Mannheim
Mannheimer Filmseminar: Regisseurin Claire Denis auf der Spur
Poetisch und fesselnd, lebendig und intim, hieß es bei der Preisverleihung der Berlinale, sei Claire Denis’ jüngstes Liebesdrama „Avec amour et acharnement“ (Mit Liebe und Hartnäckigkeit). Umso bedauerlicher, dass dieses Werk noch nicht zu den Filmen zählt, die beim „19. Mannheimer Filmseminar – Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie“ gezeigt werden. Dafür jedoch, und das ist kein schlechter Ersatz, sind gleich sechs andere ihrer Filme zu sehen und in Vorträgen zu hören, was diese ausmacht.
Das Programm startet am Freitag, 6. Mai, mit Denis’ Debüt „Chocolat“ (1988), das man nicht mit der gleichnamigen romantischen Komödie mit Juliette Binoche und Johnny Depp verwechseln sollte. Denis’ Liebesfilm trägt den Untertitel „Verbotene Sehnsucht“ und spielt in Kamerun. Die Filmemacherin selbst ist als Tochter eines Kolonialbeamten dort sowie in Burkina Faso und Dschibuti aufgewachsen. Für ihr erstes Werk schöpfte sie entsprechend aus autobiografischen Erfahrungen. Die Kölner Psychoanalytikerin Sabine Wollnik wird in einem Vortrag dem „(post)kolonialen Blick“ in „Chocolat“ nachspüren.
Bei großen Filmemachern gelernt
Mit Denis’ 2016 entstandenen Liebesfilm „Meine schöne innere Sonne“, diesmal tatsächlich mit Juliette Binoche, und dem Singledasein in Paris befassen sich die Psychoanalytiker Marie-Luise Waldhausen und Christoph Walker in ihren Überlegungen „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus“. Daneben zu sehen und von filmwissenschaftlichen Vorträgen begleitet sind der Militärfilm „Der Fremdenlegionär“, das Drama „35 Rum“ über Pariser, deren Vorfahren aus den ehemaligen Kolonien stammen, das außergewöhnliche Science-Fiction-Kammerspiel „High Life“, abermals mit Binoche und dazu Robert Pattinson, sowie der Horrorfilm „Trouble Every Day“ mit Béatrice Dalle als männermordender Sexbestie, der in Deutschland erst vor wenigen Wochen, und damit rund 20 Jahre nach seiner Entstehung, in einige Kinos gekommen ist.
Die Filme von Claire Denis, die bei so prominenten Regisseuren wie Jacques Rivette, Costa-Gavras oder Jim Jarmusch gelernt hat, entsprechen nicht dem klassischen Erzählkino und sind gerade deshalb interessant und spannend. Die heute 73- oder 75-jährige (die Angaben schwanken) Professorin an der Pariser Filmhochschule La Fémis erzählt aus einer neuen, möglicherweise weiblichen Perspektive in neuer Form: mit Gesten, Blicken und starker Betonung des Körperlichen. Sie findet neue Themen oder reflektiert alte aus dieser neuen Perspektive.
Zuschauer ist gefordert
Ihr Stil und ihr Montage-Rhythmus werden bisweilen mit Interpretationen im Jazz verglichen, ihre Figuren leben am Rand der Gesellschaft, wo sie sich mühsam ihren Weg suchen müssen. Denis forscht sozusagen nach, was die Welt ihrer Figuren zusammenhält: Alltag und Routine, Fremdheit und Zärtlichkeit, Gewalt und Leidenschaft, Traum und Erinnerung. Einfach sind sie und die Motive ihres Handelns dabei nicht zu durchschauen, vielmehr ist der Zuschauer gefordert, sie sich zu erschließen. Beim 19. Mannheimer Filmseminar bekommt er dabei Hilfestellung.
Noch Fragen
19. Mannheimer Filmseminar, 6. bis 8. Mai, weitere Infos: www.cinema-quadrat.de