Neustadt
Kita-Ärger programmiert?
Sie haben ihren Urlaub aufgebraucht, arbeiten im Homeoffice, haben im günstigsten Fall besonders verständnisvolle Arbeitgeber: Seit Wochen versuchen auch die Eltern von Kleinkindern, Betreuung und Job unter einen Hut zu bringen. Das soll jetzt einfacher werden: Bis spätestens 8. Juni kehren alle Kindertagesstätten in den Regelbetrieb zurück, allerdings in einen eingeschränkten.
Das heißt: Kinder, die vor dem Lockdown wegen der Corona-Pandemie einen Betreuungsplatz hatten, können in ihre Kita zurück. Aber nicht im vollen Umfang. Denn es fehlt an Plätzen, es muss im Schichtbetrieb betreut werden. Die Eltern werden weiterhin Stress haben, lautet die Prognose des Neustadter Sozialdezernenten, Bürgermeister Ingo Röthlingshöfer.
Fast 1000 Plätze fehlen
Die Rechnung ist relativ leicht: Aktuell gibt es in Neustadt und den Weindörfern rund 2200 Kita-Plätze. So viele bieten die Stadt und freien Träger, vor allem die Kirchen. Abgesehen davon, dass schon dieses Angebot bei Weitem nicht ausreicht, gelten wegen Corona andere Vorschriften. Der eingeschränkte Regelbetrieb sieht vor, dass die Gruppen nur 15 Köpfe zählen dürfen – statt 20 bis 25. Damit stehen Röthlingshöfer zufolge nur zwischen 1300 bis 1400 Plätze zur Verfügung.
Ob das Pendel letztlich eher in Richtung 1300 oder 1400 ausschlägt, hängt wiederum vom Mitarbeiterpool ab. Etwa 20 Erzieherinnen in städtischen und kirchlichen Kitas gehören wegen einer Vorerkrankung der Corona-Risikogruppe an. Sie werden auf keinen Fall eingesetzt.
Hinzu kommen 20 Kolleginnen aufseiten der Stadt, die über 60 Jahre alt sind. Sie sollen nicht arbeiten, dürfen aber. Bislang wartet der Bürgermeister noch auf eine Antwort aus der städtischen Personalabteilung, wie das gehandhabt wird. „Bei den Kirchen dürften es noch mehr sein“, schätzt Thorsten Völker, Abteilungsleiter Kinderbetreuung bei der Stadtverwaltung. Allein mit den 20 städtischen Erzieherinnen gerechnet, die über 60 Jahre alt sind, könnten zehn Gruppen zusätzlich entfallen.
Kein Raum-Problem
Insofern gibt es zwar aus Sicht des Neustadter Sozialdezernenten genügend Platz, um die Gruppen in einem festen Raum zu betreuen, aber es fehlt an Erzieherinnen. Sowohl der vorhandene Platz als auch die Anzahl des verfügbaren Personals bilden laut den Landes-Leitlinien „den quantitativen Rahmen einer Kindertagesbetreuung im Alltag mit Corona“.
Auch in Neustadt wird folglich jedes Kind wieder seinen Platz erhalten, mit welcher Stundenzahl, ist aber offen. Mal könne bedarfsgerecht reagiert werden, das andere Mal nicht, so der Bürgermeister. Auf keinen Fall würden sich die Kitas auf die nächste Stufe Normalbetrieb zubewegen, lautet sein Ausblick.
Plätze werden verteilt
Aktuell ist die Stadt dabei, die Plätze zu verteilen. Obwohl alles – auch laut Landesvorgabe – transparent und mit den Akteuren am Ort abgestimmt sein muss, gibt es viel Erklärungsbedarf, so Thorsten Völker. Besetzt werden die Plätze im Schichtbetrieb, für jede Kita wird dabei eine eigene Lösung gefunden. Völker selbst zieht wöchentliche Wechsel jenen an Vor- und Nachmittag vor. Das gebe allen Beteiligten mehr Planungssicherheit.
Notbetreuung bleibt
Weiterhin wird die Stadt eine Kita-Notbetreuung anbieten. Sie kann von berufstätigen Alleinerziehenden, von Eltern, die beide berufstätig sind, und aus Gründen des Kindeswohls genutzt werden.
Wenn der eingeschränkte Kita-Regelbetrieb am 8. Juni in Neustadt startet, beginnen schon vier Wochen später die sechswöchigen Sommerferien. Was passiert dann, zumal so manche Eltern ihren Urlaub eben schon aufgebraucht haben? Viele Einrichtungen hätten feste Schließzeiten, sagt Bürgermeister Röthlingshöfer. Daran könne auch nicht gerüttelt werden. Allerdings werde die Stadt einen zentralen Bereitschaftsbetrieb anbieten. Das gelte auch mit Blick auf Schulkinder.
Info
Kommentar: Nicht vorbei
Für Eltern mit Betreuungsproblem ist die harte Zeit noch lange nicht vorbei. Nur teilweise werden sie mit dem eingeschränkten Kita-Regelbetrieb entlastet. Das ist zwar besser als nichts, doch wird die eigentliche Frage sein, wie schnell der Regelbetrieb wieder möglich ist. Neustadt geht nicht davon aus, dass schon bald in den Kita-Alltag zurückgekehrt werden kann. Ähnlich beurteilen andere Kommunen die Lage. Das ist nicht familienfeindlich, sondern eine realistische Einschätzung von Gegebenheiten, an denen sie selbst kaum etwas ändern können.