Rhein-Pfalz Kreis
Wie Weihnachten früher gefeiert wurde
Im Krieg warfen Alliierte „Lametta“ ab
Otto Haaf, geboren 1930, aus Berghausen, erinnert sich noch an Weihnachten vor dem Zweiten Weltkrieg:
„Ein Baum hat natürlich zu Weihnachten dazugehört. Den hat mein Vater entweder bei der örtlichen Gärtnerei oder bei einem Obsthändler geholt. Die Krippe, die wahrscheinlich von meinem Opa stammt, hat mein Bruder heute noch. Erst zu Weihnachten ist der Baum im Wohnzimmer aufgestellt worden. Das Wohnzimmer ist überhaupt hauptsächlich bei besonderen Feiertagen genutzt worden. Sonst hat sich das Leben vor allem in der Küche abgespielt. Weil mein Vater ein Eisenbahn-Freund war, habe ich einmal eine Märklin-Eisenbahn gekriegt. Ich war der erste in Berghausen, der so eine Bahn hatte. Nach Weihnachten habe ich sie selbst im Schaufenster unseres Kolonialwarenladens aufgebaut und fahren lassen. Da stand das ganze Oberdorf davor. In die Güterwagen passte genau ein Brikett. Das habe ich mir immer aus der Küche geholt.
Die Christmette war spät am Abend. Dazu habe ich einen schönen Bleyle-Anzug angezogen. Auch die Feiertage waren von Kirchgängen geprägt. Das Essen war mit Cervelat und Weißbrot eher spartanisch. An einem Feiertag hat es bei uns immer gefüllte Taube gegeben, weil mein Vater Tauben hatte. Er besaß auch eine Bassgeige, aber Weihnachtslieder haben wir nicht gespielt oder gesungen. Meine Oma hat an Heiligabend ein Gebet vorgetragen. Anfang der 1940er-Jahre ist mein Vater eingezogen worden und es begann eine spartanische Zeit. Als Geschenke waren eher Kleidungsstücke gefragt. Im Krieg haben alliierte Flugzeuge silberfarbene Folienstreifen abgeworfen, um die Funkwellen zu stören. Die haben wir aufgesammelt und zu Weihnachten als Lametta verwendet.“
Ein Weihnachtsessen, das er nie vergisst
Hermann Josef Settelmeyer, geboren 1939, aus Lingenfeld, erinnert sich an Weihnachten in der Nachkriegszeit.
„Vorm Morgen des Heiligen Abends oder, wenn sie so wollen, vorm Heiligen Morgen kam unserem Vater kein Christbaum ins Wohnzimmer. Die Wochen bis dahin waren ausschließlich die Regierungszeit des Adventskranzes. Wenn der Baum dann vielbestaunt an einer Hand hereinschwebte, trug Papa in der anderen einen Fuchsschwanz und einen Nagelbohrer. Dieses Werkzeug hatte er ebenso wie das handwerkliche Geschick geerbt von meinem Opa, seinem Vater Peter, der Küfer gewesen war. Mit diesem Talent wurden Äste an dichten Stellen herausgesägt und an mageren Plätzen wieder eingefügt, damit das Prachtstück unseren gehobenen Ansprüchen auch gerecht werden konnte. War die Arbeit getan, mussten Papa genau wie wir Kinder das Zimmer verlassen und es gehörte von nun an den Frauen, meiner Mutter und ihrer Schwester aus Karlsruhe, unserer heiß geliebten Tante Erna, bis am Abend alles im Glanz von Kerzen, Kugeln und Lametta erstrahlte. Der geschmückte Baum wurde bewundert, die alten Lieder wurden gesungen und die einfachen Geschenke entgegengenommen – mit dem Gefühl purer Glückseligkeit.
