Landau
Tote Tauben: Behörden ignorieren Hinweise von Anwohnern
Was sich in den vergangenen drei Wochen im stillgelegten Bahnstellwerk unter der Landauer Horstbrücke abspielte, erfüllt so ziemlich alle Kriterien eines Krimis: Es gibt Tote, Zeugen und die große Schuldfrage, deren Beantwortung immer neue Informationen ans Tageslicht befördert. Aktuell stehen die Stadt und das Veterinäramt im Verdacht, Hinweisen aus der Bevölkerung nicht rechtzeitig nachgegangen zu sein und eine Mitschuld am Tod von 18 Tauben, die im Gebäude eingesperrt waren, zu tragen. Grund für die lebensbedrohliche Lage der Tiere war ein über das Dach gespanntes Netz, das den Leerstand in ein Taubengefängnis verwandelte. Laut einer Sprecherin der Deutschen Bahn wurde das Netz sowie eine zusätzliche Folie zur Sicherung des Gebäudes gespannt.
Die verzweifelten Flügelschläge der eingesperrten Tiere riefen nur kurze Zeit nach der Fertigstellung der Gebäudearbeiten bereits aufmerksame Anwohner und Tierschützer auf den Plan. Wie die Polizei Landau bestätigt, sind mehrere Anrufe mit Hinweisen eingegangen, bevor die Tiere in einer gemeinsamen Rettungsaktion von Polizei und Feuerwehr am 11. November befreit wurden. Für 18 Tauben kam der Befreiungsschlag zu spät. Sie konnten nur noch verendet geborgen werden.
Polizei erhält Hinweise von Bürgern
Hätte der Tod der Tiere verhindert werden können? Ja, sagt Oliver Görgen. Er selbst wohnt in unmittelbarer Nähe in der Horststraße und habe von dort die Arbeiten am Stellwerk und die Situation der Tauben verfolgt. Seine Anrufe bei der Stadt seien erfolglos geblieben: „Die haben mich nur abgewimmelt und ans Grünflächenamt weitergeleitet“, erinnert er sich. Für Göger steht fest: „Das war fahrlässig. Es wurde viel zu spät reagiert.“ Oliver Görgen ist nicht der einzige besorgte Anwohner, der sich Hilfe von außen gesucht hat.
Die erste Beschwerde ging laut Hans-Jürgen Resch von der Polizeiinspektion Landau bereits am 6. November ein. Gegen Nachmittag habe eine besorgte Bürgerin angerufen, nachdem sie vergeblich versucht habe, mit der Stadt und dem Veterinäramt Kontakt aufzunehmen. Daraufhin habe die Polizei das Anliegen ans Ordnungsamt sowie ans Veterinäramt bei der Kreisverwaltung SÜW weitergeleitet. Bis tatsächlich gehandelt wurde, vergingen weitere sechs Tage, in denen die Tauben ohne Futter im Stellwerk eingesperrt waren.
Behörden machen Deutsche Bahn verantwortlich
Stadt und Veterinäramt machen die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Bahn für das versäumte Einschreiten verantwortlich. „Das Gelände der DB Netz darf nicht betreten werden, ohne Hausfriedensbruch zu begehen“, erklärt Kreissprecherin Marina Mandery für die Seite des Veterinäramts. Von der Situation vor Ort wusste das Amt schon früher: Am 7. November habe man den Polizeibericht vom Vortag per Fax erhalten und daraufhin eine Amtstierärztin zu einer Vor-Ort-Kontrolle geschickt. Im Bericht habe die Ärztin vermerkt, dass das Betreten des Bahngeländes „strafbar“ sei. Im Verlauf der Woche habe man mehrmals erfolglos versucht, mit der DB Netz AG Kontakt aufzunehmen, betont Mandery.
Auch bei der Stadt war man über die Lage an der Horstbrücke informiert: „Tatsächlich ist es so, dass besorgte Bürgerinnen und Bürger sich bei mehreren Stellen in der Stadt und auch in unserem Haus gemeldet haben“, erklärt Stadtsprecherin Sandra Diehl auf Nachfrage der RHEINPFALZ. Den Polizeibericht vom 6. November habe das Ordnungsamt an das Veterinäramt weitergeleitet. Ein weiterer Hinweis sei am 9. November beim Umweltamt eingegangen. „Die Lage war insgesamt unklar, auch, weil sich das Gebäude auf Privatgelände befindet. Der Eigentümer blieb letztlich untätig“, verweist Diehl auf die Verantwortung der Bahn. Für die Zukunft wolle man sich mit dem Unternehmen abstimmen, um in einem ähnlichen Fall schneller reagieren zu können. Für die verendeten Tauben kommt diese Einsicht zu spät.
Tierschützer suchen mit Deutscher Bahn nach Lösung
Der Anruf, der letztendlich die Rettungsaktion in Gang setzte, kam von der Tierschützerin Sandra Manier. „Die Polizei hat mir schon am Telefon gesagt, dass Anrufe bezüglich der Tauben eingegangen seien und sich das Ordnungsamt darum kümmern wollte“, erinnert sich die zweite Vorsitzende des Vereins Ehrenamtliche Wildvogelhilfe. Durch die Berichterstattung der RHEINPFALZ sei die Rohrbacherin auf den Fall aufmerksam geworden und habe sich selbst vor Ort ein Bild von der Situation verschafft.
Probleme bei der Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn scheint es bei Manier und Harald Loos von der Taubenhilfe Landau nicht zu geben. Im Gegenteil: „Herr Wonerth von der Bahn ist absolut kooperativ und ist im Gegenzug dankbar für unsere Kooperation“, berichtet Harald Hoos nach einer gemeinsamen Begehung am vergangenen Freitag. Dabei habe man sich darauf geeinigt, eine Seite des Netzes zur Horststraße hin zu öffnen, sodass die Tauben ein- und ausfliegen können. Außerdem habe die Bahn zugesichert, die zerbrochenen Scheiben und Fensterrahmen herauszunehmen und weitere Sicherungsmaßnahmen zum Wohl der Tiere durchzuführen. „Die Tauben haben eine Unterkunft, und das Dach bleibt gesichert. Die entsprechenden Arbeiten werden zeitnah seitens der von der Bahn beauftragten Firma ausgeführt“, zeigt sich Hoos optimistisch.
Staatsanwaltschaft prüft Verfahren gegen Bahn
Beide Seiten seien an einer langfristigen Zusammenarbeit interessiert. „Die Bahn hat uns auch zugesichert, viermal im Jahr kontrollieren zu wollen, wie es im Gebäude aussieht. Da dürfen wir dann auch mit und nach den Tauben schauen“, so Manier.
Von einer Anzeige gegen die Deutsche Bahn wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz wollen Hoos und Manier aktuell absehen. Grund dafür sei nicht nur das kooperative Einlenken seitens der Bahn, sondern vor allem die Tatsache, dass der Sache bereits juristisch nachgegangen wird.
Laut der Landauer Oberstaatsanwältin Anne Hermann wird nach dem Polizeieinsatz geprüft, ob Ermittlungen wegen eines Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz aufgenommen werden. „Wir fügen im Moment alles zusammen und entscheiden dann“, sagt Hermann am Dienstagvormittag zum aktuellen Stand. Bis eine Entscheidung steht, werde es wohl „eher noch Wochen als Tage dauern“, so die Juristin.