Heidelberg
Wie Iván Peréz sich als Leiter des Dance Theatre Heidelberg bewährt hat
Seit über vier Jahren leitet Iván Pérez das Dance Theatre Heidelberg am Theater und Orchester Heidelberg – in der Nachfolge von Nanine Linning mit ihren opulenten Tanzproduktionen. Heute genießt der Spanier, den Intendant Holger Schultze 2018 vom internationalen Parkett weg an den Neckar holte, jedoch große Akzeptanz. „Widerstand gegen etwas, bedeutet nicht, dass man sich nicht für etwas engagiert. Im Gegenteil, denn so können wir in den Dialog gehen und klären, welche Verantwortung das Publikum hat und wo meine Aufgaben liegen“, erklärt der 39-Jährige.
Klingende Namen in der Vita
Man trifft ihn zum Gespräch via Zoom eine Stunde vor Beginn seiner täglichen Arbeit mit dem Ensemble. Heidelberg war für ihn Neuland, die Welt des internationalen Tanzes dagegen bis dahin sein Terrain. Pérez war mehrere Jahre lang erfolgreicher Tänzer beim Nederlands Dans Theatre, direkt danach freischaffender Choreograf für klingende Namen wie das Ballett der Pariser Oper, Balletboyz, Ballet Moskau, Compañía Nacional de Danza, das berühmte Dance Forum Taipei oder das Sadler’s Wells in London. Er war Hauschoreograf des niederländischen Theater- und Produktionshauses Korzo in Den Haag und gründete sein eigenes Ensemble. Der eigensinnige Findungsprozess, den er anschließend mit dem Heidelberger Publikum über bald acht Neukreationen durchlebte, hat sich jedoch gelohnt.
Eine menschlich schöne Präsenz
Langanhaltenden Applaus gab es für eine weitere Vorstellung von „Island“, einer puristischen, lange nachwirkenden Aufführung mit dem Chor, die der Spanier erstmals 2016 in Polen gemeinsam mit dem Regisseur Grzegorz Bral und dem Song of the Goat Theatre in Polen herausgebracht hat. Inspiriert von Shakespeares Schauspiel „Der Sturm“ hatte Pérez auf der Bühne eine Art Kirchenraum geschaffen, der gleichzeitig hauchzart und diskret Pina Bauschs legendärem Saal mit Stühlen in „Café Müller“ seine Referenz erwies. Die Nacherzählung der jahrelangen Isolation, die Shakespeares Held Prosperos auf einer Insel durchlebt, ist dabei weniger das, was Pérez’ Kreation als Erlebnis für den Zuschauer in „Island“ bereit hält. Es ist eher das pure körperliche und choreografisch in Zeit und Raum geordnete Zusammensein von Tänzern und Sängern, dem man mit immer größer werdender Faszination beiwohnt. Pérez Tänzer verausgaben sich nicht expressiv, sondern agieren gekonnt durchweg zwischen innen und außen. Ihre tanzenden Körper entwickeln so eine feine, intuitive, menschlich sehr schöne Präsenz.
Forschungsprozess am eigenen Leib
Diese spürte man übrigens auch, wenn man Pérez im Gespräch über seine Arbeit am Theater Heidelberg gegenübersitzt. „Theater zeigt das Leben in verdichteter Weise“, erzählt er. An seinem eigenen Körper komme er dabei in keinem Moment vorbei. „Wenn ich im Studio zusammen mit dem Ensemble arbeite, dann erfahre ich alles sehr physisch und lerne auf diese Weise ständig etwas über das Leben und die Welt.“ Pérez erlebt seine Kreationsprozesse so auch als Forschungs- und Reflexionsprozesse am eigenen Leib, in denen es keinen Unterschied gebe zwischen ihm und den Tänzern. „Das ist für mich das Fundament jeder Life Art“, erklärt er und bekennt sich als großer Fan des Theaterregisseurs Peter Brook und dessen Thesen vom leeren Raum als Ausgangspunkt jeden kreativen Prozesses zwischen zwei Menschen auf der Bühne.
Nuancierte Paarbeziehung
Wie intensiv dadurch ein Tanzstück werden kann, hat Pérez 2021 bei den Schlossfestspielen unter anderem mit den Duetten „Flutter“ und „Kick the Bucket“ gezeigt. Pérez war beileibe nicht der erste Choreograf, der tänzerisch eine Paarbeziehung beleuchtete. Doch selten hatte es jemand geschafft, derart nuanciert und präzise bis in die kleinsten Details die Dynamiken, Besonderheiten und wechselnden Kräfteverhältnisse zwischen einem Mann und einer Frau im Tanz zu zeigen.
Lokal und gleichzeitig global zu agieren, sei zu einem sehr starken Antrieb seiner Arbeit als künstlerischer Leiter geworden, erzählt Pérez. Kooperationen und Kollaborationen mit anderen Partnern vor Ort interessieren den Ko-Kurator der Tanzbiennale Heidelberg und Jury-Mitglied des Choreografischen Zentrums ebenso wie Präsenz und Gemeinschaft in der internationalen Community, in der er bestens bekannt ist. Denn wer Tänzer – egal wo – fragt, ob sie Pérez kennen, hört oft, dass sie nach Heidelberg reisen, um seine Arbeiten zu sehen. Auf Instagram zählt das Dance Theatre Heidelberg unter seiner Leitung heute eine beachtlich hohe Anzahl an Followern. 2024 plant Pérez mit dem Ensemble endlich nach Taiwan zu reisen und dort zu touren; im Frühjahr präsentiert er in Heidelberg das Ergebnis seiner choreografischen Recherchen zu „Reality and the Cosmos“, so der Titel seiner neuen Uraufführung. Es gibt zum Glück keine Grenzen für Pérez in Heidelberg.
Termine
Die Tanzbiennale Heidelberg, die erste, die von Iván Pérez’ kuratorischer Handschrift mit geprägt ist, läuft vom 27. Januar bis 5. Februar. Termine und Programm unter www.theaterheidelberg.de.