Bobenheim-Roxheim
Kondome und Kadaver: Müllsammelaktion am Silbersee
Wie bringt man ein riesiges Gelände mit Ufern, Böschungen, Sandstränden, Dickicht und 112 Hektar Wasserfläche in einem halben Tag auf Vordermann? Nur mit Planung, Organisation und Überblick. Den hat Stefan Spiesberger, Beauftragter für Special-Events beim WSV Roxheim. Er hat für die Aktion eine Luftbildskizze angefertigt, auf der sich die Einsatzbereiche von vier Helferteams als rote, grüne, orangene und schwarze Bänder schlängeln.
In kurzer Zeit und recht unbürokratisch habe man mit dem Wassersportverein Roxheim, der Gemeinde Bobenheim-Roxheim, der Angelgemeinschaft Silbersee, der Firma Willersinn, der Beachbar, dem ortsansässigen Tauchsportverein und Umweltbeauftragter Nicole Born viele Mitstreiter für die gemeinsame Aktion gewinnen können. „Alle arbeiten Hand und Hand und ziehen an einem Strang“, freut sich Spiesberger. Das sei in der Vergangenheit nicht immer so gewesen.
Vier Teams ziehen los
Früh um 9 Uhr geht es los: Team Orange, die Wassersportler, trafen sich auf der Surferwiese und schwärmen mit Kajaks und Kanus in Kleingruppen aus: in Richtung des ehemaligen KFC-Geländes (Kanuclub Frankenthal) und des WSV-Geländes, zum Westufer, dem Uferbereich des großen Kieswerks, zur FKK-Bucht und in den Nordost-Bereich des Sees bis hin zur Zaunanlage.
Den vorderen Badestrand übernimmt Team Schwarz mit Doris Knick, Sekretärin der Firma Willersinn, die auch die Idee hatte, Taucher und Angler dazu zu nehmen. Mit blauen Mülltüten und Greifarmen an Land unterwegs ist Team Rot um Nicole Born und Beachbar-Betreiber Jeffrey Bauer. Sie säubern die Einfahrt und den vorderen Bereich um die Zaunanlage, das Gelände der Beachbar, die DLRG-Station und den Badebereich bis zur Zaunanlage. Dass Zeitgenossen überhaupt Müll herumliegen lassen, kann Jeffrey Bauer nicht verstehen: „Alle zehn Meter gibt es hier einen Mülleimer.“
Als Team Grün machten sich Alfred Gammerdinger und 18 Petrijünger der Angelgemeinschaft Silbersee am aktuellen und ehemaligen Angelbereich rund um die Scharrau zu schaffen. Nach vier Stunden Einsatz zieht der zweite Fischereiaufseher eine positive Bilanz: „Alle haben granatenmäßig gearbeitet, es war ein toller Zusammenhalt“.
Damit viele Hände vieles bewegen, behält Stefan Spiesberger von der Seemitte aus den Überblick. Sein Boot ist an diesem Tag zentrale Müllsammelstelle, Koordinationszentrale und Getränkedepot für durstige Helfer in einem. Kajakfahrer melden einen Gitterkäfig. Per Handy wird Verstärkung angefordert und der Fund gemeinsam an Land gehievt. Auf der Scharrau, mitten auf einer Wildwiese leuchten von weitem zwei rote Deckel eines Containers, den die Firma Willersinn extra für die Aktion aufgestellt hat. Er ist eine von drei Sammelstellen. Im Laufe des Vormittags wird er sich mit morschen Holzbalken und Metallteilen füllen. Zum Bau eines Angelstegs werde gerne Material vom Gerüstbau verwendet und Altholz von Baustellen, erklärt Stefan Spiesberger bei einem Rundtörn zu den einzelnen Sammelbereichen. Die Sperrmüllteile seien Überreste eingestürzter Angelstege, zerlegt vom Zahn der Zeit. Zu ihnen gesellen sich Überreste von Bojen, Styroporblocks, im Seewasser abgefaulte Schnüre. Als Gewichte genutzt würden oft mit Beton ausgegossene Plastikkanister.
20 wilde Badeplätze gesichtet
Alle Gruppen organisieren sich unabhängig voneinander. Kaputte Plastikstühle in Ufernähe wandern zur Sammelstelle zusammen mit Überresten illegaler Grillpartys, einer angebrochenen Packung Kondome und einigen vollen Mülltüten. Oliver Eichhorn, Wassersportler aus Passion, kommt bei seinem Einsatz ins Philosophieren, spricht von einer „Ambivalenz beim Müllpaddelsammeln“. Jetzt, wo der Rundweg um den Weiher gesperrt sei, fehlten auch die Spaziergänger, die Müll unterwegs aufklaubten. Plastik bleibe nun länger liegen und zerbrösele, die Partikel gelangen mit der Nahrung in Tiere und belasteten das Wasser.
Etwa 20 wilde Badeplätze habe er vom Wasser aus gesichtet, berichtet Eichhorn. Der wenigste Müll sei am FKK-Strand gefunden worden. Vielleicht seien die Nacktbader achtsamer und umweltbewusster, lautet die Theorie.
Gegen zwölf Uhr kommen die Taucher an Land, schälen sich aus ihren Anzügen und schnaufen erstmal durch. Als bizarrsten Fund haben sie einen Lammkadaver, bestehend aus Innereien und Knochen, entdeckt in der Nähe des DLRG-Geländes, an Land gezogen. Gegen die Erinnerung an den Verwesungsgestank sollen jetzt ein Bier und eine Wurst an der Beachbar helfen.
Die Frage, ob sich ihr Einsatz gelohnt habe, bejahen die Helfer ohne Zögern. Den vielzitierten Schatz im Silbersee hat keiner gefunden. Aber die Natur als Schatz erlebt, den man pflegen und schützen muss. Einig sind sich die Aktionsteams in ihrem Tun und in der Absicht, die Müllsammelaktion vom Wasser aus nächstes Jahr zu wiederholen.