Kreis Kusel RHEINPFALZ Plus Artikel „Kinder sind meine Lehrer“ – Der Künstler Walter Graser

Walter Graser in seinem Atelier in Rammelsbach.
Walter Graser in seinem Atelier in Rammelsbach.

„Für mich ist das der Normalzustand. Ein Künstler lebt immer in der Corona-Zeit“, sagt Walter Graser. „Weil er daheim arbeitet und ihn niemand besucht.“ Der 1937 in Köln geborene Künstler und Grafiker lebt und arbeitet nach Stationen in der Vorderpfalz, den südfranzösischen Pyrenäen und Ulmet seit 2015 in Rammelsbach bei Kusel.

„Ich habe ständig Ausstellungen, aber zur Zeit geht das ja nicht,“ erzählt er ruhig und betrachtet dabei eine Reihe von kleinen Figuren, die er „Ichis“ nennt. „Heute sind Selfies ja die große Mode, die Leute machen das mit ihren Handys. Aber eigentlich sind das keine Selbstbildnisse, denn als 'Selbst' wird man geboren. Aufgrund dessen baut man dann ein 'Ich' auf. Allerdings zeigt das 'Ich' nur das veränderliche Äußere, das 'Selbst' aber bleibt das ganze Leben.“

„Gute Bilder wachsen“

Überhaupt betont Walter Graser den organischen Charakter von Leben und Kunst. „Gute Bilder wachsen mit dir ein Leben lang“, ist er überzeugt. Diesen Prozess verdeutlicht er auch in seinen Bildern. „Du musst in alle deine Bilder etwas Neues hineinbringen, einen Gegensatz.“ Ihn erkennt Graser in starken Kontrasten, die eine Serie seiner abstrakten Arbeiten prägen, die ganz in schwarz-weiß gehalten ist. Oder im Verhältnis von Hell und Dunkel, denn oft sticht aus seinen Bildern ein helles Element hervor bildet einen spannungsreichen Gegenpol.

Er findet ihn aber auch im Unterschied zwischen Natur und Kultur. „In der Natur gibt es keine Kultur.“ Als Beispiel deutet er auf die Figur eines in Eisen geschweißten Hasen hin. „Da kann man durchgucken, das Innenleben sehen. Und das ist verboten. Das ist dann wie in der Corona-Zeit: Man sollte sich hinter einer Maske verschanzen.“ So veranschaulicht Graser seine Sicht auf die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft. „Der Künstler lebt in der Gesellschaft und alles, was in der Gesellschaft passiert, passiert dem Künstler genauso. Aber der Künstler ist immer nur ein Außenseiter in der Gesellschaft, weil er keine Produkte herstellt. Bilder sind keine Produkte, Bilder sind Ausdrucksformen des Künstlers.“

Und dabei gibt es keine feste Form. „Wenn ich Farbe auf die Leinwand spritze, lasse ich etwas geschehen und übertrage Verantwortung. Dabei gibt es keine zwei gleichen Tage. Jeder Tag ist anders. Dadurch, dass ich keine Produkte mache, bin ich immer mir selbst ausgeliefert. Ich weiß nicht, was morgen passiert in der künstlerischen Vision. Die Leute, die feste Formen haben, krepieren innerlich, weil sie einer Illusion nachhängen“, ist Walter Graser überzeugt. „Ich muss das, was passiert, annehmen. Und ich darf nicht auf andere schielen.“

Das gilt vor allem in der Kunst, sowohl für den Künstler als auch für den Betrachter. „Jedes Bild wird von dem Betrachter gemacht. Wenn tausend Leute das gleiche Bild anschauen, dann sind das tausend Bilder. Viele Betrachter vergleichen Kunst mit dem, was sie schon kennen. Und das ist der Tod der Kunst. Dann ist man in seinem System drin.“

Inspiration findet der Künstler vor allem in Kinderarbeiten. „Kinder, das sind meine Lehrer“, sagt Graser, der zwischen 1967 und 1972 Kurse für Kindermalerei im Haus der Jugend in Ludwigshafen gegeben hat und von 1969 bis 1977 als Lehrer für Bildnerisches Gestalten am Gymnasium in Grünstadt tätig war. Heute hat er noch umfangreiche Mappen von Kinderarbeiten in seinem Atelier in Rammelsbach, die in dieser Zeit entstanden sind. In ihnen hat er die Entwicklung der Kinder über mehrere Jahre dokumentiert. „Die Kinder haben in zwei Jahren zwölf Bilder gemalt“, erinnert er sich. „Hier, in diesem Bild sind feste Mauern außen herum, da sind keine Prozesse sichtbar, das ist eine feste Form. Die meisten Kinder wachsen so in einem „guten“ Haushalt auf, alles hat seine Ordnung.“

Wenn Mauern fallen

Dann nimmt Graser andere Bilder aus dieser Mappe, um die Entwicklung des Kindes nachvollziehbar zu machen. „Ich habe keine Vorgaben gemacht, der Lehrer darf sich nicht einmischen. Das Kind hat festgestellt: Es ist auf sich selbst angewiesen. Dann merkt es: Das stimmt so nicht in meinem Bild – und lässt in der nächsten Arbeit die Mauern fallen. Dann können die Gegenstände untereinander Kontakt aufnehmen. Und plötzlich beginnen Aktionen und Prozesse.“

Das ist Graser auch bei seinen eigenen Arbeiten wichtig. „Meine Bilder sind immer Situationen von Prozessen. Die Welt ist nie abstrakt, das sind Auseinandersetzungsprozesse. Wenn ich versuche, mich dem zu entziehen, dann scheitere ich.“

Entspannung findet Walter Graser beim Tischtennisspielen – normalerweise. „Andere spielen, um einen Gegner klein zu machen. Die wollen gewinnen, das ist ein Kampf. Ich spiele wegen der Körperlichkeit, der Bewegungen, die ich im Alltag nicht mache. Ich spiele so gut ich kann, um meinem Partner ein guter Partner zu sein.“

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