Pirmasens „Ich habe gerade eine sehr produktive Phase“

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Auf seiner „Sing“-Tour macht der Liedermacher Hannes Wader am Donnerstag, 12. November, 20 Uhr, wieder einmal in der Pirmasenser Festhalle Station. Hannes Wader ist eine Legende – schon jetzt. Viele seiner Lieder sind Allgemeingut geworden, werden von Generation zu Generation weitergegeben und immer wieder neu gesungen. Wer kennt nicht „Heute hier, morgen dort“, das mittlerweile zu den beliebtesten deutschsprachigen Volksliedern gerechnet werden kann und mit dem Wader seit rund 45 Jahren jedes Konzert beginnt. Über seine Musik sprach Hannes Wader mit unserem Redakteur Christian Hanelt.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren Pirmasenser Sangeskollegen Hein und Oss Kröher?

Selbstverständlich. Die beiden haben sich auch schon als Gäste angemeldet, worauf ich mich sehr freue. Wir treffen uns auch immer mal wieder privat – mal beim Oskar oder mal beim Heiner oder wir gehen zusammen in Weißenburg essen. Von Oss Kröher ist gerade der vierte Teil seiner Autobiografie erschienen. Haben Sie die schon gelesen? Ja, die habe ich bekommen, worüber ich mich sehr gefreut habe – auch weil ich darin erwähnt werde, was ich gleich nachgeschlagen habe. Doch auch sonst ist das Buch hochinteressant. Warum haben Sie selbst noch keine Biografie geschrieben, zu erzählen hätten Sie doch genug? Ich habe schon mehrere Ansätze gemacht. Wobei es mir schon angenehm gewesen wäre, wenn jemand auf mich zugekommen wäre und gesagt hätte, „du erzählst mir und ich schreibe es auf“. Aber das hat aus irgendeinem Grund nie hingehauen, obwohl es zum Teil sehr fähige Leute waren. Ich müsste das Buch also selbst schreiben, aber dazu komme ich nicht. Deshalb müssen wir jetzt noch zehn oder 20 Jahre warten, bis so etwas vielleicht einmal herauskommt. Sie sind jetzt 73. Haben Sie schon einmal daran gedacht in Rente zu gehen? Hein und Oss sind da für mich schon irgendwie vorbildlich. Das ermuntert und ermutigt mich, auch weiterzumachen. Es macht mir ja auch noch Freude und ich kann es mir einfach nicht vorstellen, aufzuhören. Vielleicht wird es ein bisschen weniger, wenn ich die 75 überschritten habe. Und letztlich weiß man nicht, was kommt – aber ich würde schon gerne noch ein bisschen weitermachen. Sie sind auch heute noch überaus produktiv, bringen fast jedes Jahr eine CD heraus. Momentan bin ich sogar produktiver als früher. Ich habe vor den Alben „Nah dran“ und „Sing“ sechs Jahre lang keine CD mehr gemacht. Doch jetzt kommt eine nach der anderen. Ich habe gerade eine sehr produktive Phase. Warum - weiß ich nicht. Ich bin dafür dankbar, dass es so ist. Wie schreiben Sie Ihre Lieder? Wenn ich eine inhaltliche Idee habe, setze ich mich hin und warte einen günstigen Moment ab, bis mir etwas dazu einfällt. Die Gitarre habe ich dann aber schon neben mir, damit ich möglichst gleichzeitig komponieren und schreiben kann. Dann habe ich auch das Gefühl, dass alles zusammenpasst. Haben Sie ein Testpublikum für neue Lieder? Meine Familie manchmal, aber ansonsten gehe ich mutig mit den neuen Sachen auf die Bühne. Gibt es Lieder, die Sie heute nicht mehr singen würden? Ja. Die gibt es natürlich, aber das sind nur ganz wenige Lieder. Und auch die wechseln merkwürdigerweise immer wieder, weil sich ja auch die Zeiten ändern. Es kommt mir manchmal vor, als wenn, was gesellschaftliche Ereignisse betrifft, eine Zeitkrümmung existiert und dass alles irgendwie in einer veränderten Form einmal wiederkommt. Das ist mir in Bezug auf meine Lieder schon oft passiert. So denke ich jetzt darüber nach, ob ich nicht die „Internationale“, die ich seit 40 Jahren nicht mehr gesungen habe, wieder auf die Bühne bringe. Der Neonazi-Liedermacher Frank Rennicke hat ihr Lied „Es ist an der Zeit“ unverändert nachgesungen. Haben Sie dadurch einen anderen Blick auf dieses Lied bekommen? Ich trete natürlich nicht davon zurück. Das Lied war von Anfang an ein Friedenslied und das ist auch deutlich hörbar. Aber wenn es plötzlich ein Neonazi aufgreift, ohne ein Wort zu verändern, kommt man schon ins Grübeln. Da wird es einem schwindlig, dass so etwas möglich ist, dass dieses Klientel der Rechtsradikalen plötzlich das Lied aufgreift und sich inhaltlich darin wiederfindet. Das ist schon grauenhaft. Bekommen Sie da Zweifel am eigenen Tun? Selbstverständlich. Ständig. Sie gelten als politischer Liedermacher, haben aber auch einmal gesagt, es sei für Sie eine Strafarbeit, sich mit Politik zu befassen. Wie passt das zusammen? Das ist schon ein bisschen übertrieben gewesen. Das gilt insofern, als dahinter Erwartungen stehen und ich noch nie gerne Erwartungen entsprochen habe. Politisches Lied ist ein Etikett, genau wie Schlager ein Etikett ist. Ich mache mir schon lange keine Gedanken mehr darüber, ob ein Lied den Kriterien eines politischen Liedes entspricht. Es kommt auf die Stimmung an. Lieder schreibt man nicht nach Themen. Ich sammele meine Ideen und dann schreibe ich meine Lieder – fertig. Und ob das nun politisch ist oder nicht, ist mir egal. Können Lieder etwas verändern? Ich meine nein. Ich war nie der Ansicht, dass sie das können. Lieder können politische oder gesellschaftliche Entwicklungen begleiten und ihnen eine Kultur geben, dass alle, die in dieser Richtung denken, handeln oder fühlen sagen, „ja, das drückt das aus“. So kann eine Bewegung noch einmal verstärkt werden. Könnte diese Wirkung nicht stärker sein, wenn diese Lieder im Grundtenor nicht meist so todernst wären? Ja klar. Mit dem Todernsten ist das so eine Sache. Bei Liedern, die mir besonders gut gefallen – auch von anderen – ist mir aufgefallen, dass sie meist so einen melancholischen Unterton haben. Mich baut das auf. Es ist nämlich nicht so, dass Melancholie die Stimmung oder Menschen runterzieht. Man darf Melancholie nicht mit Depression verwechseln. Ich habe über all die Jahrzehnte die Erfahrung gemacht, dass mich Lieder, die einen melancholischen Unterton haben, am meisten aufbauen und ich mich verstanden fühle in meiner eigenen Grundstimmung. Was singen Sie in der Küche? Das sind meistens Lieder, die ich nicht öffentlich singe. Da singe ich sogar manchmal alte Schlager. Und ich singe Opern-Arien, wenn keiner zuhört. Bitten nennen sie drei Gründe, in Ihr Konzert zu kommen. Das kann ich nicht, denn das setzt schnelles Denken und Schlagfertigkeit voraus – das kann ich nicht.

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