Pirmasens RHEINPFALZ Plus Artikel „Land des Lächelns“: Teebeutel im Dekolleté

Märchenhaft-sportlich ging es beim Operettenabend am Mittwoch in der Pirmasenser Festhalle zu. In Franz Lehárs „Das Land des Läc
Märchenhaft-sportlich ging es beim Operettenabend am Mittwoch in der Pirmasenser Festhalle zu. In Franz Lehárs "Das Land des Lächelns"" lieferten sich Kelsey Frost Steele als Mi und Tyler Steele alias Gustl ein Match, das sie einander näher bringt.

In eine bunte Märchenwelt entführte die Kölner Kammeroper 400 Operettenfans am Mittwoch. Das „Land des Lächelns“ war musikalisch ein Volltreffer, inhaltlich nicht immer.

Viel Bühnennebel waberte am Mittwoch in der Pirmasenser Festhalle, aber das operettenerfahrene Publikum wusste sowieso, worum es ging und dass die Geschichte in Österreich begann. Lisa, Tochter einer angesehenen Wiener Familie, überzeugend gespielt und gesungen von der Sopranistin Esther Hilsberg (seit 2007 Chefdirigentin der Kammeroper Köln), verliebt sich in einen chinesischen Prinzen. Er ist anders als Gustl (Tyler Steele), der ihr Avancen macht und der Inszenierung ordentlich Slapstick-Komik einhauchte.

Genau dieses Fremde ist es, was die temperamentvolle Frau an dem smarten Sou-Chong fasziniert. Dem Willen ihrer Familie zum Trotz heiratet sie ihn, folgt ihm nach China, wo sich der Reiz des Fremden in Enttäuschung verwandelt. Eine Wiener Lotusblume in China. Das hat nicht geklappt.

Viel Beifall für Antonio Rivera

Musikalisch war die Inszenierung ein Volltreffer. Vor allem Tenor Antonio Rivera als Sou-Chong gefiel den Besuchern, weil er mit seiner gewaltig-geschmeidigen Stimme den Situationen die romantische Tragik einhauchte, nach der sie verlangten. Der Mexikaner war der unangefochtene Star in der Festhalle. Der Applaus bewies dies.

Begeistert waren die Zuschauer auch von Markus Lürick als Eunuch, als der sich in direkter Ansprache an sie wandte und ihnen erklärte, was er nach seinem Auftritt von ihnen verlangt. Die Leute spielten wohlwollend mit, ja, sie rasteten sogar aus, wie er es wollte, trampelten gemäß seiner Weisung mit den Füßen und johlten dazu. Eine Dame aus dem Publikum ließ sich nach seinem Zwischenspiel sogar dazu hinreißen zu schreien: „Eunuch, ich will ein Kind von dir.“ So wie er ihr aufgetragen hatte.

Tee und Tennis

Viele Spielszenen von Franz Lehárs Operette waren da sensibler. So zieht sich Lisa einen Teebeutel aus dem Dekolleté, um mit ihrem Prinzen Teatime zu zelebrieren. Oder die Tennisszenen, die den Vater des Prinzen schier zur Weißglut brachten, weil sich kurze Faltenröcke für junge Damen einfach nicht ziemen. „Chinesische Dirndl“, so sein Kommentar.

Alles in allem geriet die Dramaturgie vielleicht etwas überzeichnet. Der Vater des Prinzen wurde als Vampirfigur inszeniert, dessen schwarzer Schatten über der Handlung lag. Und auch die Metapher der welkenden Lotusblüte funktionierte nicht besonders subtil. „Wenn das letzte Blatt gefallen ist, ist das Stück zu Ende“, wusste ein Operettenfan gleich nach einigen Minuten.

Tuscheln und mitsummen

Was schön war: Im Parkett wurde während des Stücks immer wieder kommentiert und getuschelt. Das bewies, wie sehr sich das Publikum zu Hause fühlte – auch wenn das andere maßlos störte. Bei dem Lied „Dein ist mein ganzes Herz“ konnten ein Herr einfach nicht anders als leise mit zu summen. Ja, die Musik war eindeutig das Herzstück der Inszenierung und auch die Kölner Symphoniker unter der Leitung von Ben Köster waren einfach großartig.

Lichtdesigner Niklas Überschär hat das „Land des Lächeln“ mal schwarz-weiß, mal bonbonfarben inszeniert. Da spielte er Bühnenbildnerin Jodie Fox in die Hände: Sie setzte auf Schattenspiel und installierte riesige Fächer, die ein wenig wie Segel wirkten. Da war die Drehbühne mächtig im Einsatz, weil die Fächer als Trennwand zwischen den Welten fungierten und mal Österreich, mal China zum Vorschein kam.

Anspielungen auf Corona

Nicht so gut war, dass Regisseur Joachim Goltz seine Inszenierung mit Anspielungen auf die Corona-Zeit überfrachtete. Gustl musste dem Eunuch in China erst seinen Impfstatus beweisen. Die Bühnenbildnerin integrierte sogar eine Trennwand aus Plexiglas auf die Bühne. Wer weiß, wie der Regisseur auf die Idee kam, den sozialen Dis-Tanz zu erfinden, der natürlich nur mit 1,50 Meter Abstand funktioniert. Da fanden es die Besucher viel lustiger, dass der Eunuch die miese Stimmung im Palast mit einem Stau auf der B10 verglich, die auf ihren Ausbau warte – und natürlich, von ihm als tollstes Publikum gekürt zu werden.

Das „Land des Lächelns“ feierte 1929 am Berliner Metropol Theater Premiere. In einer Kritik zur Uraufführung war zu lesen: „Lehár, der glücklichste unter den Operetten-Komponisten der Gegenwart, eilt von Erfolg zu Erfolg.“ Das war in der Pirmasenser Festhalle nicht anders. Zwei Stunden lang schlugen die Herzen der 400 Besucher höher. Voller Begeisterung ließen sie es sich nicht nehmen, den Sängern, Tänzern und Musikern mit Ovationen im Stehen zu danken – vielleicht weil es so schön war, aus dem kalten Winter direkt ins Land des Lächelns zu entkommen.

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