Weniger glückselig war danach das gemeinsame Essen. Man wurde satt, das war aber auch schon alles und man war damit zufrieden. Einmal aber klingelte unser Nachbarmädchen und übergab ein Päckchen, in das eine frische Leberwurst eingewickelt war. Es war ein kleines Kinderwürstchen, nicht einmal halb so groß wie ein normaler Ring. Kartoffeln waren noch nicht mit dem Wort Beilagen degradiert, sie waren die Hauptmahlzeit und dazu wurde nun als Leckerbissen die hausgemachte frische Leberwurst gegessen. Wir drei größeren Kinder, Papa, Mama und die Tante teilten den Schatz und aßen ihn so vorsichtig, dass der letzte kleine Bissen Wurst zusammen mit dem letzten Stückchen Kartoffel im Mund verschwand, um den Geschmack möglichst lange zu behalten. Keines der vielen großen Weihnachtsessen danach ist mir noch in solch schöner Erinnerung, wie dieses in sechs kleine Bröckchen aufgeteilte Kinderleberwürstchen.“
Erst beim Krippenspiel, dann im Kreis der Familie
Timo Nagel, geboren 1975, aus Westheim, erinnert sich an den Glanz, den das Fest seit seiner Kindheit beinhaltet:
„Der weihnachtliche Glanz hat mich schon als Kind fasziniert. Mit Beginn der Adventszeit – an jedem Sonntag sang ich mit meinen Eltern nach dem Entzünden der Kerze(n) Weihnachtslieder – begann der Countdown. Dann war er da, der Heilige Abend, auf den ich mich immer so sehr freute. Oft wirkte ich bei Krippenspielen in der festlich beleuchteten Kirche mit – als Hirte, als Weiser aus dem Morgenland, als Josef. Weil ich den Kindergottesdienst besuchte und meine Eltern mit mir über Jesu Geburt sprachen, war mir früh klar, warum wir Weihnachten feiern. Ich konnte es kaum erwarten, bis ich den schön dekorierten Festtagstisch und den geschmückten Baum sehen durfte. Die vielen Lichter und Kerzen, die außergewöhnliche Atmosphäre fand ich toll.
Toll roch es auch in der Küche: Meine Mutter servierte immer ein leckeres Menü. Dazu erklangen Weihnachtslieder – von der Kassette oder Schallplatte. Gefeiert wurde im Familienkreis – mit Eltern und Großeltern. Nach dem Essen und vor der Bescherung, die ich kaum erwarten konnte, wurde es noch besinnlicher: Ich las erst die Weihnachtsgeschichte vor, nahm dann zunächst die Flöte in die Hand und setzte mich danach ans Klavier, um Weihnachtslieder zu spielen. Alle sangen dazu. Dann kam der große Moment: Immer als Erster durfte ich meine Geschenke auspacken. Neben Kleidung und Süßem bekam ich oft Spielsachen, darunter Produkte von Playmobil und Fischertechnik. Auch die heiß ersehnte Autorennbahn von Carrera war dabei. Ein Geschenk werde ich nie vergessen: Opa Otto und Omi Hilde schenkten mir im Alter von zwölf Jahren einen Flügel. Die Weihnachtsfeiertage verliefen sehr ruhig – und es gab wieder viel und gutes Essen. Weihnachten ist auch heute das Fest der Familie. Und auch als Erwachsener fasziniert mich immer noch der weihnachtliche Glanz.“
Vor der Bescherung in den Schnee
Susanne Kühner, geboren 1978, aus Speyer erinnert sich an Traditionen, Lieblingsgeschenke und Festtagsessen.
„Weihnachten als Kind – was war das entspannt. Und natürlich aufregend. Den Weihnachtsbaum hat Papa kurz vorm Fest besorgt. Geschmückt wurde er von Mama, ich war als kleines Kind außen vor. Schließlich sollte der Christbaum eine besondere Überraschung sein. Erst im Grundschulalter ließ ich mich nicht mehr abhalten und hab’ beim Zieren mitgeholfen. In jüngeren Jahren musste ich mit meinen Großeltern und mit meiner Mutter in der Küche warten, bis Papa mit dem Glöckchen läutete – das Startsignal zum großen Staunen. Abgesehen vom Baum habe ich mich immer auf einen Nussknacker aus Holz und mit Plüschmütze gefreut. Der ist mittlerweile in meinen Besitz übergegangen.
