Sport im Gefängnis RHEINPFALZ Plus Artikel In Jugendstrafanstalt in Schifferstadt ist Sport mehr als nur Bewegung

Ein Häftling in Schifferstadt bewältigt einen Slalomparcours.
Ein Häftling in Schifferstadt bewältigt einen Slalomparcours.

Das sportliche Angebot für die Häftlinge ist in der Jugendstrafanstalt in Schifferstadt vielfältig. Die Häftlinge organisieren ihren Sport oft eigenverantwortlich. In der Lauf-AG geht’s nicht nur um Bewegung.

Ängste und Grenzen überwinden, Denkweisen ändern, zusammen Erfolge erleben und den Teamspirit spüren: Wer es auf der Teamleiter im Hochseilklettergarten der Jugendstrafanstalt (JSA) Schifferstadt bis ganz nach oben schafft, der hat gut und gerne 15 Meter zurückgelegt. Nach oben wohlgemerkt. Fakt ist: Alleine wird er das nicht schaffen. Dafür braucht er Menschen, die ihm helfen, denen er vertrauen kann, die ihm vertrauen. Es muss ein Glücksgefühl sein, dort oben zu stehen.

Der Hochseilklettergarten inmitten von mehr als 20 Meter hohen Kiefern ist eines von zahlreichen Sportangeboten, die es in der JSA Schifferstadt gibt. „Er wird gerne als Eisbrecher oder auch als krönender Abschluss einer erlebnispädagogischen Einheit genutzt“, sagt Simon Kaiser, Diplom-Sportwissenschaftler, Anti-Aggressionstrainer und Leiter der Abteilung Sport. Die Sport-Infrastruktur im Schifferstadter Jugendgefängnis mit einer 400-Meter-Aschenbahn, Rasenfeld, Soccer-Golfanlage, Beachvolleyballfeld, einer Sporthalle mit Basketballkörben und Toren, Tischtennisplatten, Spinningrädern ist schon beeindruckend. Sportlerherz, was willst du mehr?

Fehlverhalten wird geahndet

Doch die Jugendstrafanstalt ist kein Freizeitpark, kein Disney-Land. Sport gehört hier zum Alltag, allerdings nach Regeln und Vorgaben. Mit Struktur. Klar ist, wer sich nicht regelkonform verhält, der muss mit Konsequenzen rechnen. Ein Fehlverhalten wird direkt geahndet. Ohne Wenn und Aber. Einschluss und Sportverbot als Kurzmaßnahme, das verfehlt seine Wirkung meist nicht. In schlimmeren Fällen wird sogar ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Dank Sport soll es aber soweit gar nicht erst kommen.

Nahezu täglich steht Sport in der JSA Schifferstadt auf dem Programm – angeleitet von einem Trainer oder auch eigenverantwortlich. Fußball, wie soll es auch anders sein, steht bei den jugendlichen Strafgefangenen ganz oben auf der Liste. In Corona-Zeiten wurde eine Futsal-Liga gegründet. Häuserweise spielen die Teams seitdem einmal im Monat gegeneinander. Die umgangssprachlich als „Knast-Liga“ bezeichnete Runde hat sich in Schifferstadt etabliert. Das Besondere: Die Mannschaften stellen die Gefangenen selbst zusammen. Und nicht immer ist der mutmaßlich Stärkste, im Gefängnisalltag der Wortführer, der Beste auf dem Platz. Das vermeintliche Mauerblümchen entpuppt sich schnell mal als bärenstarker Linksaußen. Mit Folgen. „Das verändert den Umgang miteinander im Haus, ja, die Rolle ist von da an eine andere“, hat Kaiser festgestellt.

Schiedsrichter-Ausbildung hinter Gittern

„Anstoß für ein neues Leben“ heißt die Resozialisierungsinitiative der Sepp-Herberger-Stiftung des Deutschen Fußballbundes, die sich seit Jahren für die jungen Gefangenen engagiert. Auch für die JSA Schifferstadt. Die Stiftung hilft mit Unterstützung diverser Partner, wie die Bundesagentur für Arbeit, beim Übergang von der Haft zum Leben in Freiheit. Zudem wurden über „Anstoß für ein neues Leben“ bereits zahlreiche Schiedsrichter hinter Gittern ausgebildet. Ganz nach dem Motto „Vom Rechts-Brecher zum Schieds-Richter.“ Ein beliebter Tapetenwechsel sind von jeher die Turnierbesuche in anderen Haftanstalten. Zudem fungiert die JSA als Veranstalter des Schifferstadt-Cups, einem Fußballturnier nicht nur für die Gefangenen, sondern auch für Mannschaften der umliegenden Sportvereine. Im kommenden Jahr soll das Turnier unter einem neuen Namen firmieren: Regio-Cup. Das Ziel aber bleibt dasselbe: Kontakte zu Sportvereinen knüpfen, denn der Sport darf nicht am Gefängnistor enden. Er sollte im Idealfall auch im Leben „danach“ ein wichtiger Bestandteil bleiben, Stütze sein und den Tagen Struktur geben.

