Landau
Wie ein Phantom für Wirbel in der Politik sorgt
Eine neue Stimme erklingt in der Landauer Lokalpolitik. Auftritt Caroline Neumann, eine junge Frau aus Landau. Sie publizierte in einem Mitmachportal vier Artikel: drei davon über Lokalpolitik, mit dem vierten befassen wir uns später. Der jüngste Beitrag hat das Interesse der politischen Akteure geweckt. Mitglieder der SPD teilen den Text, der dort zitierte CDU-Vorsitzende Oliver Blanz reagiert darauf. So wird man in Windeseile relevant.
In diesem neuesten Beitrag wird die CDU angegriffen, weil sie, wie Blanz in einer geschlossenen Facebook-Gruppe sagt, am Koalitionsvertrag festhalten, also den Kandidaten der Grünen, Lukas Hartmann, zum Bürgermeister wählen will. Medien dürfen solche Wortmeldungen in privaten Gruppen nicht weiterverbreiten, es gilt der Schutz der Privatsphäre. Auch deshalb ist Blanz nicht begeistert, zudem betont er, nie mit Neumann gesprochen zu haben. Meckern will er aber nicht, er halte Kritik aus. Die Autorin schlägt sich im Beitrag auf Seiten der SPD, wie in anderen Wortmeldungen auch. Aus Kommentaren und Beiträgen Neumanns liest man heraus, dass sie die Grünen zu hassen scheint. Doch wer ist Caroline Neumann?
Bei den Fernsehsendern nicht zu finden
Sie gibt im Netz an, als Journalistin zu arbeiten. Das ist keine geschützte Berufsbezeichnung, so darf sich jeder nennen. Aber: Neumann behauptet, sie arbeite für einen französischen Nachrichten-Spartenkanal namens CNEWS und einen armenischen Sender namens News.am. Am 6. April behauptet sie auf ihrem Facebook-Profil: „Hier in Armenien wird die Pressefreiheit sehr großgeschrieben. (...) Der größte Medienmogul betreibt auch zwei TV-Sender in Amerika, für einen, den Sender USArmenia TV bin ich auch täglich in den Nachrichten auf Sendung.“ Bei allen drei Sendern ist kein Hinweis auf eine Mitarbeit Neumanns zu entdecken. Sie wird sowohl bei den Seiten-Suchfunktionen als auch über gezielte Google-Suchen nicht gefunden. Beim US-Sender gibt es immerhin Listen von Mitarbeitern – auch wenn diese offensichtlich unvollständig sind und der Stand unbekannt ist. Zu finden ist sie auch dort nicht. Auf den Videos, die sie auf Social Media teilt, ist sie nicht zu sehen. Es kommt auch nicht vor, dass Armenier ihre Beiträge kommentieren.
Die Spur führt in ein Stadtdorf
Dass eine Journalistin mit dieser Vita und den Schwerpunkten „Internationale Politik, Kriegsjournalismus, Katastrophenschutz, Lokalpolitik“ (Eigenauskunft) kostenlos für ein Portal in der Südpfalz schreibt, ist ungefähr so, als würde der Oberbürgermeister der Stadt Landau in seiner Freizeit unbezahlt als Praktikant beim Bauhof einer anderen Stadt arbeiten, kommentiert ein Lokalpolitiker sinngemäß.
Die RHEINPFALZ hat sowohl in der Gruppe gefragt als auch mit einigen Personen Kontakt aufgenommen – darunter bekannte Landauer aus der Freundesliste Neumanns. Menschen, von denen man weiß, dass sie existieren. Keiner davon gibt an, sie je persönlich getroffen zu haben. Einige haben sich aber selbst schon gefragt, ob es sich um ein Fake-Profil handelt. Mehrere sagen, sie hätten versucht, ein Treffen mit Caroline Neumann zu vereinbaren, aber diese habe immer angegeben, gerade jetzt im Ausland zu sein. Ein Landauer sagt, er habe über den Facebook-Messenger bereits mit Neumann telefoniert – ohne Bild. Gesehen hat er sie nicht. Aber: Einige sagen, es könne sich lohnen, Michael Schreiner aus Godramstein zu fragen.
Bild von einer kanadischen Arztpraxis?
Er erinnere sich, dass er den Namen zum ersten Mal im Zusammenhang mit einem Aushang, auf dem gegen den Godramsteiner Ortsvorsteher Michael Schreiner (CDU) polemisiert wurde, sagt beispielsweise der Sozialdemokrat Florian Maier. Auch Christdemokraten verweisen auf ihren Parteifreund aus dem Stadtdorf. Schreiner spricht von einer Hetzkampagne unter Pseudonym gegen sich, ungefähr in den Jahren 2020/21. Auch der Ortsbeirat habe sich damals an seine Seite gestellt. Offen sei niemand aufgetreten, auch Neumann selbst nicht. Der Ortsvorsteher hat sich dann dafür entschieden, nicht auf die Kampagne aufmerksam zu machen, sondern sie auszusitzen. Irgendwann sei dann auch Ruhe gewesen, berichtet er.
Auch das Profilbild wirft Fragen auf. Schreiner sagt, er habe das Bild bereits vor Jahren im Netz gesucht und sei dabei auf eine Arztpraxis in Kanada gestoßen. Zu dieser habe er Kontakt aufgenommen, aber nie eine Antwort erhalten. Die Google-Bildersuche spuckt zwar Ergebnisse aus, aber: Das Profilbild ist auf den entsprechenden Seiten nicht zu finden. Normalerweise ist das ein gutes Zeichen – heißt, das Bild ist nie woanders erschienen. Aber: Das auf Facebook (und Twitter) genutzte Bild ist mit einem Filter bearbeitet. Das wirkt sich auf die Suche aus.
Jemand sagt, er habe sie getroffen
Auch die RHEINPFALZ hat mehrfach Kontakt zu Neumann aufgenommen. Persönliche Treffen sind nie möglich gewesen, weil sie immer gerade im Ausland gewesen sei. Videotelefonie gehe auch nicht, man solle lieber per Messenger oder E-Mail kommunizieren, wünscht sie. Als die Redaktion sie mit der These konfrontiert, dass es sich um eine gefälschte Identität handelt, gibt es nur eine Reaktion: Schweigen. Auch auf Facebook erscheint ab dem 13. April kein neuer Beitrag von ihr.
Kommen wir zurück den den publizierten Artikeln. Drei befassen sich mit Lokalpolitik, der vierte mit einem Mitmach-Programm für Kinder von „Die Spurmacher“. Dort sind Kontaktdaten zu Thomas Kattner angegeben – zusammen mit seiner Frau Chef der „Einzelfirma Kattner-Effekt-Marketing“, die das Spurmacher-Projekt durchführt. Er habe Neumann getroffen, vor einigen Jahren in einem Café in der Landauer Innenstadt, berichtet er. Sie habe gehetzt gewirkt, behauptet Kattner. Er wäre somit wohl der einzige, der sie je getroffen hat.
