’s auch außerhalb der Pfalz ...
Ja, aber die A6 führt zwischen Grünstadt und Kaiserslautern fast komplett durch den Pfälzerwald. Da kommt es leicht zu Böschungsbränden. Wenn die nicht sofort gelöscht werden, kann das schnell zur Katastrophe ausarten. Es gibt da eine Regel aus dem Mittelmeerraum: Wenn man einen Waldbrand nicht binnen 30 Minuten nach Entzündung eindämmt, wird’s sehr gefährlich. Übrigens: Es heißt „nach Entzündung“, nicht „nach Entdeckung“ – das ist oft ein großer Unterschied.

Jetzt versuchen die Feuerwehren bei uns ja durchaus, sich besser zu wappnen – in der Verbandsgemeinde Lambrecht zum Beispiel gab’s größere Übungen, für die kontrolliert Waldbrände gelegt wurden. Passiert da trotzdem insgesamt zu wenig?
Erst mal ist das der richtige Weg. Aber es gibt Defizite. Wir brauchen Löschhubschrauber – eigene, und nicht nur die, die ganz kompliziert bei der Bundeswehr ausgeliehen werden. Irgendwann werden wir auch amphibische Löschflugzeuge brauchen. Die Franzosen haben bei Epinal dauerhaft Löschflugzeuge stationiert, weil sie einen Großbrand in den Vogesen befürchten.

Dass jetzt zum Beispiel die Ortsgemeinde Carlsberg für ihre Feuerwehr ein Löschflugzeug anschafft, halten wir aber doch beide nicht für eine realistische Idee, oder?
Nein, da muss vom Bund und vom Land mehr gemacht werden, da passiert zu wenig. Auf kommunaler und auf Kreis-Ebene bemüht man sich. Aber auch da kriegen die Wehren nicht immer das, was sie gerne hätten. Die sollten alles kriegen, was sinnvoll ist. Es gibt übrigens kleine geländegängige Tanklöschfahrzeuge aus Frankreich, die zum Teil auch in Deutschland hergestellt werden. Es wäre sinnvoll, die auch bei uns anzuschaffen.

Aber wenn es wirklich brennt, ist der Wassertank von so einem Fahrzeug doch ruckzuck leer. Brauchen wir in den Wäldern überall Hydranten?
Das ist eine Utopie, das wird auch in Frankreich nicht gemacht. Aber da werden große Wasserbehälter in den Wald gestellt. Die Stelle wird so freigehalten, dass man diesen Behälter vom Hubschrauber aus oder mit großen Tankfahrzeugen erreichen kann. So können dort dann die kleineren Löschfahrzeuge immer wieder neu befüllt werden.

Bei einem Waldbrand im Gimmeldingen im März ist die Wehr auf zugewucherten Waldwegen steckengeblieben. Muss auch der Forst mehr auf Brandschutz achten?
Die Waldwege müssen natürlich frei sein, und das kostet Geld. Aber das ist sowieso alles ein ganz heißes Eisen, das fängt mit dem Totholz an. Ökologisch ist es sinnvoll, wenn man es drin lässt. Aber wenn Siedlungen gefährdet sind, dann sollte man es besser rausholen.

Donald Trump hat vor ein paar Jahren nach schlimmen Waldbränden in Kalifornien getwittert: Da waren die Behörden vor Ort schuld, weil sie ihre Wälder nicht aufräumen. Hatte der Mann etwa mal recht?
So pauschalisierend kann man es nicht sagen. Aber wenn eine Gemeinde sowieso vom Wald eingeschlossen ist und dann dort noch jede Menge Totholz liegt, dann ist das grob fahrlässig. Stellen wir uns vor, Altleiningen oder Carlsberg sind eines Tages komplett von Feuer umschlossen ... Wenn hingegen weit weg von menschlichen Siedlungen ein bisschen Totholz rumliegt, dann lässt man es halt drin. Ökologisch sind Waldbrände bis auf ganz wenige Ausnahmen kein Problem. Es ist der Mensch, für den sie ein Problem sind. Wenn im Pfälzerwald keine Menschen wären, wär’s egal.

Stimmt es, dass Waldbrände für die Natur sogar gut sind?
Es stimmt zum Beispiel fürs Mittelmeergebiet. Und nach dem großen Waldbrand bei Leuk im Schweizer Wallis 2003 hat sich auch da ein wunderbar verjüngter Wald entwickelt. Auch im Pfälzerwald würde sich nach einem großen Brand sehr wahrscheinlich ein Wald entwickeln, der viel natürlicher und zugleich besser für den Menschen nutzbar ist. Aber es kommt halt darauf an, was man vom Wald erwartet: Wenn man mit ihm ununterbrochen Geld verdienen will, dann kann man nicht warten, dass die Natur so etwas von selbst regelt.

Noch mal zurück zu den Gefahren für uns Menschen: Könnte man von einem Waldbrand überrascht werden, wenn man im Sommer im Pfälzerwald wandert?
Oh, das ist eine gute Frage. Wenn wir wie 2003 oder 2006 eine Trockenperiode von vier bis sechs Wochen haben, dann würde ich sagen: Man muss vielleicht sogar verbieten, dass Leute in den Wald gehen. Das wird dann bestimmt keine Begeisterungsstürme hervorrufen, aber nach Stürmen und Astbruch sagt man ja auch: „Hey, ihr dürft hier jetzt nicht rein, das ist zu gefährlich.“

Lebt in Grünstadt: der Geograph und Waldbrand-Fachmann Christophe Neff.
Lebt in Grünstadt: der Geograph und Waldbrand-Fachmann Christophe Neff.
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