Geilweilerhof
Der Ort, an dem die Reben regieren
Die Piwis sind ein Versprechen für die Zukunft. Denn sie sind weniger anfällig gegenüber Krankheiten. Und das bedeutet, dass sie weniger behandelt werden müssen. Und das wiederum spielt dem Winzer in die Karten, denn der „Green Deal“ der EU sieht eine Halbierung von Pflanzenschutzmitteln bis 2030 vor.
Ohne Neuzüchtung geht es nicht
Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hat ein Plädoyer für die Piwis gehalten und versprochen, dass neue Sorten auch schneller zugelassen werden sollen. „Wir stehen vor massiven Veränderungen im Pflanzenschutz“, berichtete Günter Hoos, Direktor des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum (DLR), bei den Weinbautagen in Neustadt im Januar. Mit Blick auf den Pflanzenschutz sagte Jochen Vestner vom Institut für Weinbau und Oenologie, DLR Rheinpfalz: „Der politische Druck ist da. Die Piwis sind ein Teil der Lösung. Ohne sie sind die Ziele nicht zu erreichen.“ Der Haken bei den Piwis: Bis zur Markteinführung muss mit bis zu 30 Jahren gerechnet werden. Allerdings sollen die Verfahren beschleunigt werden.
In der Pfalz bisher sehr geringer Anteil
Bisher haben die Piwis in der Pfalz einen verschwindend geringen Anteil an den Rebsorten: 3,2 Prozent. Das soll sich ändern. Der Regent hat dabei einen Anteil von 2,1 Prozent. Eine neue, Mitte Januar zugelassene Sorte heißt Felicia. Der Verbraucher kann Felicia schon finden. Das Weingut Schäfer aus Göcklingen verkauft die neue Sorte für 3,90 Euro die Flasche.
Das Gute ist: Der Wein aus Versuchsanbau, wie es auf dem Etikett des 2020er Jahrgangs heißt, lässt sich auf verschiedenen Märkten in der Pfalz erstehen. Die Resonanz beim Endverbraucher ist allerdings verhalten. Am ehesten greifen offenbar noch die Amerikaner auf dem Markt in Kaiserslautern zu.
Entwickelt worden ist die neue Rebsorte in der Pfalz. In Zeiten, in denen alles ganz schnell gehen muss, kommt der Besuch des Geilweilerhofs in Siebeldingen dem Stranden auf einer Insel gleich. Die Uhren ticken beim Ableger des Bundesforschungsinstituts für Kulturpflanzen – das 17 Fachinstitute an zehn Standorten hat – in der lieblichen Südpfalz anders. Am Institut für Rebenzüchtung geben nicht die Menschen den Takt vor, sondern die Pflanzen.
Jahrzehnte bis zum neuen Produkt
Das von Reinhard Töpfer geleitete Institut entwickelt neue Rebsorten. Und das dauert: nicht Monate oder Jahre, sondern Jahrzehnte. Von der Idee, welche Sorten für eine Neuzüchtung gekreuzt werden, bis zum fertigen Produkt, das in Flaschen abgefüllt und dann in den Gläsern von Weintrinkern golden oder rot leuchtet, vergehen Jahrzehnte. Respekt vor der Schöpfung, Hingabe und Geduld bringen die Mitarbeiter des Instituts mit.
Die erste Presseinformation des Julius-Kühn-Instituts (JKI) im Jahr 2021 kam aus Siebeldingen. Im Betreff war zu lesen: „Neue mehrfach pilzresistente Rebsorte Felicia erhält Zulassung, Neuzüchtung des Julius-Kühn-Instituts ist widerstandsfähig gegen Echten und Falschen Mehltau sowie Schwarzfäule.“ Und das sind Krankheiten, die schon lange auch in der Pfalz den Winzern zu schaffen machen. Ihre Bekämpfung erfordert den Einsatz von Pflanzenschutz. Ist eine Sorte resistent, muss also weniger behandelt werden.
Das Dilemma: der Kunde
Das klingt wunderbar. Doch der Winzer ist im Dilemma. Seine Kunden oder Abnehmer kaufen bei ihm Sorten, die bekannt sind. Trifft er die Entscheidung, auf eine neue Sorte zu setzen, geht er ein Risiko ein. Stichwort: Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht – und trinkt es noch viel weniger. Und doch gilt es aktuell, neben einer unternehmerischen Entscheidung den politischen Druck im Hinterkopf zu haben.
Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner drängt auf den Anbau dieser neuen Sorten, den Piwis. „Piwi ist allerdings ein technischer Begriff“, erklärte Institutsleiter Töpfer, der für den Verbraucher lieber die Bezeichnung „nachhaltiger Wein“ verwenden möchte.
Der Wissenschaftler geht davon aus, dass die EU-Vorgaben, die eine Halbierung des Schutzmitteleinsatzes vorsehen, nicht zu stemmen sind. „Der Weinbau kann die Ziele bis 2030 nicht erfüllen. Die Nachhaltigkeit muss gesteigert werden“, schätzte Töpfer, der mit seiner Arbeit dazu beiträgt, dass dies möglich ist. Die Sorten, seien qualitätsweinfähig, erklärte er. Es bestehen auch genug Wahlmöglichkeiten. Denn über 30 neue Sorten sind schon zugelassen.
Aber auch hier gilt: Geduld. Denn von den rund 100.000 Hektar in Deutschland werden nur etwa 2,5 Prozent im Jahr neu angelegt. „Aber in zehn Jahren wären dies schon 25.000 Hektar“, so Töpfer. Er bleibt bei der Entwicklung allerdings in einer Beobachterrolle, denn: „Wir sind ohne Beratungsauftrag. Der liegt beim Land.“ Und auch der Kontakt zu Winzern ist kein direkter. Ist eine Sorte entwickelt, kommen Rebveredler ins Spiel.
Vier Zuchtstufen für Felicia
Eine Rebsorte durchläuft vier Zuchtstufen, die jede für sich normalerweise rund sechs Jahre dauert. Eine Hauptprüfung erfolgt nach 18 bis 20 Jahren. Die Kriterien, die eine Sorte erfüllen muss, sind beispielsweise: guter Ertrag, gute Holzreife, gute Blüte, gute Balance, genug Zucker, genug Säure. Die Eltern von Felicia heißen Sirius und Vidal blanc. Herausgekommen ist ein fruchtiger Wein mit Aromanoten reifer Früchte, wie das Julius-Kühn-Institut in einem Faltblatt schreibt. Getestet haben den Weißwein einige Weinkenner, die ihn durchaus mochten. Graham Perkins, ein in Ludwigshafen lebender Koch aus Australien, findet ihn „fruchtig und blumig“. Der 64-Jährige mag ihn zum Käse. „Ich bin normalerweise kein Weißweintrinker, aber das ist ein schöner Wein. Ich kann ihn mir gut zu Gorgonzola vorstellen“, sagte Perkins.
Weingüter & neue Sorten
Calardis Blanc: Weingut Roland Christ (Kallstadt), Doktores Töpfer (Annweiler), Biolandhof Borngässer (Nierstein), Theos Wein und Gut (Wintersheim).