Auch Basketball beliebt

Neben dem Fußball spielt der Basketball von jeher eine große Rolle in der JSA Schifferstadt. Dank einer Kooperation mit der SG Towers Speyer-Schifferstadt spielten die Gefangenen als Dritte Mannschaft in der B-Klasse Pfalz. Ziemlich erfolgreich übrigens. Jedoch ruht das Projekt derzeit, zumindest der Spielbetrieb, was nicht heißt, dass nicht weiter Basketball gespielt wird. Zum einen ist dies Corona geschuldet. Zum anderen der Anzahl der Gefangenen. „Als wir im Ligabetrieb gespielt hatten, waren es damals rund 200 Gefangene. Durch strukturelle Veränderungen gab es zuletzt gerade einmal um die 100. Allerdings gehen wir jetzt wieder auf die 150 zu“, erläutert Kaiser die Problematik.

Laufen hilft

Gut frequentiert ist die Lauf-AG, die zweimal pro Woche stattfindet. Die positive Wirkung von Ausdauersport haben auch die jugendlichen Strafgefangenen bereits registriert. „Die Topwirkung des Laufens auf die Psyche ist ja belegt“, macht der Diplom-Sportwissenschaftler deutlich. Die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin während des Ausdauersports habe eine stimmungsaufhellende Wirkung und helfe, aus der Negativspirale herauszukommen, untermauert Kaiser. Auch auf dem Weg, raus aus der Drogensucht zu kommen, spielt das Laufen eine wichtige Rolle. Nicht zuletzt habe es in der Vergangenheit bereits einigen Gefangenen den Weg in ein gesünderes Leben geebnet. So hätten einige ihr Übergewicht mit dem Laufen in den Griff bekommen, berichtet Kaiser.

„Jugend bewegt sich über Grenzen“ heißt das Projekt, das in Hessen seinen Ursprung hat, seit 2007 mit Dieter Baumann als prominenten Kopf der Initiative durch die Lande reist und auch in der JSA Schifferstadt längst angekommen ist. Alljährlich treffen sich die Teams der bundesweiten Jugendstrafanstalten an einem Ort, um die Schnellsten zu ermitteln. Erst im Mai war die JSA Schifferstadt Ausrichter des Finals. Beeindruckend auch die regelmäßig stattfindenden Benefizläufe. Dabei laufen und spenden die Gefangenen für einen guten Zweck.

Tischtennis und Volleyball gehören ebenfalls zu den beliebten Sportarten in Schifferstadt. Daneben bietet man auch Randsportarten wie beispielsweise Badminton, an. Und das hat einen einfachen Grund. „Hier finden sich Gefangene wieder, die vielleicht nicht zu den besten Sportlern gehören und da aber ihre Nische entdecken“, sagt Kaiser.

Wettkampf als Lernfeld

Der Leistungsgedanke spielt bei alledem eine untergeordnete Rolle, der Wettkampf dient als Lernfeld. Dennoch existiert in der JSA eine sogenannte Leistungsgruppe, die dienstags und donnerstags vielseitig trainiert: Im Wechsel stehen Kraftausdauer-, Cardio-, Zirkeltraining oder Spinning auf dem Programm. „Darin sind allesamt Teilnehmer, die kein Fehlverhalten an den Tag gelegt haben und die sich bewährt haben“, erklärt der Leiter der Sportabteilung. Die Leistungsgruppe – das ist tatsächlich ein erlesener Kreis. Sie habe mehrere Effekte gleichzeitig. „Die Gefangenen lernen uns Bedienstete als ganz normale Menschen kennen, die mittendrin sind. Und es entstehen Beziehungen – professionelle“, erläutert Kaiser. Außerdem haben die Jugendstrafgefangenen, die der Leistungsgruppe angehören, in ihren Wohnhäusern einen gewissen Vorbildcharakter.

Beim Sport fahre man grundsätzlich eine freiwillige Schiene, so Kaiser. Zumindest, was die AGs betreffe. Wer nicht will, der muss nicht. Dennoch ist der Zulauf enorm. Vor allem für das Fußballtraining existieren Wartelisten. Sport ist in der JSA Schifferstadt so etwas wie ein freiwilliges Pflichtprogramm.

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