Vorderpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Gebremste Spargellust: Ist das Königsgemüse zu viel Luxus?

In den Hofläden hätte mehr los sein können, sagen Spargelbauern aus der Vorderpfalz.
In den Hofläden hätte mehr los sein können, sagen Spargelbauern aus der Vorderpfalz.

Am Freitag ist Johannistag, und damit endet wie in jedem anderen Jahr die Spargelsaison. Anders als in anderen Jahren fällt aber die Bilanz aus: Die Menschen hatten keine Lust auf Spargel. Ist das Königsgemüse zu viel Luxus in diesen Zeiten?

Hartmut Magin sitzt auf dem Kartoffelroder, als er das Gespräch annimmt. Die Spargelsaison ist vorbei. Jetzt sind die Grumbeere dran und vielleicht läuft das Geschäft damit besser. Denn das mit dem Spargel ist heuer gar nicht gut gelaufen. „Das war schon schwierig zu verstehen“, sagt Magin. „Die Kunden sind nicht auf die Saison angesprungen.“ Irgendwie wollte keiner so recht Spargel. Und das hat der Mutterstadter Landwirt so auch noch nicht erlebt. Normalerweise seien die Leute schließlich ganz wild auf die weißen Stangen. Stau im Hofladen ist in der Spargelsaison keine Seltenheit. Normalerweise. „Gleich zu Anfang hat sich das Gerücht verbreitet, der Spargel sei schon wieder teurer geworden“, sagt Magin. „Dabei haben wir früh kommuniziert, dass die Einstiegspreise die gleichen seien wie in den Jahren zuvor.“

Genützt habe das nichts. In Internetforen habe er mitbekommen, wie die Leute abgewogen hätten, ob sie sich nun Spargel kaufen sollen oder lieber tanken gehen. Das fand er dann schon krass. „Denn wir müssen uns doch auch weiterhin gut ernähren und schließlich gibt es nicht nur Spargel der Klasse eins.“ Echte Kenner kaufen Magin zufolge ohnehin die zweite Klasse. Und in den Hofläden in der Pfalz habe das Kilo Spargel sicher nicht mehr gekostet als im vergangenen Jahr. „Wir wollen ja, dass die Leute ins Geschäft kommen, und sie nicht verprellen.“

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Keine Überfliegersaison

Das bestätigt Roni Zürker, ein Kollege aus Dudenhofen. „Spargel war nie teurer, hier bei uns auf den Höfen auf keinen Fall.“ Zürker hat seinen Betrieb auf Spargel und Erdbeeren spezialisiert. Und bei beidem waren die Kunden zurückhaltend. „Es war nicht gerade eine Überfliegersaison, das Geld läuft uns nicht aus den Taschen“, sagt er. Zürker fand die Saison merkwürdig. Die Kauflaune der Kunden sei so verhalten gewesen, dass die Bauern in der Hochphase Ende April, Anfang Mai quasi auf dem Spargel gesessen hätten. „Es kam zu einem Stau auf den Großmärkten. Wir hatten in Serie zu viel Spargel und Erdbeeren.“ Die Landwirte haben darauf reagiert, indem sie Felder früher aus der Produktion genommen haben. Sprich: Man hat den Spargel wachsen lassen, früh gab es spargelkrautgrüne Felder. Altanlagen hat man umgebrochen, berichtet der Dudenhofener. „Und dann hat es sich die Kundschaft noch einmal anders überlegt und vermehrt nach Spargel verlangt. Ende Mai war Spargel dann eher knapp.“ Hartmut Magin hatte da aber schon zwei Wochen lang Spargel entsorgt, „Stangen zurück aufs Feld gekippt.“ Immerhin nur dünne, nicht so gute Exemplare. Trotzdem ärgerlich. In anderen Jahren undenkbar.

Hat tatsächlich der Ukraine-Krieg den Menschen die Spargellust verdorben? „Ich glaube, dass die Leute verunsichert sind und eher das Geld zusammenhalten, auch wenn sie dann am Ende doch kauffreudiger geworden sind“, sagt Roni Zürker, der ganz klar einen Zusammenhang sieht und sich fragt, wie es wohl weitergeht. Wie die nächste Saison wird. Was sich die Leute noch leisten wollen, gerade wenn der Krieg immer weitergeht. „Mancher Experte spricht ja jetzt schon von mehreren Jahren.“

Miese Stimmung

Die Übermengen und die in der eigentlichen Hochphase der Saison in den Keller gewanderten Preise haben für Sarah Schreiber vom Erdbeer- und Spargelhof in Gerolsheim ganz klar etwas mit der miesen Stimmung der Leute „wegen der vielen schlechten Nachrichten“ zu tun. „Im Hofladen wird kaum noch gescherzt, und die Kunden überlegen es sich mehrmals, ob und was sie kaufen.“

Ist Spargel wirklich ein Luxusprodukt? Oder nicht doch einfach nur ein gesundes Gemüse? „Verzichten kann man darauf wohl eher als auf Brot“, meint Zürker. Auch wenn das jahrelang anders gewesen sei, zumindest erweckte die Spargellust den Eindruck, als ob auf dieses Gemüse keiner verzichten kann, gerade in der Pfalz. Luxus? Bei Nahrungsmitteln? Wo fängt der an, wo hört er auf. Beziehungsweise, wie wird das Thema weitergesponnen? Das fragt sich Magin. Der sich gerade ärgert, dass jetzt eine große Boulevardzeitung die Kartoffel als Preistreiber hinstellt und titelt „Neue Rekordpreise bei Kartoffeln“. Die Saison habe noch nicht richtig angefangen, und schon würden die Leute von der Klatschpresse verunsichert werden.

Werbung über „Ramschpreis“

Für die Probleme der Landwirte, ihre Produkte ordentlich zu vermarkten, macht Sarah Schreiber aber auch die Einzelhandelskonzerne verantwortlich und ihre „aggressive Werbung“ für verderbliche Produkte rein über den „Ramschpreis“. Sie könnten im Radio ja auch mit der Qualität oder der Herkunft von Spargel und Erdbeeren werben, meint sie. Solche Werbung trage nicht dazu bei, dass Nahrungsmittel wertgeschätzt werden.

Auch Magin stößt sich an der Einkaufspolitik des Lebensmitteleinzelhandels. „Als wir unseren Spargel anbieten konnten, frisch und regional, waren die Regale voll mit Ware aus dem Ausland“, sagt er. „Doch welche Produktionsbedingungen dort gelten, welche Umweltauflagen, welche Lohnverhältnisse, das fragt keiner, wenn der Preis stimmt.“ Magin hofft nun wirklich, dass das mit der Kartoffel nicht auch passiert. „Wir bieten tolle Qualität und wollen damit auf den Markt.“ Umsonst mag der Mutterstadter schließlich nicht auf dem Kartoffelroder sitzen.

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