Speyer/Kleinniedesheim RHEINPFALZ Plus Artikel Kurator und Künstler aus der Domstadt

Breites Spektrum der Radierung: Marwans dunkel gehaltener „Kopf“ hängt neben dem farbenfrohen „Aufstand“ von A. R. Penck.
Breites Spektrum der Radierung: Marwans dunkel gehaltener »Kopf« hängt neben dem farbenfrohen »Aufstand« von A. R. Penck.

Die Bilder hängen. Wann die vom Rhein-Pfalz-Kreis initiierte Ausstellung „Die Kunst der Radierung“ im Schloss Kleinniedesheim öffnen kann, weiß niemand. Unter den Werken sind Radierungen von Picasso und A. R. Penck. Der Kurator und zwei der ausstellenden Künstler kommen aus Speyer.

Es soll Künstler geben, die der Meinung sind, dass echte Kunst nur dann entsteht, wenn der Schaffensprozess anstrengend und schmutzig ist. Wer seine Bilder mit der Technik der Radierung herstellt, muss zumindest eine gewisse Leidensfähigkeit mitbringen. Unanstrengend ist die Herstellung einer solchen Arbeit nämlich nicht. Und handwerkliches Geschick ist auch erforderlich.

Zunächst müssen mit einer Nadel in eine Metallplatte Linien geritzt werden. Dann wird mit einer Walze Farbe auf die Platte aufgebracht und gleich wieder so weit heruntergewischt, bis sie nur noch in den Rillen steht. Dann wird ein angefeuchtetes Papier mithilfe einer Presse unter hohem Druck auf die Platte gepresst, sodass es bis in die Rillen dringt und die Farbe heraussaugt. Das Bild, das mit diesem Druckverfahren hergestellt wird, nennt man eine Radierung. Weil sich Kunstwerke auf diese Weise vervielfältigen lassen, haben sich viele große Namen der Kunstgeschichte von Albrecht Dürer bis hinein in die klassische Moderne damit befasst.

Werke aus vier Sammlungen

„Auch in Zeiten der zunehmenden Digitalisierung des grafischen Schaffens gibt es noch Künstler, die von der Druckfarbe geschwärzte Hände nicht scheuen und mit den vielfältigen Möglichkeiten dieser Tiefdrucktechnik experimentieren“ berichtet der Kurator der Schau, Oliver Bentz. Er schränkt aber ein: „So viele wie früher sind es nicht mehr.“ Der Germanist, Politik- und Theaterwissenschaftler aus Speyer hat die Ausstellung zusammen mit Paul Platz, der sich bei der Verwaltung des Rhein-Pfalz-Kreises um Kunst und Kultur kümmert, organisiert. Bentz ist selbst passionierter Kunstsammler und verfügt über gute Kontakte zu anderen Sammlern und zu Künstlern.

20 Radierungen aus vier internationalen Privatsammlungen hängen im Obergeschoss des Kleinniedesheimer Schlosses. Die Zeitspanne ihrer Entstehung reicht von den späten 1940er-Jahren bis in die Gegenwart. Unter den Künstlern finden sich große Namen wie André Masson, Pablo Picasso oder A. R. Penck.

Picasso und Penck

Während sich Picassos „Le Peintre“ aus dem Jahr 1968 angesichts des frivolen Motivs – der dargestellte Maler vergnügt sich ausgelassen mit einer Dame – mit zarten schwarzen Strichen zurücknimmt, präsentiert sich der „Aufstand“ (1980) des für seine Strichmännchen-Bilder bekannten A. R. Penck gewohnt wild und farbenfroh. Genau diese Bandbreite, die Radierungen böten, wolle man dem Publikum zeigen, erklärt Platz.

Von Horst Janssen der von seinen Fans als Großmeister der Radierung gefeiert wird, ist ebenfalls ein Werk („Langenhörner Obristen“, 1964) zu sehen. „Er zählt zu den Künstlern, die wirklich in der Säure gelebt haben“, sagt Oliver Bentz und lacht. Auch Künstler aus der Region wie die beiden Speyerer Dieter Zurnieden und Thomas Duttenhoefer sind in der Schau vertreten.

„Bahnhof Manchester“

In der Ausstellung sollen aber nicht allein die Motive der grafischen Blätter im Vordergrund stehen, erläutert Bentz. Den Betrachtern sollen auch die vielen technischen Mittel vor Augen geführt werden, die auf dem Gebiet der Radierung zur Verfügung stehen und es den Künstlern ermöglichen, ihre eigene Handschrift einzubringen. „Kaltnadelradierungen sind in der Schau ebenso zu sehen wie Aquatintaradierungen oder in Aussprengtechnik geschaffene Blätter“, sagt Oliver Bentz.

Dass Künstler Blätter aus einer Druckreihe auch nachbearbeitet haben, lässt sich am farbigen „Bahnhof Manchester“ des Wieners Georg Eisler erkennen. Der Dampf der Züge auf dem in den 1980er-Jahren entstandenen Blatt wurde nachträglich aufgebracht. „Das Werk taucht nur selten in Ausstellungen auf“, so der Kurator.

Ziel der Kreisverwaltung sei es, Kunst und Kultur auf die Dörfer zu bringen, „und das auch in einer gewissen Qualität“, betont Platz. „Mit den großen Ausstellungshäusern in der Region können wir natürlich nicht mithalten, aber wir denken uns dafür immer wieder etwas Besonderes aus.“ So lege man gerne den Fokus auf Techniken, die nicht so häufig zu sehen seien wie Zeichnung, Holzschnitt, Lithografie – oder eben die Radierung, berichtet Platz. In normalen Zeiten organisiere man im Kreis etwa zehn bis zwölf Kunstaustellungen, vier davon fänden in der Regel im Kleinniedesheimer Schloss statt.

Treues Stammpublikum

„Die Räume hier sind gut geeignet, und die Zusammenarbeit mit der Gemeinde ist hervorragend“, sagt Paul Platz. Über die Jahre habe sich ein treues Stammpublikum gebildet. Sogar aus Kaiserslautern und Stuttgart kämen die Besucher.

Bentz und Platz sind deshalb zuversichtlich, dass die Kunstinteressierten kommen werden, sobald es das Coronavirus zulässt. „Wir warten auf das Okay vom Gesundheitsamt. Dann können sich die Besucher per E-Mail anmelden“, erklärt Platz. Jeweils zwei Personen dürften dann gleichzeitig in die Räume. Geöffnet werde die Schau wie gewohnt sonntags von 13 bis 17 Uhr. Auf eine Vernissage oder Finissage müsse jedoch verzichtet werden.

Dass sich die Eröffnung der Schau verzögert, sei kein großes Problem, sagt Bentz. „Die Sammler sind flexibel. Sie machen uns keinen Druck.“ Vorab soll auch noch ein kleiner Film gedreht werden, kündigt Platz an. Die Radierungen sollen auf diese Weise schon bald im Internet auf Youtube und auf www.rhein-pfalz-kreis.de zu sehen sein. „Wir geben bekannt, wann die Ausstellung geöffnet werden kann“, sagt Platz. Bis Juli sollen die Radierungen „live“ zu sehen sein.

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