Ludwigshafen Böse Überraschungen bietet der Adventskalender in Ulrich Thuls Ausstellung

„Vom Leben gezeichnet“ sind die Tusche-Porträts in Ulrich Thuls Ausstellung im Kulturcafé Franz & Lissy.
»Vom Leben gezeichnet« sind die Tusche-Porträts in Ulrich Thuls Ausstellung im Kulturcafé Franz & Lissy.

Selbst im Lockdown gibt es mehr als nur Speisen und Getränke im Café Franz & Lissy. Wer an den Schützenplatz kommt, um sich sein vorbestelltes Essen abzuholen, kann sich zugleich die Grafik-Ausstellung „Heiter bis wolkig“ besichtigen. Der Ludwigshafener Künstler Ulrich Thul bringt mit seinen schwungvollen Titeln einen Hauch Humor in ernste Angelegenheiten.

Einige Arbeiten stehen gut sichtbar in den Schaufenstern des ehemaligen Ladenlokals an der Lisztstraße, alle übrigen hängen aber in den derzeit verwaisten Gasträumen. Aber nach individueller Vereinbarung öffnet sie das Café gerne, verspricht Eleonore Hefner, die Betreiberin des Hauses.

„Heiter bis wolkig“ ist hier die dritte Ausstellung zum 25. Jubiläum des deutsch-russischen Kulturaustauschprojekts Quattrologe, dem Hefner vorsteht. Ulrich Thul ist der erste deutsche und der erste Ludwigshafener Künstler, der in diesem Rahmen zu sehen ist, und seine Ausstellung soll verlängert werden, bis eine Öffnung wieder möglich ist.

Gleichermaßen prominent und doch etwas versteckt über der Bar neben dem Ausgang hängt nun sein ausdrucksvolles Porträt eines Mannes mit weit auseinanderliegenden Augen auf rauem, fast knittrig erscheinendem und löchrigem Papier. Eine kraftvolle Tuschezeichnung, die fast den Eindruck eines Gemäldes auf Leinwand vermittelt. „Vom Leben gezeichnet“, lautet der Titel des Bildes, das doch von Thul gezeichnet wurde. Von hier oben blicken befremdlich eckige Augen gleichsam auf das ganze Café und die übrigen Tuschezeichnungen herab.

Der Titel ist der Ausgangspunkt

Tiefschwarze Chinatusche dominiert die meisten der acht großformatigen und 18 kleineren Bilder, während ausgewählte Acrylfarben und bunt Collagiertes nur sparsam Akzente setzen. Breite, sicher und gekonnt gesetzte Striche dominieren alle feineren Linien, die erst bei näherem Hinsehen zu voller Geltung gelangen und doch die dick gesetzten nur zu umspielen scheinen. Thul gibt dabei der Spontaneität, die die Mehrzahl der Bilder sehr lebendig erscheinen lässt, sichtlich Raum. Porträts, Menschen, eine Gruppe Urban Gardeners sind darauf zu erkennen oder auch ein „Wiener Schnitzel auf Wiener Geflecht“.

Überhaupt spielen die Titel eine nicht unwesentliche Rolle. „Manchmal ist der Titel schon der Ausgangspunkt, eine Idee, die ich dann zeichnerisch umsetze. Manchmal ist es aber auch so, dass ich einfach losmale, vielleicht mit der Grundierung beginne und mir während des Malprozesses ein Titel dazu einfällt“, berichtet der 61-jährige Mundenheimer Künstler, der sein Atelier im ehemaligen TWL-Umspannwerk hat.

Leise rieselt das Reh

Oftmals hat er die Titel direkt ins Bild geschrieben, wo sie, äußerst schwungvoll ausgeführt und entsprechend schwer entzifferbar, sowohl ein gestalterisches als auch ein einführendes Element bilden. „Giuseppe Verdi unterschreibt einen Gewerkschaftsvertrag“, „Leise rieselt das Reh“ oder ähnlich cartoonhaft humorvoll formuliert, eröffnen sie häufig den Zugang zu Zeichnungen, die einen größeren Spielraum bieten und zugleich mehr an Aufmerksamkeit einfordern, als die dazugehörige, pointierte Bildunterschrift. Vielfach sorgen Thuls Textzeilen für die Heiterkeit, die der Ausstellungstitel verspricht, während die Bilder dahinter Wolkenverhangenheit spiegeln. Vielversprechend „Adventskalender“ heißt hier eine Tusche- und Grafitzeichnung, die Thul für die im Dezember eröffnete Ausstellung ausgewählt hat, doch hinter den zwei Dutzend Türchen verbirgt sich nur Unangenehmes: „Überstunden“, „Urlaubssperre“, „Intransparenz“ oder „Arbeitsverdichtung“.