Waldsee
Fasziniert von 160 Jahre altem Foto
„Meine Mutter ihr Vater dessen Schwester war eine verheiratete Hirsch.“ So klingt das, wenn sich zwei alte Waldseer nach Jahrzehnten wieder treffen und versuchen, sich gegenseitig einzuordnen. Der eine der beiden Männer ist Jürgen Eichenlaub (81), der 1979 in die Heimat seiner Frau Liane nach Neunkirchen am Brand in Oberfranken gezogen ist. Der andere ist Fritz Zinser (90), ein wandelndes Lexikon, wenn es um Ereignisse in Waldsee seit dem Zweiten Weltkrieg geht. Während Außenstehende noch über Zinsers und Eichenlaubs Verwandtschaftsverhältnisse grübeln, ist für die beiden Männer sofort klar: Sie hatten den gleichen Ururgroßvater, nämlich jenen Konrad Tremmel I, dessen Familienporträt Jürgen Eichenlaub gerade an Helge Geißler vom Arbeitskreis Heimatmuseum übergeben hat. Das, und noch eine Reihe anderer Bilder seiner Vorfahren. Auf der Rückseite der Bilder in den alten Schmuckrahmen hat Eichenlaubs Großonkel Konrad Namen und Daten der Fotografierten eingetragen.
Geißler ist fasziniert von dem Bild, eine Daguerreotypie, eine der ersten Techniken der Fotografie, bei der das Bild auf einer versilberten Kupferplatte entsteht. Diese Bilder sind lichtbeständig, aber sie verwischen sehr leicht, daher hat man sie hinter einer Glasplatte im Rahmen aufbewahrt. Obwohl das Foto über 160 Jahre alt ist, sind die Gesichter der Personen noch gut zu erkennen. Helge Geißler kennt das Bild schon, allerdings bisher nur in einer abfotografierten Version. Und er kennt auch die Geschichte von Konrad Tremmel (1828 bis 1910), der Bauer, Wirt und Bürgermeister von Waldsee war. Ein steinreicher und sehr sozial eingestellter Mann. Konrad Tremmels Geschichte hat Helge Geißler 2021 auf der historischen Seite des Amtsblatts der Verbandsgemeinde Rheinauen vorgestellt. Dort bringt Geißler den Lesern interessante Waldseer Bürger, Bauwerke oder Bräuche näher. Anfang dieses Jahres hat er dann auf der historischen Seite über Kilian Hirsch (1787 bis 1862) geschrieben. Auch er war einmal Bürgermeister des Ortes. Von ihm hat Geißler nur die schlechte Fotokopie eines Bildes, das ihn mit seiner zweiten Frau und dem ältesten Sohn zeigt. Am Ende des Artikels fragte Geißler nach Hinweisen zu dem Originalbild der Familie Hirsch. „Das Original dürfte wohl noch ein bisschen älter sein als das Bild der Tremmels“, mutmaßt er.
Diesen Aufruf las Gisela Horn aus Otterstadt. Sie hat sich um Jürgen Eichenlaubs Vater Adolf gekümmert, als der Sohn nach Oberfranken zog. Und sie hat heute noch Kontakt mit Jürgen Eichenlaub. „Sie schickt uns alle paar Wochen die Amtsblätter und Zeitungsausschnitte“, erzählt Liane Eichenlaub. Dieses Mal aber rief sie gleich an. Sie wusste, dass Jürgen und Liane Eichenlaub dieses Bild und weitere besitzen mussten, denn es hing bis zum Tod von Adolf Eichenlaub in dessen Wohnung. „Ein Griff und ich hatte es“, bestätigt Jürgen Eichenlaub.
Stoff für ein Buch?
Nach reiflicher Überlegung habe er sich entschieden, die Bilder seiner Vorfahren dem Waldseer Heimatmuseum zu überlassen. Nun hat er sie nach Waldsee gebracht. Das Bild von Kilian Hirsch ist zwar nicht das Original, sondern eine Foto-Reproduktion, aber eine gute. Kilian Hirsch ist ebenfalls ein Ururgroßvater von Jürgen Eichenlaub und damit auch von Fritz Zinser und, so wie die beiden die Verwandtschaftsfäden weiterspinnen, wohl auch ein Urahn oder zumindest ein entfernter Verwandter etlicher anderer Waldseer.
Was Helge Geißler aber vielleicht noch ein bisschen mehr fasziniert als die Bilder, ist ein dicker Aktenordner aus dem Nachlass von Adolf Eichenlaub, beschriftet mit „Hirsch Kilian bis Hürst“. Darin sind Aufzeichnungen von Adolf Eichenlaub und von dessen Onkel Konrad Hirsch über das Leben ihrer Vorfahren und Verwandten und viele Dokumente aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Jürgen Eichenlaub schlägt eine Seite auf. Dort hat sein Großonkel zu dem Bild von Kilian Hirsch geschrieben, dass „Vater, Mutter und Sohn auf der Mattscheibe für die Nachwelt festgehalten wurden“.
„Und genau das mache ich jetzt: Ich übergebe die Bilder dem Heimatmuseum, um sie für die Nachwelt zu erhalten“, erklärt Jürgen Eichenlaub. Dieser Ordner bietet Stoff für noch viele historische Seiten im Amtsblatt. Vielleicht auch für ein weiteres Buch, in dem Helge Geißler wieder einmal über die Leute und das Leben in Waldsee vor langer Zeit schreibt.