Gedulden musste ich mich mit der Bescherung, denn die gab es erst nach dem Essen. Diese Tradition habe ich übernommen. Damals kam öfter Kartoffelsalat mit Wurst auf den Tisch. Oder Käsefondue. Der Schallplattenspieler gab klassische Weihnachtslieder von sich. Alle habe ich schon früh lauthals mitgesungen, erzählt Mama zumindest. Das erste Lied, das ich mir auf der Melodica selbst beigebracht habe, war „Morgen kommt der Weihnachtsmann“. Das hatte nur wenige Töne. Gefreut habe ich mich über jedes Geschenk. Besonders begeistert war ich, wenn es etwas Neues für meinen Kaufladen oder die Puppenküche gab. Eine Überraschung ist mir vor allem in Erinnerung: ein Schlitten. Ja, in meiner Kindheit gab es tatsächlich noch Schnee. Mein Papa hat mich dick eingepackt und durch die Straßen von Speyer-Nord gezogen, bis es Zeit wurde, nach Hause zu gehen und den Schlitten mit dem Glöckchen zu tauschen. Diesen Klang habe ich noch im Ohr – genau wie die Gedanken an eine wirklich stille und Heilige Nacht.“
An ein Geschenk erinnert er sich noch ganz genau
Timo Konrad aus Römerberg, geboren 1996, erinnert sich an das Fest bei seinen Großeltern:
„Weihnachten in meiner Kindheit, das lief jedes Jahr ähnlich ab. Am 24. Dezember stieg gegen Nachmittag die Spannung: Dann machten wir, meine Eltern, mein Bruder und ich, uns auf den Weg zu meinen Großeltern. Dort gab’s kalte Platte, meine Oma bereitete verschiedene Brote mit leckerem Belag vom örtlichen Metzger zu. Währenddessen lief im Hintergrund meist der Fernseher. Eine feste Tradition gab es nicht, wir schauten einfach, was gerade lief. Dann war Bescherung. Die Geschenke hatten meine Eltern für die Großeltern vorab besorgt, die sie dann nur noch bezahlen und einpacken mussten. Das Bild, wie wir mit Oma und Opa am Esstisch sitzen und über Gott und die Welt erzählen, ist mir immer in schöner Erinnerung. Nach dem Essen liefen wir nach Hause, dort gab’s den zweiten Teil der Bescherung. Mein Vater machte meistens eine Weihnachts-CD an. Mein Bruder und ich mussten in der Küche warten, bis er unter dem Weihnachtsbaum nachgesehen hatte, ob das Christkind schon da war. Das waren immer aufregende Minuten. Nur an eines kann ich mich aus dieser Zeit fast nicht mehr erinnern: die Geschenke. Eins weiß ich dann aber doch noch: Als ich zwölf Jahre alt war, bekam ich zu Weihnachten mein erstes Handy, ein kleines von Nokia, das in heutige I-Phones wohl dreimal reinpassen würde. Das war damals ein tolles Gefühl.“
Ab dem 1. Dezember auf Heiligabend hingefiebert
Für Lilly Wiedemann aus Speyer, geboren im Jahr 2000, liegen die Erinnerungen noch nicht so lange zurück.
„Weihnachten, das war für mich als Kind stets die Zeit der Geheimnisse. Heller, wärmer und zauberhafter wurden die grauen Wintertage stets ab dem Moment, in dem meine Mutter die Weihnachtsbücher hervorkramte. Und welch eine Aufregung erfasste meine Brüder und mich, wenn am 1. Dezember drei Adventskalender auftauchten! Zeit war relativ in diesen 24 Tagen vor Weihnachten: Wie war es möglich, dass sich die Türchen des Adventskalenders so unglaublich schnell leerten und die Tage bis Heiligabend gleichzeitig so endlos schienen? Ich erklärte es mir als eines der vielen Rätsel der Vorweihnachtszeit.
Der mit Abstand längste Vormittag des Jahres schien der des 24. zu sein: Morgens holten wir den Weihnachtsbaum von der Terrasse ins Wohnzimmer, eine Prozedur, die von Jahr zu Jahr schwieriger wurde: Die Baumauswahl meines Vaters glich nämlich einem stetig steigenden Auftrumpfen immer größer werdender Bäume. Um die Mittagszeit wurden meine Brüder und ich ins elterliche Schlafzimmer verbannt: Unter keinen Umständen durften wir den fertig geschmückten Baum vor der Bescherung sehen, wurde uns eingeschärft: Sonst komme das Christkind nicht! Ein kleiner Trost war es dann, dass wir einen Astrid-Lindgren-Film nach dem anderen gucken durften, bis wir mit verbundenen Augen vorbei am Tannenbaum vorbeigeführt wurden und uns in Richtung Kirche aufmachten. Dort angekommen, saßen wir wie auf heißen Kohlen, warfen uns wartende Blicke zu und konnten es nicht abwarten, bis der klingende Stern über der Orgel bei ,O du fröhliche’ die letzte Strophe des Liedes und das Ende des Gottesdienstes ankündigte. Denn das war der Moment, auf den wir gewartet hatten: Nun konnten wir endlich herausfinden, ob das Christkind uns wohl auch dieses Jahr besuchen gekommen war!“