Mannheim
Subjektive Sicherheit: Stadt startet großangelegte Bürgerumfrage
Wie wohl fühlen sich die Bürger in den Mannheimer Stadtteilen? Wo gibt es Angsträume? Und wie objektiv oder subjektiv ist die Bewertung? Denn: Messbare Kriminalität und subjektives Sicherheitsempfinden weichen häufig deutlich voneinander ab. Um aber gerade der individuellen Wahrnehmung besser auf die Spur zu kommen und so auch die Dunkelziffern in der Kriminalitätsstatistik zu beleuchten, führt die Stadt seit 2012 in regelmäßigen Abständen groß angelegte Sicherheitsbefragungen durch. Bislang im Vier-Jahres-Rhythmus, künftig aber wohl alle zwei Jahre.
Ob Angst vor Einbrüchen, Übergriffen oder Beleidigungen auf der Straße, Lärm, Müll, fehlende Beleuchtung, Alkohol-Cliquen, Drogenprobleme, Poser oder Phänomene wie die Flüchtlingskrise 2015 oder die Corona-Regeln seit 2020: Ganz unterschiedliche Daten, Fragen und Empfindungen fließen in den diesmal 17 Seiten starken Fragenkatalog ein, den die Teilnehmerder neuen Befragung erhalten. „Es ist ein wichtiges Instrument, um aus erster Hand, aus Sicht der Bürger zu erfahren, wie sicher sie sich in Mannheim und konkret in den jeweiligen Stadtteilen fühlen“, betont CDU-Politiker Specht.
Kriminologe betreut Befragung
Wie es in der Natur einer jeden Statistik liegt, rücken bei der Auswertung gerade die negativen Ausreißer in den Fokus. Der Jungbusch, die östliche Innenstadt und die Neckarstadt-West gingen bei den letzten Audits als soziale Brennpunkte hervor. Die Stadt reagierte gezielt, unter anderem mit der Einführung Runder Tische in den betroffenen Quartieren. Nun ist man gespannt, ob die neue Befragung bereits Veränderungen erkennbar werden lässt, ob sich die gefühlte Aufenthalts- und Lebensqualität in besagten Vierteln verbessert hat.
Seit 2012 wird die Befragung von Dieter Hermann vom Institut für Kriminologie der Universität Heidelberg betreut. Wie es sich wohl für einen wahren Crime-Professor gehört, erscheint der Forscher mit dunklem Detektiv-Hut und schwarzem Mantel. „Nicht die objektive Kriminalitätslage, sondern die subjektive Perspektive bestimmt das Denken und Handeln der Menschen“, zitiert er Karl Marx, und zeigt auf, dass die Kriminalitätsfurcht oft eine selbsterfüllende Prophezeiung in sich birgt. Auf Rück- oder Wegzug sich unwohl fühlender Bewohner aus bestimmten Quartieren folge ein Abbau der sozialen Kontrolle und die Reduzierung der Lebensqualität, und somit als Folge häufig tatsächlich der zuvor nur befürchtete Anstieg der Kriminalität.
Energiekrise und Chemie-Unfall auch Themen
„Das Besondere am Mannheimer Modell aber ist die Ursachenorientierung und die Optimierungsstrategie“, erklärt Hermann. Die erhobenen Daten landen schließlich nicht in der Schublade, sondern führen zu konkreten Maßnahmen. Unter anderem das Frauen-Nachttaxi geht aus den Ergebnissen der Sicherheitsbefragung hervor. „Die Antworten sind anonymisiert. Es geht darum, bestimmte Muster zu erkennen und im besten Fall ein gezieltes Mikro-Management zu betreiben. Aber dafür braucht es Daten“, sagt Specht über die Stichprobe.
Auch aktuelle Themen werde man aufgreifen, wie die Energiekrise oder das Verhalten in Not- und Katastrophenfällen, wie zuletzt beim Chemie-Unfall am Hafen. Bei Fragen zum Vertrauen in die Institutionen wie etwa die Polizei – die laut Hermann bei den letzten Befragungen eine sehr positive Bewertung genossen – werde sich zeigen, welche konkreten Auswirkungen der tödliche Polizeieinsatz vom 2. Mai auf das subjektive Sicherheitsempfinden der Mannheimer hat. Auf genderbasierte Viktimisierung, auf die Kriminalitätsfurcht von Frauen, hatte man sich schon 2020 spezialisiert. Nun fließen auch gezielte Fragestellungen zum Sicherheitsempfinden und möglicher Hasskriminalität gegen LSBTI-Menschen, also Schwule, Lesben oder Transsexuelle, mit in die Befragung ein.
Frei von der Leber weg antworten
Neu ist auch der Wechsel von einem gedruckten Fragebogenkatalog hin zu einer reinen Online-Befragung. Bereits 2020 wurde die digitale Variante als Hybrid erprobt und keine signifikanten Unterschiede zwischen geklickter und angekreuzter Antwort-Methode festgestellt. „Dadurch sind wir vermutlich bei der Auswertung um drei Monate schneller“, erklärt Hermann. Durch die engere Taktung, durch die Verkürzung der zeitlichen Abstände, könne man dann auch möglichst rasch auf aktuelle Probleme reagieren.
Flüchtlingswelle, Corona, Energiekrise – eines hat Christian Specht im vergangenen Jahrzehnt gelernt: „Die Lagen und Probleme ändern sich schnell.“ Befragungen über Empfindungen im Vier-Jahres-Turnus gegenüberzustellen, erscheint zunehmend schwieriger, weshalb nun alle zwei Jahre nachgefragt werden solle. Man hoffe nun, dass sich möglichst viele der 25.000 Teilnehmer einen Ruck und „frei von der Leber weg“ ihre Antworten geben, um ein klares Bild über das Sicherheitsgefühl zu zeichnen. „45 Minuten muss man sich schon Zeit nehmen“, betont Hermann. Spätestens zum Präventionstag am 12. und 13. Juni kommenden Jahres sollen die Ergebnisse veröffentlicht und diskutiert werden.